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Donnerstag, 3. Dezember 2020

Fluch oder Segen?

Mit der Hoffnung ist das so eine Sache. Wenn Du in ernster Sorge bist und um das Leben eines geliebten Wesens bangst, sagt immer jeder, dass Du bloß nicht die Hoffnung aufgeben sollst. Grundsätzlich ist es glaube ich auch richtig und wichtig, dass man einen positiven Ausgang visualisiert. Gestern jedoch fragte ich mich plötzlich ernsthaft, ob die neu aufkeimende Hoffnung ein großes Geschenk ist oder vielleicht doch ein schrecklicher Fluch. Wenn Du Dich bis zuletzt an dieser Hoffnung festklammerst und sie dann vielleicht doch enttäuscht wird. Wenn diese Illusion dann in 1000 Teile zersplittert, wie Glas. Das ist grausam. Wenn die Chancen 50/50 stehen, ist nun einmal beides möglich. Was also tun? Nicht, dass wir es wirklich bis zum äußersten kontrollieren könnten. Ich weiß nicht ob das funktioniert.

Was aber wäre die Alternative? Nicht zu lieben? Denn der Preis, den wir für die Liebe zahlen, ist Angst und Trauer. Weil wir zwangsläufig eines Tages diese Liebe verlieren werden. Der Tod wird uns trennen. Unvermeidbar. Zumindest in diesem Leben. Aber ich sage, dass es das wert ist. Wirklich zu lieben bedeutet so viel und ist so groß, es ist jede Träne und jeden Schmerz wert.

Wir stecken gerade in so einer Situation. Die meisten hier dürften wissen, dass wir drei Katzen haben, die für uns einfach wortwörtlich unsere Kinder sind. Zwei Jungs und ein Mädel, genauer gesagt. Alle drei stammen gebürtig aus dem Ausland und wurden uns über den Tierschutz vermittelt. Unser ältester heißt Lucky. Er kam Anfang 2008 zu uns, als wir Gizzmoh gerade ganz frisch nach langer, furchtbarer Krankheit verloren hatten.

Sein Name ist buchstäblich Programm. Er war unser Glücksbringer. Er hat uns alle auf viele Arten gerettet und geholfen, diesen kaum erträglichen Verlust zu verschmerzen. Er brachte das Lächeln zurück zu uns nach Hause. Und er hatte selber Glück gehabt. Lucky wurde durch die spanischen Straßen streunend gefunden, an dem Tag, als Gizzmoh zum letzten Mal in die Klink eingeliefert wurde. Er suchte ein liebevolles Zuhause und wir hatten viel zu geben. Gizzmohs Lebensgefährtin, Shiva, hatte ihr ganzes Leben an dessen Seite verbracht und befand sich ebenfalls in tiefer Trauer. Es ging ihr nicht gut. Keinem von uns ging es gut. Aber dann fanden wir Lucky. Oder das Schicksal fand uns für ihn. Und auf leisen, samtigen Sohlen schlich sich wieder Lebensfreude bei uns ein.

So genau kann bei einem Findelkind natürlich niemand sagen, wie alt es ist. Damals wurde er auf ca. 1 - 2 Jahre geschätzt. Er war also schon ausgewachsen. Aktuell ist Lucky somit mindestens 13 Jahre alt, möglicher Weise aber auch schon älter. Er war schon immer häufig krank, kein überragender Esser und ziemlich dünn. Ständig erkältete er sich, bekam Schnupfen, Husten und Halsentzündungen. Durchzug oder Winterkälte kann er gar nicht vertragen. Alles unter zwanzig Grad ist für ihn quasi zu kalt. Da muss man gerade im Herbst und Winter ganz besonders aufpassen, dass bloß in seiner Nähe nicht die Fenster zu lange offen stehen.

Durch die Fußbodenheizung ist unsere Wohnung in der dunklen Jahreshälfte muckelig warm, gelinde ausgedrückt. Manchmal eher wie Sauna. Aber wenn man sie einen Tacken zu weit herunter regelt, schaltet sie ab und es wird erstmal eisig. Außerdem lieben Katzen warme Böden und genießen es sehr, sich darauf herum zu aalen. Allerdings hat auch dies seine Tücken. Die Luft ist trotz (neu angeschafftem) Zimmerbrunnen und diversen, in den Räumen verteilten Wasserschälchen, ziemlich trocken. Was wiederum für die Schleimhäute auch nicht  gut ist und Infekte begünstigt. 

In den letzten Wochen war Lucky mal wieder mehrfach krank gewesen. Kehlkopfentzündung, tränende Augen, die sich entzündet hatten, Nießattacken. Was vor ungefähr einem Monat zum ersten Mal echte Angst in mir auslöste war, dass er plötzlich eines späten Abends offensichtlich sehr schlecht Luft bekam. Sein Atem ging laut pfeifend, rasselnd und röchelnd. Man konnte sogar an seinem Rumpf dieses Brodeln spüren.

Ich steckte ihn kurzer Hand in seine Katzenbox und ließ ihn über einer Schale mit kochendem Wasser und Meersalz für einige Minuten inhalieren. Das hat er zwar nicht gerne und in die Box zu müssen stresst ihn generell extrem. Aber es half ein wenig und verschaffte uns Zeit, bis wir ihn am nächsten Tag bei unserer Hausärztin vorstellen konnten.

Sie meinte auch, dass es ihn dieses Mal ganz schön erwischt hatte. Er bekam einmal mehr das volle Programm. Antibiotika, Cortison, Aufbaumittelchen. Eine leichte Besserung stellte sich relativ rasch ein und nach ca. einer Woche war er so gut wie beschwerdefrei. Kurz danach kam dann leider die Augenentzündung und der Junge hatte wieder keine Ruhe, musste erneut zur Ärztin. Zweimal am Tag Salbe ins Auge schmieren. Auch dies regte ihn auf, aber es hielt sich in Grenzen.

Am Montagvormittag dieser Woche setzten aus heiterem Himmel die lauten Atemgeräusche wieder ein. Er bekam sichtbar schlecht Luft. Glücklicher Weise konnte ich für den selben Tag einen Termin bei der Ärztin bekommen und mein Mann fuhr mit ihm hin. Es gefiel ihr ganz und gar nicht. Sie konnte ein allergisches Asthma nicht ausschließen und riet uns, ihn am nächsten Tag in die Tierklinik zum Röntgen zu bringen. Was wir natürlich auch taten.

Die Spritzen hatten diesmal kein Stück geholfen und er war in wirklich schlechtem Zustand. Während der Autofahrt, in die ca. eine halbe Stunde entfernte Klinik, machten wir uns ernsthaft Sorgen, dass er ersticken könnte. Immer wieder hielt ich ihm dieses JHP Minzöl unter die Nase. Nicht die erste Wahl bei Katzen, das weiß ich. Aber für einen Moment schien er dann jedes Mal besser Luft holen zu können.

Wir waren uns die ganze Zeit über nicht wirklich sicher, ob er nun durch die Nase nicht atmen konnte oder zusätzlich auch nicht durch den Mund. Katzen sind das nicht gewöhnt, weswegen ihm das Fressen da schon schwer fiel. 

Die Röntgenaufnahme ließ dann auch auf eine Bronchitis schließen. Um allerdings die Ursachen zu erforschen musste ein Blutbild her. Es bestand die Möglichkeit, dass er an einem der drei lebensgefährlichen Katzenviren erkrankt sein könnte und dann hätten Salem und Snowhy auch direkt behandelt werden müssen. Die Blutabnahme konnte allerdings nicht durchgeführt werden, da er vor lauter Angst und Panik und Stress bei dem Versuch bereits beinahe erstickt wäre. Die Ärzte haben dann abgebrochen und vorgeschlagen, ihn über Nacht da zu behalten. Wir wollten ihn erst nicht dort alleine lassen und lieber am nächsten Morgen wieder hin fahren, um ihn dann unter eine leichte Narkose setzen zu lassen. Allerdings ging es ihm so rapide schlecht, dass wir ihn freiwillig wieder dem Arzt übergaben.

Gestern Morgen dann gelang die Blutuntersuchung. Es steckt schon mal keine der befürchteten, lebensgefährlichen Katzenvirusinfektionen dahinter. So viel wissen wir jetzt. Mehr aber auch nicht.

Es war übrigens der Geburtstag meines Mannes. Vielleicht könnt Ihr Euch vorstellen, was für ein bescheidener Tag das diesmal war. Immerhin ist uns spätestens seit dem Besuch in der Klinik klar, dass diese Geschichte womöglich nicht gut ausgehen wird. Zum Glück hatten wir frei.  Auf die Arbeit hätte ich mich nur schlecht konzentrieren können. Wir halten zusammen, geben uns gegenseitig Halt und Trost. Machen das Beste aus der Situation. Haben leckeres Essen bestellt und den ganzen Tag Weihnachtsfilme geguckt. Das tat gut. Ich fühle mich nämlich so erschöpft, als hätte ich tagelang nicht geschlafen. 

Nach einem längeren Telefonat mit einem der behandelnden Ärzte schöpften wir jedoch besagte neue Hoffnung. Wir wollen und hoffen und glauben, dass unser Lucky gerettet werden kann. Aber wir werden ihn auch nicht quälen, weil wir nicht loslassen können. Denn wir wissen, wie sich das anfühlt. So ist es nämlich bei Gizzmoh gelaufen. Ich kann und werde hier nicht ins Detail gehen. Aber ich sage gerne so viel, dass wir Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt hätten, um ihn zu retten. Um jeden Preis. Wir nahmen Wochen und Monate voller Schmerz und Leid für ihn in Kauf, weil wir Hoffnung hatten. Versteht Ihr? Untersuchungen, Operationen, Klinikaufenthalte und so viel Morphium, dass er uns am Ende kaum noch erkannte. Wir haben das getan, weil wir ihn liebten. Wir lieben ihn noch heute. Aber gerade weil wir Lucky lieben, werden wir ihm so etwas nicht antun. 

Das Ziel muss also sein, dass sein Gesundheitszustand erhalten werden kann und gleichzeitig auch seine Lebensqualität. Wir werden ihn nicht jeden Tag seines Lebens Angst und Stress und Schmerzen aussetzen. Er ist sehr sehr ängstlich und sehr sehr empfindlich. Das müssen wir berücksichtigen. Das sind wir ihm schuldig. Also treffen wir unsere Entscheidungen diesmal für ihn. In seinem Sinne. So gut wir eben können.

Aber wir werden ihn auch nicht aufgeben, so lange wir keine Gewissheit in die eine oder andere Richtung haben. Also wird morgen früh eine Untersuchung an ihm vorgenommen, die sich "Lavage" nennt. Dafür wird er in Narkose versetzt, was an sich schon in seinem Zustand ein großes Risiko darstellt. Sein Herz ist stark, ein Kämpferherz. Aber seine Atemorgane sind momentan eben stark beeinträchtigt. Hoffen wir das Beste!

Bei dieser Lungenspülung jedenfalls wird eine Flüssigkeit in die Bronchien geleitet und hinterher wieder aufgefangen. Die Sekrete können so auf verschiedene Viren, Keime, Bakterien und Erreger getestet werden. Vor allem ermöglicht dies die folgende Unterscheidung: Ob wir es mit einem chronischen bzw. allergischen Asthma zu tun haben (was sehr sehr schlecht und quasi unmöglich bei ihm zu behandeln wäre) oder mit einer bakteriellen Infektion. Eine solche, selbst wenn sie sehr stark ist, könnte mit großer Wahrscheinlichkeit durch eine hoch dosierte Antibiose, über einen Zeitraum von mehreren Wochen behandelt und ausgeheilt werden. Wenn die Ärzte genau wissen, mit welchem Erreger sie es zu tun haben, wissen sie auch welches Antibiotikum hilft. Wenn man es nicht mit einem resistenten Keim zu tun hat...

Also haben wir eine 50/50 Chance. Die Untersuchungsergebnisse sollten uns Anfang nächster Woche vorliegen. Bis dahin darf Lucky, wenn er die Narkose und die Untersuchung gut übersteht, morgen hoffentlich wieder mit zu uns nach Hause. Er bekäme dann ein noch nicht gezieltes Antibiotikum und Cortison, bis die Resultate bekannt sind. Wünscht uns Glück. Wünscht ihm Glück.


Freitag, 20. November 2020

Freundschaft

Dies ist (m)eine Hommage auf eine sehr besondere Form der Liebe, die mir im Leben häufig zu Teil wurde und damit wieder gut gemacht hat, was mir an Zuwendung in der Familie versagt geblieben ist.

Manchmal tue ich mir wirklich leid, so "ganz ohne Mama". Früher mehr als heute. Inzwischen sogar eigentlich kaum noch. Aber wisst Ihr was? Das wäre auch sehr ungerecht. All den Menschen gegenüber, die mir gesandt wurden. Die mich begleitet, geprägt, gestärkt und unterstützt haben. Was sie immer noch tun.

Wir alle sind irgendwie emotional verwundet, jede auf ihre Art. Aber zusammen sind wir stark. Jeff und Dodo (wie ich sie hier mit alten Kosenamen nennen möchte) waren meine Familie, als ich keine mehr hatte. Wir kannten uns aus der Schule und mit zunehmendem Alter wurden wir, aus verschiedenen Gründen, die uns dennoch verbanden, auch zunehmend aufmüpfiger. Später gehörte Mel für einige Jahre dazu, aber wir haben uns erst aus den Augen verloren und dann auch noch sehr unterschiedlich entwickelt. Was nicht schlimm ist, denn es gibt einen Part in unser beider Geschichte, der uns immer verbinden wird.

Heute darf ich eine Reihe von Frauen wahre Freundinnen nennen (und ich differenziere da wirklich sehr), die ich nur an zwei Händen abzählen kann. Was ich bei echter Freundschaft, wie ich sie definiere, als verdammt viel erachte. Denn in gewisser Weise habe ich ein sehr ambivalentes Verhältnis zu Menschen. Einerseits fiel es mir nie leicht zu vertrauen. Was mir aber lange Zeit überhaupt nicht bewusst gewesen ist. Andererseits habe ich ohne Ende ausschließlich bewegend gute Erfahrungen gemacht. So dass ich so gut wie nie in die Bredouille gekommen bin, einer neuen Freundin nicht zu vertrauen. Aber ich habe festgestellt, umso näher jemand mir kam, desto eher fühlte ich mich verletzlich und begann Mauern aufzubauen. Ganz ohne mein willentliches Zutun. 

Manche kamen und gingen. Manchmal weiß man einfach, dass es für immer ist.  Beides ist okay. Dodo wird für immer meine Schwester sein. Wir hatten mal für ein paar Jahre keinen Kontakt. Wir wurden erwachsen und wir verliebten uns. Anfangs war das beängstigend, frustrierend und hat mich verunsichert. Ich war so wütend. Als ich bemerkte, dass wir uns von einander entfernten, weil wir uns in verschiedene Richtungen entwickelten und plötzlich jede ihre eigenen Erfahrungen machen musste. Aber es kam der Punkt, als wirklich Funkstille herrschte. Da stellte sich eine innere Ruhe ein, die einfach wusste, dass es nicht so bleiben würde. Ein Teil von mir, der fest mit ihr verwoben ist und sie wirklich kennt. Dieses Wesen, das wir beide gemein haben, das wir teilen, beschwichtigte mich. Es war schicksalhaft und klar, dass dies nur eine Pause sein konnte und nicht das Ende. Genauso kam es. Als wir uns nach einigen Jahren dann wieder trafen und umarmten, da fühlte es sich an, als hätten wir uns erst gestern gesehen. Wie ich schon sagte - wir sind Schwestern. Ich kann mich nicht von ihr entfremden. Irgendein Naturgesetzt verbietet das.

Und heute ist da noch Karölchen, bei ihr fühle ich das auch. Wir sind Seelenverwandte. Zwar kenne ich sie noch nicht so lange wie Dodo. Schließlich haben wir unser halbes Leben mit einander verbracht. Mal Hand in Hand und mal eher an der langen Leine. Aber dennoch weiß ich, dass dies keine vorübergehende Verbindung ist. Genauso geht es mir mit meinen verrückten Tanten. Falls Euch das nicht auf Anhieb etwas sagt: Ich rede von Ash und Trish und Ana und dem verrückten Onkel - Jo. Wir haben da so ein Ding am Laufen. Was andere einen Zufall nennen würden, bezeichne ich als Schicksal. Alleine wie wir uns gefunden haben, das wäre eine Geschichte wert. Eine sucht spirituell gleichgesinnte Frauen, die andere schreibt ein Buch. Die Erste liest es und will Kontakt zu der Autorin aufnehmen. Die aber inzwischen ein Forum aus Ihrer ursprünglichen Homepage gemacht hat... Der Rest ist Geschichte. Eine, die nicht erst in diesem Leben begonnen hat, uns aber in vielen zu einander geführt hat.

Wir sind verbunden, hängen am selben Faden. Für immer. Das ist echte Liebe. Da darf es auch mal Meinungsverschiedenheiten geben, Zickenkrieg, Verletzungen und Streit. Echte Freundschaft übersteht sowas nämlich. Ist Euch das klar? Sie lebt viel mehr von Wahrheit und Liebe. Auch davon, dass man sich gegenseitig unterstützt und verteidigt, bis aufs Blut. Aus reiner Überzeugung, mehr als aus Vernunft. Weil der Tag nämlich kommt, wo man sich in die Augen sieht und weiß, dass kein Hindernis so groß ist wie das, was man an einander hat. Eine solche Beziehung ist so natürlich wie atmen. Nichts kann wirklich dazwischen kommen.

Ich darf das sagen, weil ich weiß wovon ich rede. Zumindest will ich glauben und hoffe inständig, dass es so ist. Mit einer meiner Freundinnen hatte ich vor einem Jahr ungefähr so eine Zerreißprobe. Es ist unschön abgelaufen. Ich war verletzt, die Situation ist mir entgleist und hinterher schämte ich mich. Denn sie war verletzt. Und das tat unglaublich weh. Aber ich erkannte, wie sehr ich sie nach wie vor liebte. Ihre Tränen weckten mich auf. Was ich bereits verloren geglaubt hatte. Und dafür bin ich dankbar. Was passiert ist, das hat mir die Augen geöffnet. Und vielleicht hat es uns beide wieder auf Kurs gebracht, zu einander.

Wisst Ihr, es ist so unglaublich wertvoll zu wissen, dass man nie allein sein wird. Egal was geschieht. Deine Schwestern werden da sein und Dich auffangen. Es kann noch so schlimm kommen. Da wird ein Schoß sein, der Dich auffängt. In den Du Dich legen und stunden- oder tage- oder wochenlang weinen darfst. Du hast diese tief verwurzelte Gewissheit. Weil Du geliebt wirst. Weil Du jemandem wirklich viel bedeutest. So viel, dass er all dies in Kauf nehmen würde. Das Leid, den Schmerz, den Kummer, die Trauer, die Angst, den Ruin. Alles.

Ich beschreibe das seit jeher gerne so: Da ist jemand, den Du um drei Uhr nachts anrufen kannst. Weil Du jemand anderen umgebracht hast (aus gutem Grund, okay). Im Ausland. In Übersee. Und Du brauchst wiederum jemanden, der Dich außer Landes schafft. Mitten in der Nacht. Der Dich zurück holt, auffängt und Dir ein Alibi bietet. Du bist verzweifelt und Deine Zukunft liegt in Scherben. Du kannst kaum klar denken, geschweige denn Dich deutlich auszudrücken. Aber da ist dieser Mensch -  oder im aller schönsten nur möglichen Fall sogar mehrere - der für Dich da ist. Der versteht, wie schlimm die Lage war. Und er kauft ein Ticket und hält Dich ganz fest und er bringt eine Schaufel mit. Bzw. sie. Wisst Ihr was ich meine?

Ja. Ich behaupte, ich bin so gesegnet, dass ich gleich mehrere solcher Freundinnen habe, die das für mich tun würden. Weil sie mich so gut kennen. Weil sie wissen, dass ich so etwas Schlimmes nicht ohne guten Grund tun würde. Und die mich für wertvoll genug halten, mich zu beschützen. Ob ich das gleiche tun würde? Oh ja. Für jede einzelne von ihnen. 

Natürlich gibt es verschiedene Arten von Freundschaften. Es gibt die mit denen Du gut lachen, reden oder feiern kannst. Diejenigen mit denen Dich ein gemeinsames Hobby oder eine wichtige Überzeugung verbindet. Die Vergangenheit vielleicht. Und dann gibt es noch die mit denen Du alles davon machen kannst. Die Dich vollkommen so lieben und akzeptieren wie Du bist. Mit all Deinen Facetten. Die Zicke, die Drama-Queen, die Nervige, die Schwaflerin, die Besserwisserin, die Lustige, die Saufziege, die Verbohrte - alles an Dir. 

In so einer Freundschaft ist man sich der anderen sicher. Auf die gute Art. Nicht weil man sie als etwas nebensächliches, selbstverständliches ansieht. Sondern als tatsächlich selbstverständlich. So normal im eigenen Leben und an der eigenen Seite, wie die Luft zum Atmen. Dann singt und lacht Ihr womöglich wie im Film, wenn Ihr zusammen im Auto sitzt und irgendwo hin fahrt. Es ist diese kitschige Art von Freundschaft, wo man sich womöglich sogar Tattoos stechen lässt, manchmal im Partnerlook herum läuft oder ein gemeinsames Lied hat. Ihr lacht viel zu laut und habt diese Insider-Witze. Es ist wie eine Standbildaufnahme aus Teenagerzeiten. Ihr kichert und lästert und Ihr seid wie lebendige Tagebücher von einander. Ist das nicht großartig? Was für ein Geschenk.

Für Dodo habe ich mal den Song "Just be good to me" von Karmah aufgeschrieben, dann noch ins Deutsche übersetzt. Ich liebe dieses Lied. Ich werde es immer lieben und dazu mit meinem Mann tanzen und mit meinen Freundinnen und ich werde es laut mitsingen. Aber es gehört Dodo und mir. Ähnlich ist es bei "Hungry Eyes" von Dirty Dancing. Ihr wisst schon. Das ist Karölchen. Wenn ich das höre, dann stehe ich plötzlich irgendwo im Halbschatten und Diso-Lichter-Flimmern mit ihr auf der Tanzfläche. Wir tanzen langsam und singen mit und gucken uns dabei in die Augen und wir sind so ernst. Und gleichzeitig lachen wir und lächeln und machen diese verrückten Gesten. Das sind wir. Für immer.

Mädels haben einfach diese Art von besten Freundinnen. Männer ticken da anders, habe ich das Gefühl. Wir reden miteinander. Offen und allumfassend und aufrichtig. Und wir lassen nichts aus. Bis uns leichter wird ums Herz und wir wieder sicher sind, dass das Leben gut ist. Dass alles gut wird. Wir reden tiefgründig. Und wenn wir Freundinnen sind, die sich ganz auf einander eingelassen haben, dann halten wir nichts zurück. Wenn wir uns lange und gut genug kennen, wenn das Vertrauen gewachsen ist. Dann heilen wir uns auf diese Art. Das macht uns stark. Wir sind wie Spinnen mit einem eigenen Netz. Auch wenn ich diese Tiere zutiefst gruselig und grässlich und Angst einflößend finde, der Vergleich ist stimmig.

Ich erinnere mich gut daran, was für ein unschlagbares Gespann Jeff und Dodo und ich damals gewesen sind. Was für Höhen und Tiefen wir erlebt haben. Wie wir mit einander und nebeneinander her erwachsen geworden sind. Was für Geheimnisse wir hatten und auch wie wir zu einander gestanden haben. Ich werde nie vergessen, wie ich am Wochenende immer diese Spaghetti Bolognese für uns gekocht habe. Mit viel billigem Rotwein an der Sauce. Wir waren so verdammt jung. Wenn wir uns eine Weile nicht gesehen und dazu getroffen hatten, dann vermissten sie das schnell. 

Das war aber nicht der Punkt. Um unser Vertrauensverhältnis vertiefend zu beschreiben: Beide hatten Schlüssel zu meiner Wohnung und eine Bankkarte von meinem Konto. Ich lebte schon (aus meiner Sicht) sehr früh allein und musste für mich selber sorgen. Ich arbeitete lange Zeit rund um die Uhr, um Miete und meinen Lebensunterhalt bestreiten zu können. Wenn ich nach einem Zwölf-Stunden-Tag erschöpft nach Hause kam, wartete mehr als einmal ein warmes Essen auf meinem Tisch. Die Wohnung war aufgeräumt worden und sie hatten eingekauft, damit ich keinen leeren Kühlschrank vorfinden musste. Denn an den Wochenenden hatte ich einen Nebenjob als Kellnerin in einer kleinen Diskothek. Über ein Jahr lang habe ich an sieben Tagen in der Woche geschuftet und zusätzlich in zwei vollen Nächten. Dies bedeutete, dass ich von Freitagmorgen bis Sonntagabend in der Regel keinen Schlaf hatte. Gerade einmal die Gelegenheit zum Duschen und Umziehen. Aber meine Katzen waren versorgt. Obwohl ich in dieser Phase meines Lebens oft nicht mit zum Feiern kommen konnte. Denn wir waren Freundinnen.

Den Millennium-Jahreswechsel habe ich ebenfalls hinter der Theke verbracht. Bis 9.30 Uhr am nächsten Morgen. Natürlich war ich erst 20 Jahre alt und hätte gern mit meiner Clique gefeiert. Aber mein Chef brauchte auch sein verlässliches Personal für diese herausfordernde Nacht. Ich stand dort mit Tränen in den Augen, als plötzlich fast die Hälfte der Party-Gemeinde einmarschierte, die diese besondere Nacht gemeinsam verbracht hatte - ohne mein Beisein. Sie kamen zu mir. In die Nachbarstadt. Mitten in der Nacht. Oder am frühen Morgen der ersten Nacht im Jahr 2000, besser gesagt. Könnt Ihr verstehen, was mir das bedeutet hat?

Ich wurde aus dem Nest geworfen, als ich 16 Jahre alt war. Nicht nur, dass sie mit einander nicht klar kamen. Sie hatten wohl auch ihre Entscheidung zur gemeinsamen Elternschaft revidiert. Und das nach 25 Jahren Beziehung. Dafür mache ich ihnen keinen Vorwurf. Ich weiß und ich wusste, wie kaputt diese Verbindung war. Aber mich gab es auch noch. Bloß fühlte sich für diese Tatsache niemand mehr verantwortlich. Seit dieser einen Nacht im Sommer 2016, der Nacht vor meiner Schulentlassung. Sie sollte mein Leben nachhaltig verändern.

Jetzt, 24 Jahre später, will ich darüber nicht mehr jammern. Aber damals war mir lange Zeit danach zumute. Versteht Ihr das? Könnt Ihr das nachvollziehen? Wenn Du von einem auf den anderen Tag nicht mehr die verwöhnte Prinzessin bist, sondern ein Mädchen, das vor die Wahl gestellt wird, alleine für sich zu sorgen oder in ein Heim zu ziehen? Die ganze Welt bricht zusammen, oh ja. Ich denke sie konnten und wollten das wohl einfach nicht mehr. Als sie geheiratet haben, da waren sie selber nicht viel mehr als Kinder gewesen. Aber sie trafen diese Entscheidungen nicht für sich alleine. Da war noch jemand. Und dieses Mädchen fiel hinten rüber. Es wurde in einen Krieg hinein gezogen, den es zwar ansatzweise nachvollziehen, aber nie wirklich verstehen konnte.

Egal. Darum soll es hier und heute nicht gehen. Ich versuche lediglich Euch das Gewicht von Freundschaft begreiflich zu machen, wie es in meinem Universum besteht. Meine Oma und mein Opa lebten zu diesem Zeitpunkt schon längst nicht mehr (mütterlicherseits - väterlicherseits gab es leider nie einen echten Bezug - diese Familie war selber zutiefst zerstört und verkorkst). Ich war nach über der Hälfte meines jetzigen Lebensalters bereits von so viel Tod umgeben gewesen, dass es für ein ganzes Leben gereicht hätte.

Ohne meine Freundinnen und ihre eigenen Eltern, die fortan wie automatisch Verantwortung für mich übernahmen, wäre ich heute vermutlich nicht dieselbe. Dodos Papa hatte seine eigenen gesundheitlichen Kreuzchen zu tragen. Aber er renovierte meine Wohnungen und half bei den Umzügen. Er tapezierte, strich Wände und baute Möbel zusammen. Und an Weihnachten saß ich mit am Tisch von Dodos Familie. Ohne dass sie mir ein Gefühl vermittelt hätten, nicht dazu zu gehören. Diese Dimension von Dankbarkeit lässt sich kaum in Worte fassen. 

Aber ich richte diese Worte auch an meinen Freundeskreis oder meine Clique in meinem Dorf. Wo ich heute lebe. Zehn von vierzehn bodentiefen Fenstern unserer Wohnung blicken auf einen verwaisten Fußballplatz. Einen Platz, an dem wir uns eigentlich an den Wochenenden begegnen. Aber ich kann Euch nicht sehen. Gerade nicht. Nicht jetzt. Und ich darf Euch nicht berühren. Nicht einmal dann, wenn wir uns zufällig auf dem Parkplatz des Supermarkts über den Weg laufen. Also schreibe ich diesen Beitrag. Auch an Dich, J. Die Du so wenig Nähe zulässt.

Freitag, 30. Oktober 2020

Happy Halloween (oder so)...!

Was für ein Jahr, was für eine Zeit. Keine Party diesmal. Keine traditionelle Feier. Kein Treffen. Und dennoch ein Fest. Nichts von dem, was ich erwartet hätte oder das ich geplant habe, trifft ein. Corona hat mir einen Strich durch die Rechnung gemacht. Wie so vielen. Jedem eigentlich irgendwie.

Im ersten Lockdown haben wir beschlossen, das Beste daraus zu machen und die "geschenkte Zeit" zu nutzen. Diesen Sommer haben wir deshalb unser Wohnzimmer komplett renoviert. Streichen und neuen Boden verlegen lassen, die Hälfte der Möbel unten ersetzt. Für die Herbstferien hatten wir es ähnlich im Esszimmer und der Küche geplant. Ein Abwasch und fertig. Wieder Ruhe in den nächsten Jahren. Zumal die Rundumerneuerung dringend notwendig wäre.

Ihr kennt das: Neben der Arbeit, dem Freundeskreis, der Freizeitverpflichtungen und alle dem, bleibt einfach für diese grundlegenden Dinge häufig keine Gelegenheit. Nicht weiter schlimm. Kommt schon irgendwann, dachten wir uns. Und sollten Recht behalten mit dieser Einschätzung.

Dennoch ergab es sich anders. Der zweite Lockdown ist da, die nächste, für die dunkle Jahreszeit prophezeite Welle, hat uns erreicht. Aber unser Malermeister hatte für unsere Urlaubswoche im Herbst bereits einem anderweitigen Auftrag zugesagt. Insofern mussten wir die weiter führenden Renovierungspläne in das kommende Jahr verlegen. Ganz ehrlich gesagt bin ich eigentlich froh darüber. Nachdem wir bereits im Sommer quasi keinen Urlaub gehabt hatten, weil eben fast die gesamten zwei Wochen für unsere Maßnahmen drauf gegangen waren.

Man besitzt gar keine Vorstellung davon, was man alles im Laufe der Jahre angesammelt hat. Bis man einmal vor der Herausforderung steht, das Ganze anzufassen. Wortwörtlich. Einen Teil in Umzugskartons zu verpacken und im Hausflur zu stapeln. Die andere Hälfte auszusortieren und in blauen Säcken zum Betriebshof zu fahren.

Dann das Putzen und wieder Einräumen und Aufbauen neuer Möbel. Der Urlaub war um, ehe wir es uns versahen und schon ging es wieder an die Arbeit. Eigentlich wäre ich da erst recht urlaubsreif gewesen. Müde und kein bisschen ausgeruht. Aber natürlich unglaublich glücklich. Alles war neu und sauber. Unser Wohnzimmer hatte sich komplett verwandelt. Insofern sind unsere Mühen mehr als belohnt worden. Dennoch braucht der Körper irgendwann seine Auszeit. Und auch der Geist schmachtet nach Erholung. 

Sprich: Wir haben die Gelegenheit dankbar angenommen, einfach mal buchstäblich Nichts zu machen. Wie man das so schön sagt jedenfalls. Geputzt, eingekauft und gegessen werden muss ja trotzdem. Wobei ich eingestehe, das hat was. Ich finde es schön, mal wirklich Zeit zum Kochen zu haben. Für all die Gerichte, die sonst so gut wie nie auf den Tisch kommen. Weil Kartoffeln schälen und Rouladen schmoren usw. einfach so lange dauert.

Für mich waren diese Herbstferien ein großartiges Highlight. Ich hatte mir vorab sechs neue Bücher bestellt und einen Vorrat meines Lieblings-Rotweins angelegt. Konnte joggen gehen, wann immer ich Lust und Laune dazu hatte - wenn das Wetter es für meinen Geschmack zuließ. 

Sobald ich realisiert hatte, dass auf Grund der aktuellen Lage keine Halloween-Partys stattfinden würden, war ich auf eine traditionelle Feier im kleinen Rahmen umgeschwenkt. Früher habe ich meist mit meinen "verrückten Tanten", also meinen spirituell gleich gesinnten Freundinnen, dieses große Fest begangen. Einen Feiertag, der mir persönlich sehr viel bedeutet. Ahnengedenken. Der Hexen Winteranfang. Ganz früher einmal sogar ist es das Neujahrsfest gewesen. Weil einfach alles in der Dunkelheit, der tiefsten Finsternis, beginnt. 

Da wir jede in unserem bunten Haufen allerdings ein Stückchen entfernt voneinander wohnen, war klar, das käme auch nicht in Frage. Die eine hat ein kleines Kind, mehrere von uns sind gesundheitlich vorbelastet. Das wäre einfach nicht vernünftig gewesen. Auch die Gedanken an eine Party mit Freunden aus dem Dorf und sogar eine Verabredung im kleinen Kreis wurde verworfen. Ich habe einfach zu großen Respekt oder besser gesagt, Angst vor dieser Seuche. 

Viele unserer Freunde bzw. meiner Freundinnen verstehen meine Bedenken und teilen sie. Die meisten sorgen sich aktuell, vernünftigerweise, hinsichtlich ihrer eigenen Situation. Das Einkommen, welches nicht mehr gesichert wäre, wenn die selbständige Tätigkeit auf Grund von zweiwöchiger Quarantäne nicht mehr ausgeübt werden könnte. Das Kleinkind, das womöglich noch nicht widerstandsfähig genug wäre, um eine solche Virusinfektion zu überstehen. Die immunschwächende Vorerkrankung, die einen schweren Verlauf begünstigen würde.

Andere Freunde werden sich vermutlich trotz allem treffen und gemeinsam feiern, ich kann es ihnen nicht verdenken. Ich gönne ihnen die Freude und den Spaß von Herzen. Hoffe aber, dass sie auf sich achten werden und gesund bleiben. Falls wirklich welche zusammen kommen. Aus eigener Erfahrung weiß ich wie schwer das ist. Den Abstand einzuhalten und sich nicht in den Armen zu liegen, gerade wenn Alkohol im Spiel ist. Aber jeder von uns muss für sich selber Verantwortung übernehmen und Entscheidungen treffen, die das eigene Leben angehen.

Ich weiß auch, dass nicht jede von Euch meine Ängste nachvollziehen kann. Wisset, ich nehme diese Sache sehr ernst. Verdammt ernst sogar. Ich liebe mein Leben und die Menschen, die ich eben liebe. Nicht nur Menschen. Aber Ihr wisst, was ich meine. Katzen treffen sich nun einmal nicht in Kneipen und feiern Partys.

Ja Leute, auch das bin ich. Nehmt mich so oder lasst es. Ich bin ernsthaft und besorgt und ich versuche zu beschützen, was mir wichtig ist. Ich versuche zu leben, mit denen die ich liebe, so lange und so gut, wie ich kann. Dieses Leben ist mir heilig. Ich werde es auskosten, so lange und so gut, wie ich kann.

Auch das bin ich. Wenn ich schreibe, dann lasse ich alles los. Ich zeige mich verwundet und verletzlich und echt. So wie ich bin. Auch all die anderen Gesichter, die ich zeige, gehören wirklich zu mir. Die sorglose, lustige, total verrückte Ramona. Aber wenn ich schreibe, dann öffne ich mich anders. Ich lege alles frei, was ich fühle. Nehmt es oder lasst es. Liebt es oder hasst es. Aber das bin nun einmal ich. Freundschaft ist mehr als feiern und lachen. Es bedeutet auch leiden und weinen und umarmen und verstehen. Akzeptieren wie jemand ist. Und zwar im Ganzen. Und manchmal, neuerdings, bedeutet es wohl auch, sich nicht zu umarmen und sich nicht zu sehen. Jetzt gerade besteht der größte Freundschaftsdienst wohl darin, nicht zusammen zu sein.

Was ich grundsätzlich nie tue, ob ich nun rede oder schreibe, ist lügen. Ich habe genug Lügen für ein ganzes Leben gehört. Mein ganzes halbes Leben war eine Lüge. Wenn die Situation es meines Erachtens nach erfordert, dann formuliere ich eventuell sehr wohl überlegt. Weil ich niemanden verletzen will, der mir etwas bedeutet. Oder weil es nötig ist, beruflich vielleicht. Dann verhalte ich mich taktisch klug. Aber richtig lügen, eine Tatsache vortäuschen, die mir bzw. (m)einer Wahrheit nicht entspricht, das mache ich nicht. Ich verurteile Lügen. Sie sind mir ein Graus. Ich weiß auch woher das kommt. Die Ursache liegt in meiner Kindheit, in meiner Jugend vergraben. Deshalb werde ich niemandem antun, was man mir zugefügt hat. 

Und ich hoffe, dass meine kleine Schwester niemals auch nur annähernd so viele Lügen wird hören müssen, wie ich es musste. Ich wünsche mir von Herzen, dass sie nie erfahren wird, was ich über meine Mutter lernen musste. Weil das bedeuten würde, dass es einen Fortschritt gegeben hat. Eine Entwicklung. Deshalb werde ich sie auch nie diese Wahrheiten wissen lassen. Weil meine Wahrheit nicht zwangsläufig ihre sein muss. Es besteht die Möglichkeit, dass sie unter ganz anderen Voraussetzungen als ich, nicht nur aufwächst, sondern sich auch wird entfalten können. Daran möchte ich glauben. Dass diese eine Mutter nicht zweimal denselben Fehler machen wird. Dass dieses zweite Mädchen in einer Realität erwachsen werden darf, die ihrer größeren Schwester nicht vergönnt war. Weil ich sie liebe. Obwohl wir uns kaum jemals kennenlernen konnten. Und weil ich glauben möchte, dass das möglich ist. Denn ich bin nicht nur verlassen worden. Von dem einzigen Menschen, dem Naturgesetz-gemäß ich hätte auf ewig vertrauen dürfen sollen, wie keinem zweiten in der Welt. Ich bin auch verraten worden. Immer wieder. Etwas, das ich nie verstehen werde. Wie sehr ich mich auch bemühe. So sehr auch Therapeuten und schlaue Menschen versucht haben, mir zu erklären. Wir sind wie Schneewittchen und die böse (Stief-)Mutter. Aber ich werde nie verstehen oder akzeptieren können, wieso. Ich kann mir nur für den Lauf der Welt und den weiteren Verlauf meiner Familiengeschichte wünschen, dass sie sich nicht wiederholen wird. Und ich glaube das hat es auch nicht. 

So viel mal kurz zum Ahnengedenken und dem Drüber-Nachdenken, über die eigene Geschichte. Über die Gene. Über das, was mich zu der gemacht hat, die ich heute bin. Worüber ich wiederum froh sein darf. Denn all das hat mich geformt zu der Person und dem Charakter, der mich heute ausmacht. Hat mir die Werte vermittelt, die ich vertrete und für die ich einstehe. 

Warum ich das jetzt alles hier erzähle? Keine Ahnung! Wir leben im Jahr 2020, Leute. Und das ist anscheinend mein Medium. Wenn ich schreibe, dann lasse ich einfach alles frei fließen, was mir gerade durch den Kopf kommt. Manchmal denke ich, dass ich gar nicht richtig bewusst selber schreibe. Aber egal. Das mit dem Unterbewusstsein ist auch eine sehr spannende Sache. Auf die ich gerne später einmal gesondert eingehen werde. 

Wie auch immer Ihr feiern werdet oder auch nicht. Ob Euch die Ahnenzeit etwas bedeutet oder auch nicht. Ich wünsche Euch ein gesegnetes Samhain, ein fröhlich-schauriges Halloween und vor allem wünsche ich uns allen Gesundheit. Und Heilung.





Schön war´s mit Euch, im letzten Jahr....

Dienstag, 27. Oktober 2020

Die Sache mit dem Bewußtsein

Ich hatte bereits in meinem letzten Beitrag erwähnt, für wie wichtig ich dieses Thema grundsätzlich halte. Und zwar in jeglicher nur vorstellbaren Hinsicht. Sich bewusst zu sein was man tut, was man unterlässt, wie man isst, denkt, fühlt, konsumiert. Woher Vorlieben und Abneigungen stammen, woraus die eigenen Glaubenssätze und Verhaltensmuster resultieren, ist der Schlüssel zu so gut wie jeder Lebenslage. Angefangen bei den essentiellen Überzeugungen, bis hin zu den sehr persönlichen Belangen, wie beispielsweise der Art unsere Freundschaften und andere Beziehungen zu führen bzw. pflegen.

Das Problem mit dem bewusst-sein heut zu Tage ist, dass wir leider zu häufig im Autopiloten-Modus durch unser Leben hetzen. Wann hast Du das letzte Mal ganz bewusst Deinen Arbeitsweg wahrgenommen? Dich wirklich umgesehen, meine ich. Wann hast Du zuletzt Dein Frühstück richtig geschmeckt? Seine Textur, den Duft, die Temperatur... Klar, vieles blenden wir wie von selbst aus, weil wir sonst regelrecht wahnsinnig werden würden. Angesichts der Reizüberflutung durch die Medien, vom Geräuschpegel des Verkehrs. Der Hintergrundbeschallung, weil es überall dudelt und piepst und rattert und plappert. Hat also auch was mit Selbstschutz zu tun. Aber eben auch nur, wenn Du ganz bewusst die Ohren zusperrst, Scheuklappen aufsetzt und Dich in Deinen Tunnel begibst.

Ich selber schaue seit über zwanzig Jahren keine Nachrichten und lese auch nicht die Tageszeitung. Das hat etwas mit Gedankenhygiene zu tun. Ich mache das, um mein Herz, meine Seele und meinen Verstand zu schonen. Es ist mir nämlich ganz ehrlich alles viel zu viel, was in der Welt so passiert.

Aber ehrlich: Das meiste erscheint heute schnöde und selbstverständlich, alltäglich, unspektakulär. Nichts wird mehr wirklich wahrgenommen und in Folge dessen wertgeschätzt. Diesen Eindruck habe ich gewonnen und bestätigt bekommen. Von der Tsunami-mäßigen Welle an Achtsamkeits-Ratgebern, Apps, Meditations-Kursen und Selbstfürsorge-Helfern, die wir inzwischen beinahe alle brauchen. Um auf den Boden der Tatsachen zurück zu kehren, uns selbst zu finden, uns auf das Wesentliche zu besinnen. 

Jeder schreit nach Freiheit und betont gleichzeitig, wie gut es uns in der heutigen Zeit, dieser hoch technisierten, durchaus wohlhabenden Welt, doch allen geht. Freiheit fängt aber mit einem selbstbestimmten Leben im Kleinen bereits an. Selbstbestimmtes Handeln und die Freiheit, seinen Alltag nach den eigenen, sehr individuellen Bedürfnissen ausrichten zu können. Das ist die Wurzel der Zufriedenheit. Lasst uns erstmal dahin finden, bevor wir nach den Sternen greifen.

Wie oft hast Du das Gefühl, nur noch auf Anforderungen zu reagieren, die von Außen an Dich heran getragen werden? Wann agierst Du jemals aus Dir selbst heraus? Indem Du einem Impuls folgst, einer spontanen Eingebung nachgibst. Vermutlich hast Du "keine Zeit", um kurz entschlossen den Tag im Bett zu verbringen, spazieren zu gehen oder Dir aufwändig einen frischen Eintopf zu kochen.

Ich verstehe das, mir geht es selber häufig nicht anders. Strukturen und feste Regeln finde ich auch an sich sehr wichtig. Sie sind durchaus sinnvoll.  Sie geben Halt und vermitteln ein Gefühl von Sicherheit. Arbeitszeiten, Pausen, Sport, Verabredungen, Termine nach Kalender. Hat alles seine Daseinsberechtigung. Ordnung muss sein. Ehrlicherweise bin ich sogar ein extrem organisierter, aufgeräumter Typ. Ohne geregelten Tagesablauf wäre ich echt aufgeschmissen. Grundsätzlich bin ich also ein Fan von Planmäßigkeit.

Worauf es ankommt - der kleine aber gravierende Unterschied, ist ob Du frei entscheiden kannst, aus Deinem Korsett auch mal auszubrechen (oder ob Du nur denkst, Du könntest es nicht?). Ob Dir überhaupt klar ist, dass Du in einem steckst. Da darf ich persönlich mich wahnsinnig glücklich schätzen: Mir ist das so möglich, wie es in einem festen Arbeitsverhältnis nur geht. Ich sitze jetzt bald schon seit zwei Jahren im Homeoffice und kann mir sogar meine Zeit so einteilen, wie es für mich am besten passt. Dass ich am liebsten jeden Tag um 7.00 Uhr anfange und um 16.00 Uhr Feierabend mache, habe ich mir selbst ausgesucht. Wie viel mehr an Lebensqualität ich dadurch gewonnen habe, kann ich kaum beschreiben. Meine Firma und mein Chef sind da also sehr modern und Mitarbeiter-freundlich eingestellt. Das ist ein echtes Geschenk. Ich weiß, dass so ein Arbeitsmodell leider nicht überall möglich ist oder dem gängigen Standard entspricht. Deshalb bin ich wirklich dankbar und weiß die Bedingungen umso mehr zu schätzen. Seit dem genieße ich den Luxus einer echten Work-Life-Balance.

Berufstätigkeit ist aber auch lang nicht der einzige Punkt auf der Agenda. Viel Zeit im Job zu verbringen und für den eigenen Erfolg zu arbeiten, fleißig zu sein, das ist doch prima. Wenn es uns wichtig ist. Wenn wir das machen, weil wir es möchten. Wenn es unseren Zielen und Vorstellungen von einem erstrebenswerten Leben entspricht. 

Hast Du eigentlich Ziele? Weißt Du, was Dir wirklich wichtig ist? Hast Du jemals definiert, wofür Du das alles machst? Das Bewusstsein über diese drei Punkte, wird nämlich Deine Entscheidungen und somit Dein Verhalten, nachhaltig verändern. Weil Du dann nicht mehr die Erwartungen von irgend jemand anderem stumpf erfüllen wirst. Sondern anfängst zu überlegen ob die überhaupt mit Deinen eigenen übereinstimmen.

Die meisten Menschen sind insgesamt so dermaßen gefangen. Wir haben uns teils selbst eingesponnen und regelrecht verheddert. In einem Kokon aus Verpflichtungen, Zusagen, ehrenamtlichen Tätigkeiten, Familienwahnsinn, Hausarbeit und auch Freizeitstress. Häufig merken wir das erst, wenn wir bereits kurz vom Zusammenbruch stehen. Oder bereits zusammengebrochen sind. Den größten Teil von alle dem machen jedoch die eigenen Erwartungen aus. In der Regel ist uns das nicht klar. 

Alles muss immer unbedingt. (Wer sagt das? Was passiert sonst? Stirbt jemand?) Lockerlassen ist unmöglich, weil ungewohnt. Dafür wäre es nötig, die Komfortzone zu verlassen und das macht Angst. Was die anderen wohl denken könnten, wann soll ich das statt dessen erledigen, das macht man doch nicht, andere schaffen das doch auch... Wir Menschen sind sehr kreativ darin, Ausreden oder Begründungen für unsere eigene Unfähigkeit zur freien Lebensgestaltung zu (er-)finden.

Und schon sitzen wir drin in der Falle, wo wir etwas nicht mehr bewusst oder aus freien Stücken heraus tuen. Sondern weil wir es so gewohnt sind, weil es von uns erwartet wird, weil wir es so vorgelebt bekommen. Wir denken gar nicht mehr darüber nach, sondern machen automatisch. Das ist nicht immer schlecht, wie gesagt. Aber viel öfter mal innehalten und kurz überlegen oder zumindest klar machen, WARUM wir das JETZT so oder so machen, könnte allein schon viel verändern. Weil wir dann nämlich in die Entscheidungsfreiheit kommen, die wir ansonsten gar nicht sehen.

Wenn ich mich bewusst entschließe, heute mein Bad zu putzen, weil es mir nicht mehr sauber genug ist und ich mich ansonsten unwohl fühle. Dann ist das eine ganz andere Ausgangssituation - deutlich  besser und befriedigender, als es nur zu erledigen, weil es auf meiner To-do-Liste steht. Diese Erfahrung habe ich gemacht. Dann habe ICH nämlich diese Entscheidung getroffen. Und plötzlich ergibt die Schrubberei wirklich Sinn. Ich fühle mich nicht mehr so gezwungen. Ich könnte es nämlich auch bleiben lassen. Nur dann muss ich eben mit dem Staub und den Kalkflecken und den nicht mehr frischen Handtüchern leben.

Natürlich hat es viele Jahre gedauert, dies überhaupt zu begreifen und dann auch noch für die Zukunft zu verinnerlichen. Das brauchte körperliche und seelische Erkrankungen, Therapien, viel Übung und vor allem die Bereitschaft, mich zu verändern. Meine Gewohnheiten. Auch mal Nein zu sagen. Was deutlich schwieriger ist als ein braves Ja, aber lohnenswert. Als ich einmal gelernt hatte mich in einem Bereich zu hinterfragen, fiel mir mein Verhalten, die Fixierung auf das Muss, auch in anderen Belangen auf. Mir wurde mein Pflichtbewusstsein und der Hang zum Perfektionismus klar. Disziplin halte ich nichts desto trotz immer noch für eine gute Eigenschaft. Ich bin ordentlich und zuverlässig und erledige meine Pflichten. Aber zum Teil aus anderen Beweggründen als früher.

Und wenn ich mich wieder dabei ertappe, wie ich dies und jenes unbedingt noch muss, dann sage ich mir: "Ich kann machen was ich will". Denn so ist es. Dann grinse ich diebisch und mir wird sofort leichter ums Herz.

Ein weiterer Punkt auf der Bewusstseins-Agenda ist die klare Unterscheidung zwischen Wissen und Tun. Im Idealfall führe ich mir meine Überzeugung vor Augen, die ich mir unter Berücksichtigung aller Fakten gebildet habe - und lasse dann meinen Worten Taten folgen. In einigen Lebensbereichen jedoch kann das ganz schön tricky sein und vor eine echte Herausforderung stellen. Ein gutes Beispiel hierfür ist in meinem Fall die Sache mit der Ernährung. Ich habe in den letzten Jahren viel darüber gelernt und aus verschiedensten Beweggründen angepasst bzw. umgesetzt. Teils, weil ich (sehr bewusst und gewollt) auf meine schlanke Linie achte und andererseits, weil ich 2012 die Diagnose Morbus Crohn gestellt kam. Das hat einiges mit sich gebracht. Beides sind Themen, auf die ich gern zu gegebener Zeit noch näher eingehen möchte. 

Eine Sache, der ich aus meiner Sicht bisher noch nicht ausreichend gerecht werde, ist die fleischfreie Ernährung. Jeder, der vegan oder vegetarisch lebt, hat meines Erachtens nach vollkommen Recht mit seiner Entscheidung. Dennoch reichte es für mich selbst bislang nicht, dieses Vorhaben in die Tat umzusetzen. Ich habe 1000 Ausreden. Die Sache ist die - ich weiß, dass es Einwände sind. Welche, die zwar den Tatsachen entsprechen, aber eigentlich meine Schwäche in diesem Punkt demonstrieren. Auch auf dieses Thema möchte ich später noch in einem eigenen Artikel separat eingehen. Worauf ich hier nur hinaus will: Ich weiß genug, um mir eine objektive Meinung gebildet haben zu können, die meinen moralischen Werten und Vorstellungen von der perfekten Welt entsprechen würde. Das ist wichtig. Mir ist bewusst, dass ich nicht wirklich eine überzeugte Verfechterin des Fleischessens, der Massentierhaltung und all der Grausamkeiten bin. Ich esse nicht deshalb noch tierische Erzeugnisse, weil ich keine Ahnung habe. Ob es das jetzt besser oder schlimmer macht, sei mal dahin gestellt.

Wir Menschen sollten zumindest wissen was wir, durch unser Tun oder auch durch unser Unterlassen, in Kauf nehmen. Was wir unterstützen oder auch nicht und vor allem, aus welchen Gründen. Natürlich ist jede Gewissensfrage dann am härtesten, wenn wir genau informiert sind. Deswegen: Entscheide Dich dafür, entweder alle Tatsachen in ausreichendem Umfang zu kennen. Alternativ triff die bewusste Entscheidung, es aus mindestens einem tief reichenden, persönlichen Grund nicht zu wollen oder können. Aber renne nicht blind durch Dein Leben, den Supermarkt, die Werbeprospekte, zur nächsten Wahl. Entscheide wofür Du einstehen willst und in welchen Bereichen Du das lieber anderen überlassen möchtest. Keiner von uns kann allein die ganze Welt retten. Also suche Dir einen Teilbereich aus, den Du beeinflussen kannst und für den Du die nötige Energie aufzubringen vermagst. Wenn jeder etwas macht, dann sind wir schon einen großen Schritt weiter.

Es gibt genug zu tun da draußen: Wir haben die freie Auswahl zwischen Tierschutz, Nachhaltigkeit, Politik usw. Um mal nur einige prägnante Schlagworte ins Rennen zu schicken. Jeder von uns kann im Großen oder Kleinen etwas bewegen. Je nachdem, welche Möglichkeiten wir haben, welche Plattform wir bespielen, wo unsere persönlichen Fähigkeiten und Prioritäten liegen. Und es gibt ebenso viel zu tun für uns selber. Die oberste und gravierendste Verantwortung tragen wir nämlich zu aller erst für uns allein. Ganz egal jedoch, ob Du etwas für Dich oder die ganze Welt bewegen möchtest: Lasse alles in Deinem eigenen Tempo geschehen. Sonst ist Dein Vorhaben von vorn herein zum Scheitern verurteilt. Jeder Schritt ist besser als nichts. Es spielt keine Rolle, ob es dabei ums Mülltrennen, die Vermeidung von Plastik, Sport oder ein Ehrenamt in Deinem Bürgerverein geht. Einmal pro Woche ist immer ein guter Anfang. 

Lerne zunächst Dich selbst kennen. Schätze ein, was für Dich realistisch und machbar ist. Dann setze um. Und mache Dir klar: Ob Du etwas tust oder unterlässt, in jedem Fall musst Du mit den Konsequenzen leben. Entscheiden kannst Du in erster Linie ohnehin nur für Dich. Du kannst Dich ändern und das wird Reaktionen um Dich herum auslösen. Wirfst Du einen kleinen Kieselstein auf die ruhige Oberfläche eines Sees, wirst Du beobachten, welche Kreise das Wasser zieht. 

Erkenne und gestehe Dir aufrichtig ein, wie Du bist. Was Du bist. Wer Du bist. Was sich nicht unbedingt decken wird damit, wer, was oder wie Du gerne lieber wärest. Darauf kannst Du als nächstes hin arbeiten, wenn Du es willst. Bist Du eine Partylöwin? Oder ein Arbeitstier? Und wieso oder? Können wir nicht alles sein, was wir möchten? Vielleicht nicht. Evtl. sind es Eigenschaften, die Du an anderen zutiefst bewunderst, die allerdings Deinem eigenen Wesen überhaupt nicht entsprechen. Dann ändere entweder Dich selbst oder akzeptiere, dass Du so nicht bist. Klingt sehr einfach. Ich weiß selber, dass es häufig so leicht nicht ist. 

Wisse daher: Die Macht einer klaren Entscheidung ist eine große Kraft. Sie wird viel Energie freisetzen, die Dich auf nie erahnte Weise darin unterstützen wird, das gefasste Ziel zu erreichen. Hand aufs Herz und das Licht nicht länger unter den Scheffel gestellt: Wir alle haben schon oft im Leben Dinge erreicht, an die wir nicht im Traum gedacht hätten. Wir haben es einfach durchgezogen. Weil wir wollten, weil wir mussten, weil wir anders nicht mehr konnten, weil wir keine andere Wahl mehr hatten. Und diese Stärke können wir immer wieder mobilisieren. Es hängt davon ab, ob die Motivation ausreicht. 

Selbstverständlich kann ich hier immer nur von meiner eigenen Weltsicht berichten. Von meinen Erfahrungen, meiner Meinung. Es gibt Dinge, die bringen Dich schier um den Verstand und Du stehst davor, wie vor dem Auge eines Sturms. Und Du hast keinen blassen Schimmer, wie Du dieses Erlebnis überstehen sollst. Ich weiß das. Ich kenne die Schicksalsschläge und die Weggabelungen und die Kraftlosigkeit. Ich habe auch schon ins Nichts geblickt, über den Rand des Abgrunds hinaus. Und vermutlich werde ich es wieder müssen. Man sieht dann einfach nicht mehr klar, kann nicht objektiv denken. Angst lähmt und Verzweiflung legt sich über jede Empfindung, wie ein Leichentuch. Vor allem, wenn es um die eigene Existenz geht oder wenn es um jemanden geht, den Du liebst.

Meist sind wir allerdings gerade im Angesicht der größten Katastrophe in der Lage zu überstehen, was wir für nicht zu überleben hielten. Von dem wir glaubten, es sei einfach nicht auszuhalten. Du wirst wissen wovon ich rede. Denn so traurig es auch sein mag, es ist wahr. Wir alle haben solche Situationen erlebt. Und der Grund, warum Du dies hier trotzdem noch lesen kannst ist der, dass Du es gemeistert hast. Inzwischen hilft mir daher häufig der Gedanke, egal wie erschreckend die Lage auch sein mag, dass ich auch anderes schon durchgestanden habe. Dass auch dies zu schaffen ist. Natürlich lässt man Federn, jedes verfluchte Mal. Aber irgendwo passiert auch ein Update in Deinem Inneren. 

Mein Rat lautet daher stets: Wenn Du es mit Entscheidern oder potenziellen Helfern zu tun hast - sei authentisch. Nur sprechenden Menschen kann geholfen werden, hat meine Schwiegermutter immer gesagt. Zeige, wer Du wirklich bist. Lasse die Welt Deinen Schmerz sehen. Wieviel davon und wen, das entscheidest Du. Aber Menschen merken, wenn Du Dich verstellst. Ganz intuitiv. Umso mehr Lebenserfahrung sie haben, desto eher durchschauen sie, wenn Du nicht wirklich alles preisgibst. Wir lieben Schwächen. Fühlen uns angezogen von verwandten Seelen, die sich blank machen und alles freilegen, was an die eigenen Niederlagen erinnert. An das eigene Scheitern. Das macht uns zu Menschen. So entsteht Nähe. Indem wir uns öffnen und jemandem bewusst gestatten, sich anzulehnen. Emotional anzudocken. Auf diese Art finden wir Verbündete. In jedem Kampf. Sei ehrlich. Dir selbst fällt es leichter, Dich mit jemandem zu identifizieren, der nicht perfekt ist. Genauso wenig, wie Du selbst.

Und nein, ich halte mich nicht etwa für überlegen, weil ich solche geistigen Ergüsse hier raus haue. Ich schaue Fernsehen und mache ganz profane Dinge, wie wir alle. Ich liebe es, mich berieseln und gut unterhalten zu lassen. Für mein Empfinden, gut. Über Geschmack lässt sich ja bekanntlich streiten. Ich lasse die Glotze eben nicht laufen, egal wie stumpf die Ausstrahlung ist. Für mein Empfinden, stumpf. Big Brother und Dschungelcamp werdet Ihr bei mir jedenfalls nicht sehen. Geht gar nicht. Sollte alles meiner Meinung nach wegen Volksverdummung verboten werden. Sorry, falls Ihr Fans sein solltet. Ich entscheide mich halt auch hier ganz bewusst. Ich sage immer gern, dass ich ohne meine Leichen nicht einschlafen kann und das meine ich nicht ganz so scherzhaft, wie man meinen könnte. Wenn es bei Bones, CSI, Criminal Minds & Co. hoch her geht, werde ich ruhig. Spannung ist mein Beruhigungsmittel. Im Gegensatz machen Nachrichtensendungen und Unterhaltungsshows mich verrückt. Dabei kann ich nicht abschalten oder besser gesagt, wühlt mich sowas auf. 

An einem gemütlichen Abend schaue ich Horror-Filme oder führe mir den Familienauftrag der Winchesters zu Gemüte - was für ein Klischee, oder? Ich stehe auf American Horrorstory (so schön krank) und all der Tod in The Walking Dead hat mich seinerzeit irgendwie mehr zurück ins Leben geholt, als ich ziemlich am Boden war. Aber ich bin auch Sex and The City. Ich bin der Desperate-Housewifes-Typ und ich liebe die alten Serien wie Friends oder Gilmore Girls. Je nachdem, wie ich gerade drauf bin. Auch das alles gehört für mich zum Menschsein dazu. Zum Leben, zum Genießen. Ich bin mir einfach im Klaren darüber, dass ich so ticke. Und deshalb finde ich das vollkommen okay. Klatschblätter hingegen sind mir ein Graus. Es interessiert mich nicht, was sie alle in ihrem Privatleben treiben. Ich habe ein eigenes.

Worauf ich hinaus will: Wir alle haben eine bunte Fülle an Facetten und die sollten wir uns auch gestatten. Nehmt so viele Erfahrungen mit, so viel Freude, Lachen, Gruseln, Party, Genuss und Leben, wie Ihr nur könnt. Wir sollten uns bewusst für Vielschichtigkeit entscheiden. Musst Du immer Ernst sein, nur weil Du Mama bist und die Verantwortung trägst? Die Antwort lautet meines Erachtens nach - nein! Du kannst sein wer, wie und was Du willst. Die Entscheidung treffen wir jeden Tag neu. Das sollten wir uns vor Augen führen. 

Mein Wording, wenn ich hier schreibe beispielsweise, unterscheidet sich teilweise extrem von der Art und Weise, wie ich in meinem Privatleben auftrete. Am Fußballplatz oder auf einer Party oder im Job. Ich fülle jede dieser Rollen aus und ich genieße es. Wer sagt, dass ich nur die emsige Assistentin oder die bewusste Spirituelle oder das verrückte Huhn sein muss? Ich bin alle von ihnen und das ist gut so. 

Mein Segen (oder mein Fluch ;-) ist das Geschichtenerzählen. Ich werde immer mal, seit frühester Kindheit, darauf angesprochen. Dass ich wie ein ganz anderer Mensch erscheine, wenn ich schreibe. Ja, ich drücke mich dann anders aus. Ist doch klar, oder? Wenn ich mein Blog in Umgangssprache verfassen würde, klänge es vermutlich etwas seltsam. Und wenn ich ständig bei den Leuten im Dorf so tief schürfend herum schwafeln würde wie jetzt, das wäre doch auch ein wenig komisch. Dennoch bin ich dieselbe Person. Aber ich bin mehr, als meine äußere Erscheinung. Mehr als lackierte Fingernägel, witzige Sprüche und Organisationstalent. 

Was das Reden und das Schreiben anbelangt - ich kann mich irgendwie einfach nicht kurzfassen. Liegt vermutlich in meinen weiblichen Genen, denn ich beobachte dasselbe Phänomen häufiger in meinem Freundinnenkreis. Aber hey, die gute Nachricht ist: Im Marketing beispielsweise ist Storytelling, gekonnt und emotionsgeladen, eine durchaus positive Sache. 

Also mache ich das Beste daraus. Ich versuche es zumindest, was meine positiven Eigenschaften betrifft. So, wie ich sie gerade nutzen kann. Das Beste können wir ohnehin immer nur aus dem JETZT heraus holen. Wir haben quasi auch nur das. Deshalb sage ich: Kauf die zu teuren Schuhe. Iss das Stück Kuchen. Wenn Du es wirklich, wirklich willst. Ja, ich weiß. Diese Einstellung macht mich vermutlich auch zu einer Drama-Queen. Sieht so aus, als würde ich allem eine Bedeutung zumessen. Eine versteckte oder eine ganz eindeutige. Was soll´s - das stimmt!

Und da sind wir wieder beim Bewusstsein angelangt. Ich versuche immer wach zu sein. Jedenfalls dann, wenn es Sinn macht. Mitten in der Nacht wäre es mir lieber, diese Eigenschaft noch besser abstellen zu können. Aber so grundsätzlich, bin ich mir gern der Tragweite alles möglichen bewusst. 

Nehmen wir den Herbst. Diese Zeit bedeutet für mich: Lichterketten, Kerzen, Rotwein, Kürbissuppe, klare Luft und Halloween-Deko. Andersherum aber auch: Ahnengedenken, Unterweltzeit, Hekate, Abrechnung und Ernte, die Ankündigung der wilden Jagd. Im Angesicht des Verfalls findet sich eine große Schönheit. Fast atemberaubender als die Fülle des Sommers, scheint es mir manchmal. Ich versuche dann darin einen übertragenen Sinn für das Leben zu finden. Immerhin bin ich mit meinen 40 Jahren nicht mehr allzu weit vom Herbst des Lebens entfernt. Kann dieser langsame Abschied von straffer, praller Haut schön sein? Findet sich eine Anmut im Vergehen meiner äußerlichen Jugend? Auf die Vorzüge der Gelassenheit und geistigen Reife, die mit dem zunehmenden Alter Einzug halten, bin ich längst aufmerksam geworden.

Sogar meine Katze liebt dieselben Dinge wie ich und ich bemerke das durchaus: Sie liebt den Duft von getrockneten Kräutern, sie beobachtet gern das Spiel der im Wind tanzenden, bunten Blätter vor dem Fenster. Sie liebt Blumen. Bücher, Papier und Gemütlichkeit. Snowhy genießt die Wärme der von unserer Fußbodenheizung aufgeladenen Fliesen, wenn ihr erst die Hitze  vom Sonnenschein geküsster Terrassenplatten gewichen ist. Vermutlich ist sie eine verdammt gute Lehrerin. Denn sie zeigt mir, wie ich jeder Jahreszeit ihre Vorzüge abgewinnen kann. Was ich ohnehin tue, glaube ich. 

Um es mit den Worten von Metallica zu sagen: "Nothing else matters". Heute ist alles, was zählt. Und zwar nicht nur in Bezug auf die Jahreszeiten oder das Älterwerden. Sondern grundsätzlich. In der Spiritualität bedeutet dies für mich, dass ich nicht nur die Asche anbeten, sondern auch die Flamme am Leben halten möchte. Durch den Wandel der Zeiten. Auf meinem eigenen Weg. Ich liebe Traditionen und alte Bräuche. Aber alles verändert nun einmal sein Gesicht. Aus Dörfern wurden Städte und aus Kindern werden Erwachsene. Heute reden wir über die großen Themen des Daseins nicht mehr nur noch hinter vorgehaltener Hand. Wir bloggen und wir twittern, wir sprechen offen. Wir erheben unsere Stimme.  Denn das bedeutet es, lebendig zu sein. Veränderung, Wachstum, Fortschritt. 

Ich bin die Hexe. Ich bin die Liebende. Ich bin das wilde Weib. Die Mutter, die Jungfrau, die Schöne, die Lustige. Die Berufstätige, die Freundin. Diese Liste lässt sich beliebig fortführen und ergänzen. Für alles was ich bin, für jede Rolle, die ich spiele, habe ich mich bewusst entschieden. Manchmal früher, manchmal später. In vieles musste ich erst hinein wachsen. Ich musste lernen zu verstehen, wer ich bin. Was ich kann. Was ich nicht kann. Was ich will und was ich nicht will. Und was ich vielleicht dennoch tue. 

Lerne, die Dinge im übertragenen Sinne zu verstehen. Das hat mir stets sehr geholfen. Nicht erst, seit mir als Mädchen von meinem Vater das Kartenlegen beigebracht wurde. Ich habe es weiter entwickelt. Meine Techniken sind noch anders als seine. Lerne die Dinge zu deuten, besser gesagt. Lies die Zeichen. Lies zwischen den Zeilen. Die Bildersprache ist eine universelle. Genau wie die von Tönen, Düften, Geschmäckern, Farben und Gefühlen. Alles hat einen Symbolgehalt. Entwirre die Fäden Deines Lebens. Sieh das ganze Netz, aus dem es besteht. Fahre mit den Fingern an den Saiten entlang, deren Schwingung Dich mit allem und jedem verbinden. Ein altes Symbol versteht jeder.





Montag, 4. Mai 2020

So weit, so gut

Ein Stück weit Normalität hat in den Städten wieder Einzug gehalten. Aber ich werde das Gefühl nicht los, dass nichts jemals so ganz werden wird, wie es einmal war. Die Frage ist natürlich, wäre das eigentlich wünschenswert. Wir sollten unsere Lektionen lernen und dann vermutlich ein neues Gefühl von "normal" etablieren. Beim Anblick der leeren Straßen konnte ich mich nie entscheiden, ob ich mich über diesen Frieden und Stillstand nun freuen sollte oder schreiend im Kreis rennen und trauern. Über das, was wir verloren haben. Wieder ein Riss mehr im Vorhang der Illusion von Sicherheit. 

Die Welt sieht so normal aus. Macht es das besser oder schlimmer? Ist dieser Zustand schön oder schrecklich? Kommt wohl auf den Blickwinkel an, aus dem man es betrachtet. Tröstlich ist der Hauch von Beständigkeit, an dem wir uns festhalten können. Meine Baumfreunde hinter dem Haus. Ich sehe sie zu jeder Tageszeit und jeder Jahreszeit. Sie erblühen wie eh und je. Wenn ich mich in ihrem Anblick versenke, steht alles still und ich empfinde pures Glück. Ich lasse mich auf diese Momente des All-ein-seins ein und spüre, ich liebe diese Welt so sehr, dass es weh tut. Sie ist so wunderschön, jeder Blick aus dem Fenster  ein Geschenk. Ich sehe strahlende Sonne, blauen Himmel, bunte Blumen und Grün so weit das Auge reicht. Das macht mich ehrfürchtig. So intensiv, dass mir der Atem stockt. Da soll noch einer sagen, wir kriegten im Leben nichts geschenkt.

Postapokalyptische Szenarien maskierter Menschen, überfüllter Krankenhäuser, von Security an den Eingängen der Geschäfte und die Verschiebungen im Alltag bilden dazu einen harten Kontrast. Mein Hirn kommt mit diesen Gegensätzen manchmal gar nicht klar und im Gesamten wirkt das für mich völlig surreal. Mein Unterbewusstsein hat da ganz schön zu knacken. Ich merke das, an meinen wirren Träumen oder der Tatsache, dass ich seit einer Weile plötzlich wieder zu unkontrollierten Fressattacken neige. Nachts im Halbschlaf den Kühlschrank plündern, wie ein Zombie, der über die Schokolade herfällt. Auf Kleinigkeiten reagiere ich dünnhäutig und häufig beschleicht mich dieser Tage der Verdacht, dass die Depression hinter der nächsten Ecke lauert. Womit ich längst nicht allein dastehe, wenn ich mich in meinem Freundeskreis so umschaue. Vieles bringt mich leicht aus dem Konzept. Dann schleiche ich vor Unsicherheit wie die Katze um den heißen Brei herum. Die Anspannung wiederum und die schlechte Ernährung sind nicht gut für meinen Darm. Bei der letzten Spiegelung im März hatte man mir noch mitgeteilt, dass der Crohn komplett ruhte. Wenn das so weiter geht, schlägt er wieder Alarm und dadurch werde ich dann anfälliger. Ein Teufelskreis.

Andererseits bin ich etwas weniger hektisch oder sagen wir mal, ein bisschen gelassener im Umgang mit mir. Sogar die Geduld ist mir begegnet. Dieses Wort und meinen Namen hätte man bislang wohl die ganzen vierzig Jahre meines Lebens nicht in einem Satz genannt. Platzt der Nagellack halt ab und die Fenster bleiben fleckig. Was soll´s. Außer im Supermarkt begegne ich niemandem und zu Besuch kommt soweit auch keiner. Musste die Welt dafür erst untergehen? Um zu realisieren, dass es nicht darauf ankommt was wir für Klamotten anziehen, wenn wir uns mit unseren Leuten treffen? Sondern darauf, sie zu treffen? Mit sich selbst so nachsichtig zu sein tut wirklich gut. Ich bin gespannt, ob  mir diese Einsicht auch erhalten bleibt, wenn wirklich alles irgendwann wieder seinen gewohnten Gang gehen sollte.

An die Stelle von Verabredungen zum Frühstück, für Parties, zu Fußballspielen und anderen Events sind vorerst Video-Meetings, Facetime-Calls und lustige WhatsApp-Challenges getreten. Wofür ich dann aber doch wieder in die Maske gehe. Manche Dinge ändern sich einfach nie. Wie rührend es plötzlich sein kann, wenn Deine Freundin ihre Kartenlegung per Videoaufzeichnung mit Dir teilt. Ihr liebes Gesicht zu sehen und Dir für einen Augenblick so vorzukommen, als stünde sie vor Dir. Da muss ich unwillkürlich selber auch lächeln. Oder aber sich gegenseitig zu zu prosten und   ein paar Minuten lang dem Irrglauben hinzugeben, man säße tatsächlich gemeinsam am Tisch. Schön, dass wir diese technischen Möglichkeiten haben. Auch wenn am Ende des Videos oder Calls kurz eine kleine, schmerzliche Sehnsucht aufsteigt.

Ich denke der Tag wird schon kommen, wo wir wirklich wieder gemeinsam Zeit verbringen. Wie auch immer dann die Rahmenbedingungen ausschauen mögen. Ganz in Echt, Face to Face. Ohne unsere Trinkspiele und die geselligen Runden im Schmetterzirkel wird ja sonst noch ein ganz vernünftiges Mädchen aus mir. Die Göttin bewahre mich davor! Was wären die Wochenenden auf Dauer ohne die dreckigen Witze von F., die Männergeschichten von C. oder die tiefgründigen Unterhaltungen mit J., die so ganz anders ist als ich und trotzdem so verdammt gleich?! Ich vermisse Euch wirklich. Die fette Lache von K., Gott-und-die-Welt-Gespräche mit D. So viele tolle Menschen in meinem Leben. So ein fabelhaftes gallisches Dorf, in dem wir leben. So endlos viele Mosaik-Steinchen, die mein Dasein zu einem erfüllten machen. Und aus unserem Wohnort ein Zuhause. Zu wissen, dass ich angekommen bin, wo ich hingehöre. Unbezahlbar. Und wert darauf zu warten, um es zu beschützen.



Was macht jemanden eigentlich zu einem tollen Menschen? Was macht einen Ort zu einer Heimat? Ich glaube da muss schon ganz viel zusammen kommen. Echt soll es sein. Ungekünstelt. Und für meinen Teil kann ich sagen, solche Formen der Verbindung entstehen aus Gefühlen. Seit meinem 16. Lebensjahr war ich ohne Familie und so verzweifelt auf der Suche nach einem Nest, einem richtigen Zuhause. Nach Geborgenheit. Ich liebe Dinge, die bleiben, müsst Ihr wissen. Als Mädchen damals oder junge Frau war ich einfach schon zu oft gezwungen gewesen, von vorn anzufangen. Stetiger Wandel, mal hier hin und mal dort hin, sind mir seit dem ein Graus. Leben bedeutet natürlich Entwicklung, Wachstum und Veränderung. Das gehört dazu, ob wir wollen oder nicht. Manchmal ist es schön und wünschenswert. Dann wieder erwischt es uns eiskalt. 

Am 6. Januar, wenn die Rauhnächte enden, ziehe ich immer meine neue Jahreskarte. Diesmal war es eine, die mich mit einem Schlag in Aufruhr versetzte. Kein gutes Blatt, ganz und gar nicht. Wenn die Bilder aus diesem Deck nicht bereits seit Jahren immer wieder so verdammt zutreffend und wortwörtlich zu nehmen gewesen wären, hätte ich vielleicht mit mehr Deutungsspielraum an die Sache heran gehen können. So wusste ich bereits vorab, es würde nicht einfach werden. Zwar hatte ich keine Ahnung, was genau geschehen würde. Aber inzwischen sehe ich da auf Grund der aktuellen Entwicklungen schon klarer. Auch wenn ich keine Negativität verbreiten möchte, wir sollten diese Sache schon ernst nehmen. Was das angeht, stehen wir glaube ich wirklich noch am Anfang einer sehr besonderen Zeit. Womit ich leider nicht nur die positiven Sinneswandel anspreche, die hier bei vielen Menschen entstehen.

Wenn man so will, wurde ich auf die Situation bestens vorbereitet. Seit über einem Jahr arbeite ich nun schon Vollzeit von Zuhause aus. In der Digitalisierungs-Branche. Durch meinen kurzen Ausflug in den Einzelhandel vor zwei oder drei Jahren konnte bzw. musste ich damals meine immunsuppressive Behandlung abbrechen. Sicherlich in Zeiten von Corona nicht die schlechteste Ausgangslage. Nachdem ich die dauerhafte Stressbelastung, Depression und  Schicksalsschläge der Vergangenheit hinter mir gelassen und abgearbeitet hatte, ging es mir auch gesundheitlich immer besser. Der Darm kam wie gesagt  zur Ruhe. Kein Bluthochdruck, keine Rhythmusstörungen, keine Panikattacken,  keine ständigen Infektionskrankheiten, kein Übergewicht, keine Betablocker und anderen täglichen Pillencocktails mehr. Ich habe meine Ernährung umgestellt und sogar im letzten Sommer mit dem Joggen angefangen. Anfang diesen Jahres haben wir mir daheim einen ergonomischen Arbeitsplatz eingerichtet, weil ich die permanente Verspannungsmigräne einfach nicht mehr ertrug. Insofern kann ich eine Weile ohne meine Physio-Therapeutin auskommen. Denkbar beste Voraussetzungen in dieser Krise, würde ich sagen. Zufall? Daran habe ich noch nie geglaubt. Ich nenne das Schicksal.

Als T. neulich meinen letzten Blog-Beitrag gelesen hatte, kommentierte sie ihn auf facebook. Sie meinte, dass sie die ganze Zeit über Artemis als sehr deutlich präsent empfunden hätte. Es ging um meine neue Liebe zum Laufen, das sich für mich wie fliegen anfühlt, meine alte Liebe zum Wald, der mir ein Gefühl von Freiheit vermittelt und meine immer währende Liebe zu den Tieren, mit denen ich mich verbunden fühle.  Womit wir zu einer weiteren, sehr spannenden und betrachtenswerten Synchronizität kommen. Im Jahr 2017 nämlich war Artemis, aus eben jenem Deck, dessen ich mich schon ewig für meine Jahreskarten bediene, meine persönliche Jahresbegleitung. Und dieses Jahr war für mich ein ganz besonderes, ein großartiges, sehr wichtiges. Ein wirklich gutes. In 2017 habe ich unter Artemis Führung und Motto "Selbstbestimmtheit" wieder zu mir gefunden. Ich habe mich selbst zurück erobert und bin nach all dem Elend der voraus gegangenen Jahre endlich wieder aufgestanden. Dieser Einfluss hat mich seither nie ganz verlassen. Denn mit jedem darauf folgenden Jahr wurde ich wieder ein Stück weit mehr zu mir. Ich erfand mich neu. Entdeckte alte Talente, erschuf eine stärkere, bessere und schönere Version von mir, als ich es zuvor gewesen war.

Wir Menschen lernen ja von Geschichten. In meiner tiefen Verzweiflung über das Leid und den Schmerz, die mir für 2020 als Hauptthema prophezeit worden waren, wendete ich mich natürlich an meine Seelen-Schwestern. A., P., S. und A. legten ihrerseits Karten, um die Bedeutung von meiner zu hinterfragen und tiefer ins Detail sehen zu können. Ihre Erklärungen erschienen mir einleuchtend und machten durchaus Sinn. Tatsächlich kann ich zum jetzigen Stand meines Wissens sagen, dass sie richtig gelegen haben. Mal losgelöst betrachtet von den Ereignissen, die sich seither parallel in der Welt um uns herum abspielen. Beides steht nämlich, wie immer, in direktem Zusammenhang. Jede Ursache hat ihre Wirkung. Alles ist verbunden. Ein loser Faden kann das gesamte Netz instabil machen. Der Impact, den Corona aktuell auf mein persönliches Leben und Empfinden hat, spiegelt sich in den einzelnen Teilbereichen, die meine Freundinnen angesprochen hatten. 

Es geht um Themen, Glaubenssätze, Verhaltensmuster und Ängste dabei, die ich dachte bereits für immer hinter mir gelassen zu haben.  Doch wer ist schon gefeit, wenn so etwas riesenhaftes geschieht? Eine globale Sache, die sich eben nicht nur auf mich auswirkt, sondern wirklich jeden betrifft. Da können schon mal alte Wunden wieder aufbrechen. Bisher ist es mir gelungen, sämtliche Angelegenheiten in den Griff zu kriegen, die sich zeigten. Bis heute ist jede dieser Konfrontationen für mich gut ausgegangen. Ich trete ihnen jetzt gegenüber, ohne zu zittern. In meinem Inneren steht Athena aufrecht da, mit ihrem Schild und ihrem Speer. Und sie wartet erst einmal ab. Denn sie weiß um ihre Stärke. Aber wir haben auch gerade erst Anfang Mai. Man soll den Tag bekanntlich nicht vor dem Abend loben. Der Großteil des Jahres steht noch bevor und was noch auf uns zukommt, wissen wir nicht. Ich werde einen Teufel tun, das noch gezielter zu hinterfragen. Darüber hinaus ist, wie ich bereits eingeräumt habe, definitiv nicht alles daran schlecht. Heilung kann bekanntlich nur geschehen, wenn wir uns der Verletzung wirklich hinwenden. Dazu müssen wir sie anschauen und sie versorgen. Auch wenn es weh tut.

Klar, dass mir die Karte jedenfalls nicht aus dem Kopf gehen wollte und ich mich mit so wenig Information anfangs nicht zufrieden gab. In einer ruhigen Minute zog ich selber also noch zwei weitere Karten hinzu, wieder aus dem Göttinnengeflüster. Ich wollte wissen, was das Jahr mir persönlichen bringen würde und bekam zur Antwort Lilith. Eine weitere alte Bekannte. In 2012 war sie lauthals und schäumend vor Wut in mein Leben getreten. Unter Hekates Anleitung und mit ihr an meiner Seite wagte ich einen großen Schritt. Beendete alt hergebrachtes, das nicht mehr gut für mich war und stellte mich neuen Herausforderungen. Ich stand auf. Es war genug. Voller Angst zwar und tief verzweifelt damals noch, aber ich tat es.

Ich verstehe Lilith heute und sie zeigte sich gleich von Anfang an deutlich. Sie macht mich stark, wild und frei. Als hinzutretender Impuls und dritte im Bunde, erschien Inanna. Wie lang und alt und schier endlos meine Geschichte mit ihr doch zu sein scheint. Da waren wir wieder. Sie und ich. War ich wirklich so naiv? Immer noch? Geglaubt haben zu können, ich hätte alle Schatten schon durchlaufen und endgültig hinter mir gelassen? Natürlich sind sie mir jeder für sich bereits begegnet. Aber wie es ausschaut, ist ein finales Gegenübertreten nötig, um tatsächlich abzuschließen. Um mich zu beweisen.

Die Geschichte von Inannas Abstieg in die Unterwelt las ich zum ersten Mal, einen richtig dicken Wälzer, als ich zwölf oder vierzehn gewesen sein muss. Was soll ich sagen. Eine Story, die nie aus der Mode kommen wird. Die jede Frau im Laufe ihres Lebens erlebt. Mehrfach sogar womöglich. Immer dann, wenn wir uns verfranst haben und von unserem Weg abgekommen sind. Dann werden wir gezwungen, unsere Route zu korrigieren. Müssen Stück für Stück ablegen, wovon wir dachten, dass es uns ausmachen würde. Bar und nackt und bloß und verletzlich unserer Schöpferin gegenüber treten. Uns selbst. Was dann bleibt, darauf kannst Du neu aufbauen. Sollte jede mindestens ansatzweise einmal gelesen haben. Ebenso wie "die Wolfsfrau", mal so am Rande gesagt. Insgesamt jedenfalls ergibt es unter dem Strich ein ziemlich rundes Bild. Athena, die auszog, um das Fürchten zu lernen. Und was sie letztlich fand, als sie alle Prüfungen bestanden hatte, den Schatz, am Ende des Regenbogens oder in einer Höhle von einer wunderschönen Drachin bewacht, war sie selbst.

Fortsetzung folgt...

Freitag, 3. April 2020

Klartext gesprochen

Ihr Lieben, ich teile normal keine Videos. Erstens bin ich ein reines Foto-Mädchen und zweitens mag ich mich auch nicht so mit jedem Inhalt in Verbindung bringen lassen. Ihr wisst schon, was ich meine. Aber diesmal ist es anders. Heute mache ich eine Ausnahme. Obwohl ich mir eigentlich selber noch nicht einmal besonders gern Videos anschaue. Und schon gar keine langen. Youtube & Co. sind einfach nicht mein Ding. Dies hier jedoch hat meine Freundin A. am Morgen in unserem Mädels-Gruppenchat gepostet. Weil sie selber und meine andere Freundin A. es beide total überzeugend fanden und vor allem auch die Frau, die spricht, habe ich mir ebenfalls die zwanzig Minuten Zeit in der Mittagspause genommen. Fazit:  Ich kann mich nur anschließen. 

Alles ist thematisch absolut seriös, belegbar, nachvollziehbar, schlüssig und realistisch dargelegt. Das schafft Klarheit, räumt allerdings auch auf mit Illusionen oder Spekulationen dahin gehend, dass nach Ostern die ganze Welt plötzlich wundergeheilt sein und sich wie früher weiter drehen wird. Sicher möchte aber nicht jeder gerade  so genau über den Verlauf Bescheid wissen, der uns höchst wahrscheinlich noch bevor steht. Denn wir befinden uns jetzt erst am Anfang dieser Pandemie, davon bin ich überzeugt. Wenn Ihr also lieber nicht hören wollt (was ich wirklich absolut verstehen kann), dass diese ganze Geschichte noch sehr lange andauern wird bzw. wieso, dann schaut Euch das Video bitte eher nicht an. Meine Absicht ist nämlich keinesfalls, hier jemanden womöglich noch weiter runter zu ziehen oder zu verängstigen. Wobei das definitiv keine verschwörerische Propaganda ist, keine Sorge. Mir ist es einfach wichtig aufzuklären, eine Ernsthaftigkeit für die Maßnahmen zu erzeugen und das Bewusstsein dafür zu schärfen, was faktisch unsere Lage ist. Darüber hinaus aber auch in welche Richtung wir uns bewegen, wenn man von einer natürlichen Entwicklung ausgeht.

Die Herangehensweise an das Thema ist sehr sachlich. Sie bestätigt mich persönlich quasi mit Fakten in dem, wovon ich ohnehin schon länger ausgehe. Nur in einem Punkt bin ich anderer Meinung als die Sprecherin: Ich verstehe, dass niemand von Seiten der Regierung Zusicherungen macht oder bisher konkret von einem möglicher Weise so lange andauernden Szenario spricht. Angst haben viele in der Bevölkerung nämlich schon genug. Die soll ja nicht noch weiter geschürt werden. Und noch besteht außerdem die Hoffnung auf einen Impfstoff, der uns erlösen und diese elendige Angelegenheit verkürzen kann.



Donnerstag, 2. April 2020

Anthropophobie

Die Anthropophobie (griech.: ἄνθρωπος (anthropos) = Mensch; φόβος (phobos) = Furcht, Scheu) ist die übersteigerte Angst eines Menschen vor anderen, und wird im allgemeinen Sprachgebrauch oft mit dem weniger schwerwiegenden Begriff der Menschenscheu bezeichnet. Die Anthropophobie ist eine soziale Phobie, das heißt eine Angststörung, die sich in der Gemeinschaft mit anderen Menschen bemerkbar macht. Dies kann in Extremfällen zur Abschottung gegenüber jeglicher Interaktion mit anderen Menschen führen. Soziale Isolation mit allen ihren Problemen ist die Folge, muss aber auch als Bewältigungsstrategie gesehen werden, die der Angstreduktion dient, so dass diese Isolation vom Betroffenen auch gewünscht ist. (Quelle / Textnachweis)


Entwickeln wir durch Covid19 nun eine großflächige soziale Phobie? Ich habe an mir selber eine beunruhigende Regung feststellen müssen: Menschen machen mir plötzlich Angst. Womit ich nicht den moralischen Verfall unserer Gesellschaft meine, den ich schon lange kopfschüttelnd beobachte. Sondern ganz konkret die Tatsache, dass jemand mir körperlich nahe kommen könnte. Die einzige Person, auf die das nicht zutrifft, ist mein eigener Ehemann, mit dem ich zusammen lebe. 

Jeder von uns hat seinen privaten Tanzbereich. Eine persönliche Grenze, die kein ausreichend nahe stehender überschreiten sollte, weil ansonsten ein unbehagliches Gefühl in uns ausgelöst wird. Auf Grund des aktuellen Kontaktverbotes scheint diese imaginäre Linie sich bei mir aber auf tatsächlich mindestens zwei Meter ausgedehnt zu haben. Natürlich liegt es ganz klar auf der Hand: Es ist die Angst vor Ansteckung. Ich war seit je her jemand, dem zum Beispiel eine Fahrt in öffentlichen Verkehrsmitteln unangenehm gewesen ist. Nicht so schlimm paranoid wie beim allseits beliebten Sheldon Cooper. Aber Sauna ist für mich auf jeden Fall echt abartig. Leute husten, schwitzen, atmen, fassen Haltegriffe oder ähnliches an. Im Bus oder Zug sind sie mir zudem körperlich deutlich näher, als ich es bei Personen gerne habe, die ich nicht kenne. Bazillen und Viren schwirren überall umher, so dass ich mich nach dem Aufenthalt in einer Arztpraxis, einer U-Bahn etc. ohnehin irgendwie schmutzig gefühlt habe. Jetzt ist das aber nochmal eine ganz andere Nummer. Plötzlich erscheint mir eigentlich jeder als eine potenzielle, unmittelbare Gefährdung für meine Gesundheit.

Im Supermarkt, der Apotheke usw. macht sich das am meisten bemerkbar. Überall dort also, wo ich anderen überhaupt noch begegne. Sogar wenn mir im Wald beim Laufen Spaziergänger oder andere Jogger entgegen kommen, mache ich einen extra großen Bogen um sie herum.Geht im Laden jemand an mir vorbei, spüre ich eine regelrechte Stressreaktion in mir aufsteigen. Irgendwann stellte ich fest: Du hast echt Angst vor den Leuten. Bzw. dass sie krank oder Träger sein könnten.

Aktuell beobachte ich hauptsächlich zwei Arten von Umgang mit der sozialen Distanz: Die einen nehmen es überhaupt nicht ernst, finden es übertrieben und machen sich scheinbar auch keinen Kopf darüber, ob sie jemanden infizieren könnten. Die anderen halten sich brav an alle Regeln, scheinen aber nicht weiter aufgeregt oder betroffen zu sein. Was ja durchaus vernünftig ist. Es bleibt uns eh keine Wahl. Aber gibt es noch mehr von denen, die sich gerade so fühlen wie ich?  Gutes Mittelmaß wäre ja gesund. Ich hingegen scheine zu einer eher extremen Reaktion zu tendieren. 

Vor ein paar Tagen war es besonders traurig: Ich traf meine unbiologische Schwester liebe Freundin K. im örtlichen Edeka-Markt. Wir mussten einkaufen. Sie gehört zu den Alltagshelden dieser neuen Zeit, die sich tagtäglich abrackern, Überstunden kloppen und an ihre Grenzen gehen, um uns andere weiterhin mit allem Notwendigen zu versorgen. Um sich, nebenbei bemerkt, dafür häufig auch noch überflüssiger Weise mit Spott, Meckereien und Unfreundlichkeit belohnen lassen zu dürfen.

Als wir auf den Parkplatz gefahren kamen sah ich sie gleich vor dem Laden stehen. Noch ein Zigarettchen vor Dienstantritt. Sie drehte sich um, bemerkte mich auch und kam mit ausgebreiteten Armen in meine Richtung gelaufen. Während ich ihr ebenfalls entgegenging, sprang plötzlich ein Mechanismus in mir an, der mich stoppen ließ. Ich hatte zum ersten Mal in meinem Leben Angst, meine Freundin zu umarmen. Vielleicht klingt das jetzt in Euren Ohren total banal. Aber für mich war es irgendwie eine große Sache. Auf einmal schossen mir etliche Gedanken durch den Kopf. Dass sie jetzt sicher enttäuscht wäre oder sich abgelehnt fühlte. Dabei wollte sie mich vermutlich selber auch gar nicht wirklich umarmen. Bzw. wollten wir es natürlich beide! Doch ich vermute, dass sie es genauso wenig tatsächlich vor hatte, wie ich. 

Normalerweise begrüßen wir uns wahnsinnig überschwänglich. Drücken uns feste und herzlich, Küsschen auf den Mund, freudestrahlende Mädels. Und dann das. Wir standen uns gegenüber und ich schämte mich. Für meine Distanz. Ich denke schon, dass wir uns richtig verhalten haben. Genauso wie es vorgeschrieben ist und es auch der gesunde Menschenverstand im Augenblick verlangt. Dennoch tat es mir einfach nur furchtbar leid und ich fühlte mich wie die schlechteste Freundin der Welt,  mies. Erschwerend kommt nämlich noch hinzu, dass wir uns seit ein paar Wochen nicht getroffen hatten. Selbst unsere teilweise stundenlangen Unterhaltungen via WhatsApp-Sprachnachrichten wurden von den veränderten Verhältnissen, viel Arbeit, Stress und dem ganzen Krempel, geschluckt. So standen wir da, mit einer circa anderthalb Meter messenden Entfernung von einander. Der Abstand jedoch kam mir sehr viel größer vor. Das hat mich emotional ganz schön aus der Bahn geworfen.

Ähnlich geht es mir mit meinen anderen Freundinnen und der Clique hier aus unserem Wolfsrudel, mit der ich sonst eigentlich jedes Wochenende verbracht habe. Sie fehlen mir. Ich sehe im Kalender die Einträge von Veranstaltungen, an denen wir normalerweise gemeinsam teilgenommen hätten. Wir hätten zusammen gefeiert, gelacht, getanzt, geredet. Diese Termine sind nun gestrichen. Wir winken uns statt dessen mal aus der Ferne, rufen uns was zu, machen Quatsch in den Gruppenchats. Und manchmal fühle ich einen kleinen Stich, weil ich sie einfach nicht sehen darf und auch keinen blassen Schimmer habe, wann sich das wieder ändern wird.

Hoffen wir alle, dass schnell ein Impfstoff und / oder Heilmittel gefunden wird. Denn so lange wir das nicht haben, wird sich für mich persönlich an der Situation quasi nichts ändern. Selbst wenn die Regierung das Kontaktverbot aufheben sollte, weiß ich nicht ob ich das Risiko in Kauf nehmen würde. Risikogruppe und so. Keiner kann mir sagen inwieweit die immunsuppressive Behandlung sich nach wie auswirkt. 

Zu meinem Mann habe ich kürzlich gesagt, dass dieser Wehmut auch etwas Schönes hat. Denn meine Empfindungen zeigen einfach, dass sie mir etwas bedeuten. Dass ich diese Menschen wirklich gerne habe. Sie machen mich dankbar, dafür Teil einer wunderbaren, verrückten Gemeinschaft zu sein. Sie beantworten die eine essenzielle Frage. Nämlich die, ob mein Herz intakt ist.

Neulich stieß ich dann auch genau im Herzstück-Magazin auf ein tolles, dazu passendes Zitat:


Ich kann aus voller Überzeugung behaupten: Ja! Ich weiß, dass ich am rechten Ort bin, zur richtigen Zeit und dass ich genau diejenigen getroffen habe, mit denen ich noch einmal zusammen sein will und noch unzählige Male. Die ich wieder sehen will. Und ich wache neben dem einen morgens auf, mit dem ich bis ans Ende meines Lebens auch in Quarantäne bleiben wollen würde. Mit ihm und unseren drei Schnuppen natürlich. Also habe ich alles gefunden, wonach es sich zu suchen lohnt.