Montag, 4. Mai 2020

So weit, so gut

Ein Stück weit Normalität hat in den Städten wieder Einzug gehalten. Aber ich werde das Gefühl nicht los, dass nichts jemals so ganz werden wird, wie es einmal war. Die Frage ist natürlich, wäre das eigentlich wünschenswert. Wir sollten unsere Lektionen lernen und dann vermutlich ein neues Gefühl von "normal" etablieren. Beim Anblick der leeren Straßen konnte ich mich nie entscheiden, ob ich mich über diesen Frieden und Stillstand nun freuen sollte oder schreiend im Kreis rennen und trauern. Über das, was wir verloren haben. Wieder ein Riss mehr im Vorhang der Illusion von Sicherheit. 

Die Welt sieht so normal aus. Macht es das besser oder schlimmer? Ist dieser Zustand schön oder schrecklich? Kommt wohl auf den Blickwinkel an, aus dem man es betrachtet. Tröstlich ist der Hauch von Beständigkeit, an dem wir uns festhalten können. Meine Baumfreunde hinter dem Haus. Ich sehe sie zu jeder Tageszeit und jeder Jahreszeit. Sie erblühen wie eh und je. Wenn ich mich in ihrem Anblick versenke, steht alles still und ich empfinde pures Glück. Ich lasse mich auf diese Momente des All-ein-seins ein und spüre, ich liebe diese Welt so sehr, dass es weh tut. Sie ist so wunderschön, jeder Blick aus dem Fenster  ein Geschenk. Ich sehe strahlende Sonne, blauen Himmel, bunte Blumen und Grün so weit das Auge reicht. Das macht mich ehrfürchtig. So intensiv, dass mir der Atem stockt. Da soll noch einer sagen, wir kriegten im Leben nichts geschenkt.

Postapokalyptische Szenarien maskierter Menschen, überfüllter Krankenhäuser, von Security an den Eingängen der Geschäfte und die Verschiebungen im Alltag bilden dazu einen harten Kontrast. Mein Hirn kommt mit diesen Gegensätzen manchmal gar nicht klar und im Gesamten wirkt das für mich völlig surreal. Mein Unterbewusstsein hat da ganz schön zu knacken. Ich merke das, an meinen wirren Träumen oder der Tatsache, dass ich seit einer Weile plötzlich wieder zu unkontrollierten Fressattacken neige. Nachts im Halbschlaf den Kühlschrank plündern, wie ein Zombie, der über die Schokolade herfällt. Auf Kleinigkeiten reagiere ich dünnhäutig und häufig beschleicht mich dieser Tage der Verdacht, dass die Depression hinter der nächsten Ecke lauert. Womit ich längst nicht allein dastehe, wenn ich mich in meinem Freundeskreis so umschaue. Vieles bringt mich leicht aus dem Konzept. Dann schleiche ich vor Unsicherheit wie die Katze um den heißen Brei herum. Die Anspannung wiederum und die schlechte Ernährung sind nicht gut für meinen Darm. Bei der letzten Spiegelung im März hatte man mir noch mitgeteilt, dass der Crohn komplett ruhte. Wenn das so weiter geht, schlägt er wieder Alarm und dadurch werde ich dann anfälliger. Ein Teufelskreis.

Andererseits bin ich etwas weniger hektisch oder sagen wir mal, ein bisschen gelassener im Umgang mit mir. Sogar die Geduld ist mir begegnet. Dieses Wort und meinen Namen hätte man bislang wohl die ganzen vierzig Jahre meines Lebens nicht in einem Satz genannt. Platzt der Nagellack halt ab und die Fenster bleiben fleckig. Was soll´s. Außer im Supermarkt begegne ich niemandem und zu Besuch kommt soweit auch keiner. Musste die Welt dafür erst untergehen? Um zu realisieren, dass es nicht darauf ankommt was wir für Klamotten anziehen, wenn wir uns mit unseren Leuten treffen? Sondern darauf, sie zu treffen? Mit sich selbst so nachsichtig zu sein tut wirklich gut. Ich bin gespannt, ob  mir diese Einsicht auch erhalten bleibt, wenn wirklich alles irgendwann wieder seinen gewohnten Gang gehen sollte.

An die Stelle von Verabredungen zum Frühstück, für Parties, zu Fußballspielen und anderen Events sind vorerst Video-Meetings, Facetime-Calls und lustige WhatsApp-Challenges getreten. Wofür ich dann aber doch wieder in die Maske gehe. Manche Dinge ändern sich einfach nie. Wie rührend es plötzlich sein kann, wenn Deine Freundin ihre Kartenlegung per Videoaufzeichnung mit Dir teilt. Ihr liebes Gesicht zu sehen und Dir für einen Augenblick so vorzukommen, als stünde sie vor Dir. Da muss ich unwillkürlich selber auch lächeln. Oder aber sich gegenseitig zu zu prosten und   ein paar Minuten lang dem Irrglauben hinzugeben, man säße tatsächlich gemeinsam am Tisch. Schön, dass wir diese technischen Möglichkeiten haben. Auch wenn am Ende des Videos oder Calls kurz eine kleine, schmerzliche Sehnsucht aufsteigt.

Ich denke der Tag wird schon kommen, wo wir wirklich wieder gemeinsam Zeit verbringen. Wie auch immer dann die Rahmenbedingungen ausschauen mögen. Ganz in Echt, Face to Face. Ohne unsere Trinkspiele und die geselligen Runden im Schmetterzirkel wird ja sonst noch ein ganz vernünftiges Mädchen aus mir. Die Göttin bewahre mich davor! Was wären die Wochenenden auf Dauer ohne die dreckigen Witze von F., die Männergeschichten von C. oder die tiefgründigen Unterhaltungen mit J., die so ganz anders ist als ich und trotzdem so verdammt gleich?! Ich vermisse Euch wirklich. Die fette Lache von K., Gott-und-die-Welt-Gespräche mit D. So viele tolle Menschen in meinem Leben. So ein fabelhaftes gallisches Dorf, in dem wir leben. So endlos viele Mosaik-Steinchen, die mein Dasein zu einem erfüllten machen. Und aus unserem Wohnort ein Zuhause. Zu wissen, dass ich angekommen bin, wo ich hingehöre. Unbezahlbar. Und wert darauf zu warten, um es zu beschützen.



Was macht jemanden eigentlich zu einem tollen Menschen? Was macht einen Ort zu einer Heimat? Ich glaube da muss schon ganz viel zusammen kommen. Echt soll es sein. Ungekünstelt. Und für meinen Teil kann ich sagen, solche Formen der Verbindung entstehen aus Gefühlen. Seit meinem 16. Lebensjahr war ich ohne Familie und so verzweifelt auf der Suche nach einem Nest, einem richtigen Zuhause. Nach Geborgenheit. Ich liebe Dinge, die bleiben, müsst Ihr wissen. Als Mädchen damals oder junge Frau war ich einfach schon zu oft gezwungen gewesen, von vorn anzufangen. Stetiger Wandel, mal hier hin und mal dort hin, sind mir seit dem ein Graus. Leben bedeutet natürlich Entwicklung, Wachstum und Veränderung. Das gehört dazu, ob wir wollen oder nicht. Manchmal ist es schön und wünschenswert. Dann wieder erwischt es uns eiskalt. 

Am 6. Januar, wenn die Rauhnächte enden, ziehe ich immer meine neue Jahreskarte. Diesmal war es eine, die mich mit einem Schlag in Aufruhr versetzte. Kein gutes Blatt, ganz und gar nicht. Wenn die Bilder aus diesem Deck nicht bereits seit Jahren immer wieder so verdammt zutreffend und wortwörtlich zu nehmen gewesen wären, hätte ich vielleicht mit mehr Deutungsspielraum an die Sache heran gehen können. So wusste ich bereits vorab, es würde nicht einfach werden. Zwar hatte ich keine Ahnung, was genau geschehen würde. Aber inzwischen sehe ich da auf Grund der aktuellen Entwicklungen schon klarer. Auch wenn ich keine Negativität verbreiten möchte, wir sollten diese Sache schon ernst nehmen. Was das angeht, stehen wir glaube ich wirklich noch am Anfang einer sehr besonderen Zeit. Womit ich leider nicht nur die positiven Sinneswandel anspreche, die hier bei vielen Menschen entstehen.

Wenn man so will, wurde ich auf die Situation bestens vorbereitet. Seit über einem Jahr arbeite ich nun schon Vollzeit von Zuhause aus. In der Digitalisierungs-Branche. Durch meinen kurzen Ausflug in den Einzelhandel vor zwei oder drei Jahren konnte bzw. musste ich damals meine immunsuppressive Behandlung abbrechen. Sicherlich in Zeiten von Corona nicht die schlechteste Ausgangslage. Nachdem ich die dauerhafte Stressbelastung, Depression und  Schicksalsschläge der Vergangenheit hinter mir gelassen und abgearbeitet hatte, ging es mir auch gesundheitlich immer besser. Der Darm kam wie gesagt  zur Ruhe. Kein Bluthochdruck, keine Rhythmusstörungen, keine Panikattacken,  keine ständigen Infektionskrankheiten, kein Übergewicht, keine Betablocker und anderen täglichen Pillencocktails mehr. Ich habe meine Ernährung umgestellt und sogar im letzten Sommer mit dem Joggen angefangen. Anfang diesen Jahres haben wir mir daheim einen ergonomischen Arbeitsplatz eingerichtet, weil ich die permanente Verspannungsmigräne einfach nicht mehr ertrug. Insofern kann ich eine Weile ohne meine Physio-Therapeutin auskommen. Denkbar beste Voraussetzungen in dieser Krise, würde ich sagen. Zufall? Daran habe ich noch nie geglaubt. Ich nenne das Schicksal.

Als T. neulich meinen letzten Blog-Beitrag gelesen hatte, kommentierte sie ihn auf facebook. Sie meinte, dass sie die ganze Zeit über Artemis als sehr deutlich präsent empfunden hätte. Es ging um meine neue Liebe zum Laufen, das sich für mich wie fliegen anfühlt, meine alte Liebe zum Wald, der mir ein Gefühl von Freiheit vermittelt und meine immer währende Liebe zu den Tieren, mit denen ich mich verbunden fühle.  Womit wir zu einer weiteren, sehr spannenden und betrachtenswerten Synchronizität kommen. Im Jahr 2017 nämlich war Artemis, aus eben jenem Deck, dessen ich mich schon ewig für meine Jahreskarten bediene, meine persönliche Jahresbegleitung. Und dieses Jahr war für mich ein ganz besonderes, ein großartiges, sehr wichtiges. Ein wirklich gutes. In 2017 habe ich unter Artemis Führung und Motto "Selbstbestimmtheit" wieder zu mir gefunden. Ich habe mich selbst zurück erobert und bin nach all dem Elend der voraus gegangenen Jahre endlich wieder aufgestanden. Dieser Einfluss hat mich seither nie ganz verlassen. Denn mit jedem darauf folgenden Jahr wurde ich wieder ein Stück weit mehr zu mir. Ich erfand mich neu. Entdeckte alte Talente, erschuf eine stärkere, bessere und schönere Version von mir, als ich es zuvor gewesen war.

Wir Menschen lernen ja von Geschichten. In meiner tiefen Verzweiflung über das Leid und den Schmerz, die mir für 2020 als Hauptthema prophezeit worden waren, wendete ich mich natürlich an meine Seelen-Schwestern. A., P., S. und A. legten ihrerseits Karten, um die Bedeutung von meiner zu hinterfragen und tiefer ins Detail sehen zu können. Ihre Erklärungen erschienen mir einleuchtend und machten durchaus Sinn. Tatsächlich kann ich zum jetzigen Stand meines Wissens sagen, dass sie richtig gelegen haben. Mal losgelöst betrachtet von den Ereignissen, die sich seither parallel in der Welt um uns herum abspielen. Beides steht nämlich, wie immer, in direktem Zusammenhang. Jede Ursache hat ihre Wirkung. Alles ist verbunden. Ein loser Faden kann das gesamte Netz instabil machen. Der Impact, den Corona aktuell auf mein persönliches Leben und Empfinden hat, spiegelt sich in den einzelnen Teilbereichen, die meine Freundinnen angesprochen hatten. 

Es geht um Themen, Glaubenssätze, Verhaltensmuster und Ängste dabei, die ich dachte bereits für immer hinter mir gelassen zu haben.  Doch wer ist schon gefeit, wenn so etwas riesenhaftes geschieht? Eine globale Sache, die sich eben nicht nur auf mich auswirkt, sondern wirklich jeden betrifft. Da können schon mal alte Wunden wieder aufbrechen. Bisher ist es mir gelungen, sämtliche Angelegenheiten in den Griff zu kriegen, die sich zeigten. Bis heute ist jede dieser Konfrontationen für mich gut ausgegangen. Ich trete ihnen jetzt gegenüber, ohne zu zittern. In meinem Inneren steht Athena aufrecht da, mit ihrem Schild und ihrem Speer. Und sie wartet erst einmal ab. Denn sie weiß um ihre Stärke. Aber wir haben auch gerade erst Anfang Mai. Man soll den Tag bekanntlich nicht vor dem Abend loben. Der Großteil des Jahres steht noch bevor und was noch auf uns zukommt, wissen wir nicht. Ich werde einen Teufel tun, das noch gezielter zu hinterfragen. Darüber hinaus ist, wie ich bereits eingeräumt habe, definitiv nicht alles daran schlecht. Heilung kann bekanntlich nur geschehen, wenn wir uns der Verletzung wirklich hinwenden. Dazu müssen wir sie anschauen und sie versorgen. Auch wenn es weh tut.

Klar, dass mir die Karte jedenfalls nicht aus dem Kopf gehen wollte und ich mich mit so wenig Information anfangs nicht zufrieden gab. In einer ruhigen Minute zog ich selber also noch zwei weitere Karten hinzu, wieder aus dem Göttinnengeflüster. Ich wollte wissen, was das Jahr mir persönlichen bringen würde und bekam zur Antwort Lilith. Eine weitere alte Bekannte. In 2012 war sie lauthals und schäumend vor Wut in mein Leben getreten. Unter Hekates Anleitung und mit ihr an meiner Seite wagte ich einen großen Schritt. Beendete alt hergebrachtes, das nicht mehr gut für mich war und stellte mich neuen Herausforderungen. Ich stand auf. Es war genug. Voller Angst zwar und tief verzweifelt damals noch, aber ich tat es.

Ich verstehe Lilith heute und sie zeigte sich gleich von Anfang an deutlich. Sie macht mich stark, wild und frei. Als hinzutretender Impuls und dritte im Bunde, erschien Inanna. Wie lang und alt und schier endlos meine Geschichte mit ihr doch zu sein scheint. Da waren wir wieder. Sie und ich. War ich wirklich so naiv? Immer noch? Geglaubt haben zu können, ich hätte alle Schatten schon durchlaufen und endgültig hinter mir gelassen? Natürlich sind sie mir jeder für sich bereits begegnet. Aber wie es ausschaut, ist ein finales Gegenübertreten nötig, um tatsächlich abzuschließen. Um mich zu beweisen.

Die Geschichte von Inannas Abstieg in die Unterwelt las ich zum ersten Mal, einen richtig dicken Wälzer, als ich zwölf oder vierzehn gewesen sein muss. Was soll ich sagen. Eine Story, die nie aus der Mode kommen wird. Die jede Frau im Laufe ihres Lebens erlebt. Mehrfach sogar womöglich. Immer dann, wenn wir uns verfranst haben und von unserem Weg abgekommen sind. Dann werden wir gezwungen, unsere Route zu korrigieren. Müssen Stück für Stück ablegen, wovon wir dachten, dass es uns ausmachen würde. Bar und nackt und bloß und verletzlich unserer Schöpferin gegenüber treten. Uns selbst. Was dann bleibt, darauf kannst Du neu aufbauen. Sollte jede mindestens ansatzweise einmal gelesen haben. Ebenso wie "die Wolfsfrau", mal so am Rande gesagt. Insgesamt jedenfalls ergibt es unter dem Strich ein ziemlich rundes Bild. Athena, die auszog, um das Fürchten zu lernen. Und was sie letztlich fand, als sie alle Prüfungen bestanden hatte, den Schatz, am Ende des Regenbogens oder in einer Höhle von einer wunderschönen Drachin bewacht, war sie selbst.

Fortsetzung folgt...

Dienstag, 7. April 2020

Im Wald ist die Welt noch in Ordnung

Wenn ich merke, dass ich mich nicht mehr konzentrieren kann, die Motivation sich nicht einstellen mag oder einfach alles zu viel wird, dann zieht es mich nach draußen. Am liebsten würde ich in diesen Momenten alles stehen und liegen lassen. Einfach die Laufschuhe überstreifen, das Handy (meine Musik) schnappen und raus rennen. 

Gerade jetzt im Frühling ist es besonders intensiv. Nach der langen dunklen Jahreszeit beobachten, riechen und fühlen zu können wie das Leben in die Natur zurück kehrt, das ist überwältigend. Jedes Mal entdecke ich mehr Grün. Die Sonne scheint auf mich herab und im Wechsel mit dem Schattenspiel kommt es mir vor als wäre ich in einer ganz anderen Welt. Unter meinen Füßen abwechselnd weiches Moos, staubiger Sand, fest getretene Erde, harte Stöcke und Steine, Kuhlen und Hügel. Dann fühle ich mich selbst lebendig.


Wer mit offenen Augen durch Wald und Wiesen streift, der wird viel entdecken und mitnehmen dürfen. Neuerdings begleiten mich Schmetterlinge auf meinem Weg, schweben mir voraus, flattern fröhlich bunt an mir vorüber. Gestern trudelten viele Hummeln herum. Auch Rehen begegne ich in der letzten Zeit häufiger. Vor Kurzem habe ich sogar das erste Mal überhaupt in freier Wildbahn einen Fuchs gesehen. Wie ein Kind habe ich gestaunt, es war so aufregend. Sicherlich war der alte Hühnerdieb auf der Suche nach Beute. Ein wunderschönes Erlebnis, von dem ich noch Stunden und Tage zehren konnte. Insbesondere weil die Füchsin seit einigen Jahren zu meinen persönlichen Krafttieren zählt. Sie ist schlau und anpassungsfähig, nimmt sich was  sie braucht.  Sie beobachtet, bevor sie handelt und verlässt sich auf ihr feines Gespür. Eine trickreiche Diva, verspielt und doch stets auf der Hut. Für ihre Jungen gibt sie alles. Ich liebe Füchse.


Mein Herz schlägt höher und richtig schnell in solchen Momenten. Abgesehen vom Puls, der ohnehin schon durch das Laufen beschleunigt ist, meine ich. Nach einigen Minuten komme ich in einen Flow, wird mein Kopf ganz leer - im positiven Sinne und ich fühle mich frei. Gereinigt, unbeschwert. Die körperliche Anstrengung, mein Atem, der Meter vor mir, die Welt um mich herum. Alles löst sich auf und verschmilzt gleichzeitig. Ich werde eins mit mir selbst und dem Leben, in dessen pulsierender Mitte ich unterwegs bin. Sorgen, Pflichten, Abgabetermine sind für eine Weile vollkommen vergessen. Dann kann ich endlich einmal wirklich loslassen. Die ganze Last fällt ab.

Nicht umsonst kam der Begriff des Waldbadens vor einer Weile auch hier zu Lande in Mode. Spazieren am Strand, Wandern in den Bergen, Gassigehen mit dem Hund in heimischen Feldern, Schwimmen im kalten See. Egal wo oder wie wir die Natur unmittelbar erleben; wenn wir tief darin eintauchen wird deutlich, wie stark wir in ihr verankert sind und wo unsere wahren Wurzeln liegen. Wir sagen, dass wir uns die Gedanken mal ordentlich durchpusten lassen müssen und da ist was dran. Nichts sortiert das Getümmel in meinem Kopf so gut, wie eine Stunde da draußen. Es ist die Kombination von Auspowern und Freiluft. Sechzig Minuten auf dem Laufband im Fitnessstudio tun mir auch gut. Aber es ist nicht dasselbe.

Vor mir im Regal in meinem Homeoffice steht ein Schwarz-Weiß-Foto. Meine Freundin D. hat es im Wald aufgenommen, gerahmt und mir zum letzen Geburtstag geschenkt. Es zeigt einfach nur wie die Sonne durch die Baumwipfel fällt und den schattigen, dicht bewachsenen Boden. Mehr nicht. Aber auch nicht weniger. Wenn meine Augen dorthin wandern, dann verspüre ich einen Sog. Der Anblick fesselt mich sofort. Ein sehr ursprünglicher Teil in mir wird angesprochen, der auf die Wälder reagiert. D. meinte, dass es sie an jenes Bild erinnert hätte, das bei uns im Schlafzimmer über dem Bett hängt. Ebenfalls eine Schwarz-Weiß-Aufnahme. Ebenfalls vom Wald. Mich erinnert es auch daran.

Dazu gibt es eine Geschichte. Jahrelang blieb besagte Wand über unserem Bett kahl und leer. Was mich störte. Meinen Mann nicht. Ich wollte etwas Besonderes dort hängen haben. Allerdings wusste ich nicht wirklich was für ein Motiv es eigentlich sein sollte. Es passierte ewig nichts. Eines Tages, ich hatte den Gedanken an ein Bild für diese große Wand schon beinahe aufgegeben, waren wir in einem Möbelhaus unterwegs. Aus einem ganz anderen Grund. Als wir jedenfalls alles beisammen hatten und in Richtung Kasse wollten, sah ich diese lange, horizontale Leinwand in der Ausstellung hängen. Und es war sofort um mich geschehen. Ich stand da und war ganz gefesselt. Ich verspürte eben jenen Sog. Ein Gefühl, eine Erinnerung, ein leiser Ruf in meinem Herzen. Da wusste ich, dass ich gefunden hatte, worunter ich abends einschlafen wollte. Wir nahmen es mit, hängten es auf und ich sagte: Dieses Bild gibt mir Frieden. Ich nenne es meinen Märchenwald, Zauberwald, magischen Wald. Dort herrscht auf immer Nebel. In meinen Träumen bin ich nachts schon häufig hindurch gewandelt. Habe ihn als Vorlage für Meditationen genutzt. 

Wälder üben seit je her eine starke Faszination und Anziehung auf die Menschen aus. Sie sind wild und ursprünglich, man kann sich in ihnen verirren. Überall huschen vor den Blicken verborgene Tiere und es herrscht ein unverwechselbarer, charakteristischer Duft, wie sonst nirgends. In so gut wie jedem alt überlieferten Märchen spielt der Wald eine zentrale Rolle. Ein Ort für Initiationen und Heldenreisen, um den eigenen Schatten, lauernden Gefahren und Gespenstern zu begegnen. Als bedrohlich galten die Wälder, nur die Mutigsten trieben sich dort herum oder die Seltsamen, Unangepassten. Wer genau hinschaut, der sieht noch heute in die lächelnden Gesichter von Baumgeistern, entdeckt Feenkreise aus Pilzen, Steinen oder Blumen und dieses kräftige, ewig währende, ausdrucksstarke, übermächtige, heilkräftige Grün. 

Wir finden besondere Geschenke auf einer kleinen Pilgerreise durch den Wald. Kraftgegenstände, Talismane. Wer bittet, dem wird gegeben werden. In den ersten Wochen der Corona-Krise, als die Angst mich völlig schockstarr machte, hielt ich mich fest an diesem Mantra: Please guide me, please lead me, please show me the way. Ich ging mit so vielen Fragen da hinaus und kam mit einfachen, aber eindrücklichen Antworten zurück: Mit Signalen und Wegweisern der Hoffnung. So fand ich zu meinen Füßen ein Hölzchen in der Form der Rune Algiz, die mir persönlich sehr viel bedeutet. Was für ein ausführliches Statement das war! Ein überaus mächtiges Symbol, das seit Alters her mit Schutz in Verbindung gebracht wird. Sogar dafür einsteht, wie kaum ein anderes Schriftzeichen. Auch für mich bedeutet Algiz absoluten Schutz. Aber darüber hinaus noch so viel mehr. Algiz macht Mut. Es bedeutet ganz und gar im Augenblick präsent zu sein. Fest mit den Beinen auf dem Boden der Tatsachen zu stehen und den Kopf hoch aufgerichtet zu den Wolken. Denn nur wenn man voll da ist und die Gesamtsituation klar überblicken kann, ist man wirklich handlungsfähig und in der Lage, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Nur wer ganz in seiner Mitte ruht und versteht, was vor sich geht, kann sich schützen. Deshalb ist Algiz eine Rune der Selbstbestimmung und Eigenverantwortung. Sie sagt: Du bist sicher und geschützt. Passe Du  gut auf Dich auf und gib auf Dich selber acht. Sieh genau hin, was vor sich geht. Algiz ist mächtig. Du hast Macht. Du kannst Einfluss nehmen. Du kannst einwirken. Steh aufrecht. Sei stark. Sieh den Tatsachen ins Gesicht. Schütze Dich selbst, dann schütze ich Dich. Dann bist Du geschützt.


Ich probierte von diesem Tag an bei jedem Lauf einen anderen Weg aus. Lief keine zweimal hintereinander dieselbe Strecke. Ich wollte etwas Neues entdecken. In der Bemühung um Orientierung, um mich nicht zu verirren, fand ich zu mir und gelangte immer wieder sicher ans Ziel. Ich sah noch unzählige Algiz aus Stöckchen und Rinde. Die meisten von ihnen waren viel detailgetreuer gewesen als mein erstes. Aber dieses eine, das habe ich behalten. Ich bückte mich und hob es auf. Seitdem steht es bei meiner Kraftkerze auf dem Hausaltar. Als Wegweiser. Als Erinnerung an mich, dass ich mich nicht verlaufen werde. Dass ich begleitet bin und geführt. Dass ich es schaffen werde. Vielleicht auf Umwegen und unvorhergesehenen Pfaden. Aber wenn ich den Mut nicht verliere, gut aufpasse und meinem Instinkt folge, dann werde ich nicht fehl gehen. Dann komme ich wieder an und am Ende wird es gut. Und wenn es nicht gut ist, dann ist es nicht das Ende, wie die Silberweide immer so schön sagt.

Seit her jedenfalls weiß ich, wenn ich da draußen unterwegs bin und einmal mehr eine neue Abzweigung wähle, da plötzlich irgendwo ein Algiz liegt oder auch mehrere hintereinander, dass ich dieser Strecke ruhig weiter folgen kann. Weil sie mich letztlich wieder sicher nach Hause führen wird. Darauf kann ich mich verlassen. So hat der Wald mich seine eigene Lektion in Vertrauen gelehrt.

Es gibt auch einen Weg heraus aus dieser Krise. Vielleicht habe ich das im Wald begriffen. Vielleicht auch als ich durchs Fenster oder vom Balkon aus das niedliche Eichhörnchen im Garten der Nachbarin beobachtete. Denn das erinnert  mich ebenfalls an etwas. Das possierliche Tierchen hat seine ganz eigene Weisheit. Wie es sich ungestüm und lebenslustig von einem Ast zum anderen wieselt, um in der Tanne neben der Hütte genüsslich irgendwelche Zapfen zu mampfen. Es sagt: Sei flink und sorge vor. Sorge gut für Dich. Aber sorge Dich nicht. Handle einfach vorausschauend. Springe von Gelegenheit zu Gelegenheit, von Tag zu Tag. Du wirst immer wieder Halt finden. Wirst Gaben und Geschenke entdecken. Vielleicht musst Du Dich ein wenig anstrengen, beweglich und flexibel bleiben. Aber Du kommst schon durch. Bleibe wendig, bleibe lebendig. Es mag seine Zeit brauchen und nur in kleinen Schritten voran gehen, aber es geht immer weiter.


Freitag, 3. April 2020

Klartext gesprochen

Ihr Lieben, ich teile normal keine Videos. Erstens bin ich ein reines Foto-Mädchen und zweitens mag ich mich auch nicht so mit jedem Inhalt in Verbindung bringen lassen. Ihr wisst schon, was ich meine. Aber diesmal ist es anders. Heute mache ich eine Ausnahme. Obwohl ich mir eigentlich selber noch nicht einmal besonders gern Videos anschaue. Und schon gar keine langen. Youtube & Co. sind einfach nicht mein Ding. Dies hier jedoch hat meine Freundin A. am Morgen in unserem Mädels-Gruppenchat gepostet. Weil sie selber und meine andere Freundin A. es beide total überzeugend fanden und vor allem auch die Frau, die spricht, habe ich mir ebenfalls die zwanzig Minuten Zeit in der Mittagspause genommen. Fazit:  Ich kann mich nur anschließen. 

Alles ist thematisch absolut seriös, belegbar, nachvollziehbar, schlüssig und realistisch dargelegt. Das schafft Klarheit, räumt allerdings auch auf mit Illusionen oder Spekulationen dahin gehend, dass nach Ostern die ganze Welt plötzlich wundergeheilt sein und sich wie früher weiter drehen wird. Sicher möchte aber nicht jeder gerade  so genau über den Verlauf Bescheid wissen, der uns höchst wahrscheinlich noch bevor steht. Denn wir befinden uns jetzt erst am Anfang dieser Pandemie, davon bin ich überzeugt. Wenn Ihr also lieber nicht hören wollt (was ich wirklich absolut verstehen kann), dass diese ganze Geschichte noch sehr lange andauern wird bzw. wieso, dann schaut Euch das Video bitte eher nicht an. Meine Absicht ist nämlich keinesfalls, hier jemanden womöglich noch weiter runter zu ziehen oder zu verängstigen. Wobei das definitiv keine verschwörerische Propaganda ist, keine Sorge. Mir ist es einfach wichtig aufzuklären, eine Ernsthaftigkeit für die Maßnahmen zu erzeugen und das Bewusstsein dafür zu schärfen, was faktisch unsere Lage ist. Darüber hinaus aber auch in welche Richtung wir uns bewegen, wenn man von einer natürlichen Entwicklung ausgeht.

Die Herangehensweise an das Thema ist sehr sachlich. Sie bestätigt mich persönlich quasi mit Fakten in dem, wovon ich ohnehin schon länger ausgehe. Nur in einem Punkt bin ich anderer Meinung als die Sprecherin: Ich verstehe, dass niemand von Seiten der Regierung Zusicherungen macht oder bisher konkret von einem möglicher Weise so lange andauernden Szenario spricht. Angst haben viele in der Bevölkerung nämlich schon genug. Die soll ja nicht noch weiter geschürt werden. Und noch besteht außerdem die Hoffnung auf einen Impfstoff, der uns erlösen und diese elendige Angelegenheit verkürzen kann.



Donnerstag, 2. April 2020

Anthropophobie

Die Anthropophobie (griech.: ἄνθρωπος (anthropos) = Mensch; φόβος (phobos) = Furcht, Scheu) ist die übersteigerte Angst eines Menschen vor anderen, und wird im allgemeinen Sprachgebrauch oft mit dem weniger schwerwiegenden Begriff der Menschenscheu bezeichnet. Die Anthropophobie ist eine soziale Phobie, das heißt eine Angststörung, die sich in der Gemeinschaft mit anderen Menschen bemerkbar macht. Dies kann in Extremfällen zur Abschottung gegenüber jeglicher Interaktion mit anderen Menschen führen. Soziale Isolation mit allen ihren Problemen ist die Folge, muss aber auch als Bewältigungsstrategie gesehen werden, die der Angstreduktion dient, so dass diese Isolation vom Betroffenen auch gewünscht ist. (Quelle / Textnachweis)


Entwickeln wir durch Covid19 nun eine großflächige soziale Phobie? Ich habe an mir selber eine beunruhigende Regung feststellen müssen: Menschen machen mir plötzlich Angst. Womit ich nicht den moralischen Verfall unserer Gesellschaft meine, den ich schon lange kopfschüttelnd beobachte. Sondern ganz konkret die Tatsache, dass jemand mir körperlich nahe kommen könnte. Die einzige Person, auf die das nicht zutrifft, ist mein eigener Ehemann, mit dem ich zusammen lebe. 

Jeder von uns hat seinen privaten Tanzbereich. Eine persönliche Grenze, die kein ausreichend nahe stehender überschreiten sollte, weil ansonsten ein unbehagliches Gefühl in uns ausgelöst wird. Auf Grund des aktuellen Kontaktverbotes scheint diese imaginäre Linie sich bei mir aber auf tatsächlich mindestens zwei Meter ausgedehnt zu haben. Natürlich liegt es ganz klar auf der Hand: Es ist die Angst vor Ansteckung. Ich war seit je her jemand, dem zum Beispiel eine Fahrt in öffentlichen Verkehrsmitteln unangenehm gewesen ist. Nicht so schlimm paranoid wie beim allseits beliebten Sheldon Cooper. Aber Sauna ist für mich auf jeden Fall echt abartig. Leute husten, schwitzen, atmen, fassen Haltegriffe oder ähnliches an. Im Bus oder Zug sind sie mir zudem körperlich deutlich näher, als ich es bei Personen gerne habe, die ich nicht kenne. Bazillen und Viren schwirren überall umher, so dass ich mich nach dem Aufenthalt in einer Arztpraxis, einer U-Bahn etc. ohnehin irgendwie schmutzig gefühlt habe. Jetzt ist das aber nochmal eine ganz andere Nummer. Plötzlich erscheint mir eigentlich jeder als eine potenzielle, unmittelbare Gefährdung für meine Gesundheit.

Im Supermarkt, der Apotheke usw. macht sich das am meisten bemerkbar. Überall dort also, wo ich anderen überhaupt noch begegne. Sogar wenn mir im Wald beim Laufen Spaziergänger oder andere Jogger entgegen kommen, mache ich einen extra großen Bogen um sie herum.Geht im Laden jemand an mir vorbei, spüre ich eine regelrechte Stressreaktion in mir aufsteigen. Irgendwann stellte ich fest: Du hast echt Angst vor den Leuten. Bzw. dass sie krank oder Träger sein könnten.

Aktuell beobachte ich hauptsächlich zwei Arten von Umgang mit der sozialen Distanz: Die einen nehmen es überhaupt nicht ernst, finden es übertrieben und machen sich scheinbar auch keinen Kopf darüber, ob sie jemanden infizieren könnten. Die anderen halten sich brav an alle Regeln, scheinen aber nicht weiter aufgeregt oder betroffen zu sein. Was ja durchaus vernünftig ist. Es bleibt uns eh keine Wahl. Aber gibt es noch mehr von denen, die sich gerade so fühlen wie ich?  Gutes Mittelmaß wäre ja gesund. Ich hingegen scheine zu einer eher extremen Reaktion zu tendieren. 

Vor ein paar Tagen war es besonders traurig: Ich traf meine unbiologische Schwester liebe Freundin K. im örtlichen Edeka-Markt. Wir mussten einkaufen. Sie gehört zu den Alltagshelden dieser neuen Zeit, die sich tagtäglich abrackern, Überstunden kloppen und an ihre Grenzen gehen, um uns andere weiterhin mit allem Notwendigen zu versorgen. Um sich, nebenbei bemerkt, dafür häufig auch noch überflüssiger Weise mit Spott, Meckereien und Unfreundlichkeit belohnen lassen zu dürfen.

Als wir auf den Parkplatz gefahren kamen sah ich sie gleich vor dem Laden stehen. Noch ein Zigarettchen vor Dienstantritt. Sie drehte sich um, bemerkte mich auch und kam mit ausgebreiteten Armen in meine Richtung gelaufen. Während ich ihr ebenfalls entgegenging, sprang plötzlich ein Mechanismus in mir an, der mich stoppen ließ. Ich hatte zum ersten Mal in meinem Leben Angst, meine Freundin zu umarmen. Vielleicht klingt das jetzt in Euren Ohren total banal. Aber für mich war es irgendwie eine große Sache. Auf einmal schossen mir etliche Gedanken durch den Kopf. Dass sie jetzt sicher enttäuscht wäre oder sich abgelehnt fühlte. Dabei wollte sie mich vermutlich selber auch gar nicht wirklich umarmen. Bzw. wollten wir es natürlich beide! Doch ich vermute, dass sie es genauso wenig tatsächlich vor hatte, wie ich. 

Normalerweise begrüßen wir uns wahnsinnig überschwänglich. Drücken uns feste und herzlich, Küsschen auf den Mund, freudestrahlende Mädels. Und dann das. Wir standen uns gegenüber und ich schämte mich. Für meine Distanz. Ich denke schon, dass wir uns richtig verhalten haben. Genauso wie es vorgeschrieben ist und es auch der gesunde Menschenverstand im Augenblick verlangt. Dennoch tat es mir einfach nur furchtbar leid und ich fühlte mich wie die schlechteste Freundin der Welt,  mies. Erschwerend kommt nämlich noch hinzu, dass wir uns seit ein paar Wochen nicht getroffen hatten. Selbst unsere teilweise stundenlangen Unterhaltungen via WhatsApp-Sprachnachrichten wurden von den veränderten Verhältnissen, viel Arbeit, Stress und dem ganzen Krempel, geschluckt. So standen wir da, mit einer circa anderthalb Meter messenden Entfernung von einander. Der Abstand jedoch kam mir sehr viel größer vor. Das hat mich emotional ganz schön aus der Bahn geworfen.

Ähnlich geht es mir mit meinen anderen Freundinnen und der Clique hier aus unserem Wolfsrudel, mit der ich sonst eigentlich jedes Wochenende verbracht habe. Sie fehlen mir. Ich sehe im Kalender die Einträge von Veranstaltungen, an denen wir normalerweise gemeinsam teilgenommen hätten. Wir hätten zusammen gefeiert, gelacht, getanzt, geredet. Diese Termine sind nun gestrichen. Wir winken uns statt dessen mal aus der Ferne, rufen uns was zu, machen Quatsch in den Gruppenchats. Und manchmal fühle ich einen kleinen Stich, weil ich sie einfach nicht sehen darf und auch keinen blassen Schimmer habe, wann sich das wieder ändern wird.

Hoffen wir alle, dass schnell ein Impfstoff und / oder Heilmittel gefunden wird. Denn so lange wir das nicht haben, wird sich für mich persönlich an der Situation quasi nichts ändern. Selbst wenn die Regierung das Kontaktverbot aufheben sollte, weiß ich nicht ob ich das Risiko in Kauf nehmen würde. Risikogruppe und so. Keiner kann mir sagen inwieweit die immunsuppressive Behandlung sich nach wie auswirkt. 

Zu meinem Mann habe ich kürzlich gesagt, dass dieser Wehmut auch etwas Schönes hat. Denn meine Empfindungen zeigen einfach, dass sie mir etwas bedeuten. Dass ich diese Menschen wirklich gerne habe. Sie machen mich dankbar, dafür Teil einer wunderbaren, verrückten Gemeinschaft zu sein. Sie beantworten die eine essenzielle Frage. Nämlich die, ob mein Herz intakt ist.

Neulich stieß ich dann auch genau im Herzstück-Magazin auf ein tolles, dazu passendes Zitat:


Ich kann aus voller Überzeugung behaupten: Ja! Ich weiß, dass ich am rechten Ort bin, zur richtigen Zeit und dass ich genau diejenigen getroffen habe, mit denen ich noch einmal zusammen sein will und noch unzählige Male. Die ich wieder sehen will. Und ich wache neben dem einen morgens auf, mit dem ich bis ans Ende meines Lebens auch in Quarantäne bleiben wollen würde. Mit ihm und unseren drei Schnuppen natürlich. Also habe ich alles gefunden, wonach es sich zu suchen lohnt.

Mittwoch, 1. April 2020

Begleiterscheinungen

Einer der positiven Nebeneffekte dieser ganzen Corona-Misere ist definitiv, dass ich mich nun schon zum zweiten Mal innerhalb von 10 Tagen dazu bemüssigt fühle, hier meine Gedanken aufs virtuelle Papier zu bringen. Keine Ahnung wann ich das Schreiben verlernt oder vergessen hatte. Es geschah einfach. Der Alltag gab es nicht mehr her. Aber vielleicht war es nicht nur das. Auch die Quelle in meinem Inneren war versiegt. Ich hatte schlicht nichts zu sagen. Natürlich ist mir das aufgefallen und es tat auch lange irgendwie weh. Doch der Schmerz darüber verblasste mit mit der Zeit.

An die Stelle meiner Blogeinträge traten tägliche Aufzeichnungen in meinen privaten Tagebüchern. So ganz old School mit der Hand. Jeden Morgen zog ich eine Tageskarte oder auch am Abend davor. Jeden Monat nahm ich ein anderes meiner aktuell 30 Tarot- oder Orakelkartendecks. Ich schrieb auf, wie ich die Karte verstand. Was ich meinte, was sie mir an jenem Tag zu sagen hätte und wie ich ihre Bedeutung interpretierte. Am Abend dann oder am nächsten Morgen machte ich mir Notizen, wie der Tag tatsächlich verlaufen war. Ein und dieselbe Karte konnte in einem Monat dreimal erscheinen und jedes Mal etwas anderes ankündigen. Die Grundenergie einer Karte bleibt stets dieselbe. Aber sie bezieht sich mal auf einen bestimmten Lebensbereich, mal auf Dein Gefühlsleben, dann wieder auf Deine Gedankenwelt, Beziehungen, Erlebnisse oder auch bestimmte, wichtige Situationen. 

Ich lernte meine Decks neu und intensiver kennen, was auch der Grund gewesen war, weshalb ich das irgendwann angefangen hatte. Darüber hinaus wollte ich eine spirituelle Praxis in meinem Alltag integrieren, in der ich mich mit mir und meinen Empfindungen auseinander setzen konnte. Privat. Das waren sehr persönliche Eindrücke und Erfahrungen. Nichts, was ich hätte ins Netz stellen wollen.

Irgendwann war ich mit dem Zyklus durch. Alles im Leben hat seine Zeit. Es gibt Phasen der Einkehr und Innenschau, in denen wir schweigen und die Dinge mit uns selbst ausmachen. So eine war das wohl. Und ich hatte eine Menge zu verdauen, das könnt Ihr mir glauben.

Meine knapp 30 überschüssigen Cortison-Kilos hatte ich dank eisernem Willen, Durchhaltevermögen, viel Disziplin und nicht zuletzt der WW-App wieder abgenommen. Ich konnte mich endlich wieder lieben. Die Frau im Spiegel, das war wieder ich. Mit mir blühte auch mein soziales Leben wieder auf. Ich ging viel auf Parties, begleitete meinen Mann zum Fußballplatz und amüsierte mich köstlich mit den Mädels. 

Nach einer Weile jedoch begannen die täglichen Eintragungen mich zu ermüden. Da ich seit 2012 schon durchgängig auf Instagram sehr aktiv bin (zu meinem Account @athenaenodia gelangt Ihr, wenn Ihr in der linken Sidebar auf die Insta-Diashow klickt), kam ich eines Tages auf die Idee, dass ich auch dort mit meinen täglichen Interpretationen weiter machen könnte.

Auch hier hatten sich Ermüdungserscheinungen breit gemacht. Mir stand nicht mehr der Sinn nach den ewigen Nagellack- und Kaffee-Fotos. Obwohl ich die sehr mochte, war es irgendwie immer dasselbe und mir fielen schon langsam keine kreativen Ideen mehr ein, die Bilder neu oder abwechslungsreich zu gestalten. Also begann ich, die Botschaften allgemeiner zu formulieren und die Karten jeden Morgen mit meinem Kaffee zusammen zu fotografieren.

Das gab mir plötzlich neuen Schwung. Ich suchte weiterhin jeden Monat ein anderes Kartendeck heraus, welches ich thematisch und anhand der Gestaltung für die jeweilige Jahreszeit als passend empfand. Zusätzlich konnte ich mir jetzt für jeden Monat ein anderes Layout einfallen lassen. Einen Rahmen, eine Farbgebung oder kleine Effekte, die sich vom Vormonat unterschieden. An dieser täglichen Praxis habe ich bis heute große Freude. Seit letztem Oktober mache ich das nun und es ist ganz besonders schön, dass ich dafür auch noch häufig positives Feedback bekomme. Es scheint den Menschen gut zu tun, den Morgen mit einer Message zu beginnen, an der sie sich tagsüber in bestimmten Situationen oder Gefühlslagen orientieren können. Damit habe ich das Rad zwar nicht neu erfunden, denn es gibt auch noch viele andere tolle, kreative und spirituelle Menschen, die ähnliche Beiträge teilen. Aber darauf kommt es mir ehrlich gesagt auch gar nicht an. Ich berühre einige Seelen mit meinen Worten und Bildern, das fühlt sich echt gut an.

So ist das im Leben. Wie das Meer den Gezeiten von Ebbe und Flut unterworfen ist und die ganze Natur dem Wandel der Jahreszeiten, so verpuppen auch wir uns manchmal. Dann sind wir still, brüten vor uns hin. Aber irgendwann kommen wir auch wieder hervor. Meistens stärker, schöner und besser als zuvor.

Was das jetzt alles mit Corona zu tun hat? Na ja, ist halt auch so eine Phase, durch die wir jetzt durch müssen. Ich wollte aber doch eigentlich von Begleiterscheinungen sprechen. Abgesehen davon, dass 8 Rollen Toilettenpapier aktuell 5,-€ kosten, meine ich. Die ich in dem Moment natürlich gern bereit bin zu zahlen, nur mal so am Rande. Bin ja froh, wenn ich überhaupt welches kriege. Angebot und Nachfrage bestimmen eben den Markt. Wenn also jeder Klopapier haben will und kaum welches verfügbar ist, dann steigt der Preis. Ganz einfach. Diese Gegensätzlichkeiten sind schon faszinierend. Einige können oder dürfen momentan überhaupt nicht arbeiten, die sind völlig fertig, verängstigt und sorgen sich um ihre Zukunft. Andere können sich vor Arbeit nicht mehr retten. Ganze Wirtschaftszweige und Branchen sind vom Ruin bedroht, wohin gegen andere sich dumm und dämlich verdienen, wie man so schön sagt.

So langsam kehrt auch bei mir wieder etwas Ruhe ein. Innerlich. Alles andere bleibt wie gehabt. Hausputz, Wäsche, Einkauf und Job müssen trotz allem erledigt werden. Aber diese extreme nervliche Anspannung hat etwas nachgelassen. Zwar ist nach wie vor nichts sicher, alles bleibt offen und ungewiss. Ich will auch nicht behaupten, dass ich mich himmelhoch jauchenzend fühle. Aber der Mensch scheint sich, wie und je, recht schnell an neue Gegebenheiten anpassen zu können. Auch in dieser surrealen Lage ist bereits so etwas wie Routine eingekehrt. Man arrangiert sich. 

Wir wollten zum Beispiel schon lange diesen Hype um "Game of Thrones" verstehen, hatten aber bislang nie die passende Gelegenheit, dort mal rein zu schnuppern. Letzte Woche haben wir mit der ersten Staffel begonnen und sind jetzt glaube ich bei Folge 10. Echt klasse, bin gespannt wie es weiter geht! Wo außerdem inzwischen auch aus meinem Kopf der Gedanke verschwunden ist, dass ich vielleicht lieber erstmal verstärkt haltbare Lebensmittel einkaufen sollte, gibt es sogar endlich einmal wieder seit langem frische Salate und selbst gekochtes, gesundes Mittagessen. Obst und Gemüse, Vitamine, echte Nahrung für Körper und Seele.

Dazu komme ich zwar auch jetzt nicht jeden Tag, weil ich halt meinem geregelten Arbeitsalltag ganz normal weiter nachgehen muss bzw. darf. Ein Segen, dass wir beide, mein Mann und ich, in der Digitalisierung tätig sind. Aber das war einfach in den letzten Wochen komplett untergegangen. Nur noch Schnitten, Fertiges oder Bestelltes. Mit dem Frühlingserwachen lechze ich nun aber wieder regelrecht nach leichter, bekömmlicher und selbst zubereiteter Kost. Für April steht daher Ernährung hier ziemlich weit oben auf der Agenda.

Heute ist das Wetter noch einmal herrlich. Da wir die Uhren umgestellt haben, was mich persönlich übrigens überhaupt nicht kratzt, kann ich nun auch wieder nach Feierabend joggen gehen. In der dunklen Jahreshälfte hatte ich dafür meine Mittagspause auf zwei Stunden ausgedehnt und abends eine Stunde länger gearbeitet. Nachher werde ich mich also in die Laufschuhe werfen und mir im Wald den Kopf frei rennen. Und auch die Kalorien-Sünden von gestern. Und von den Tagen davor. 

Neulich las ich einen dieser Facebook-Sprüche und musste schmunzeln. Da stand "wenn  wir die Corona-Krise hinter uns haben, dann sind wir alle übergewichtig, schwanger oder Alkoholiker". Da ist was dran.

In diesem Sinne, passt auf Euch auf Ihr Lieben und bleibt gesund.


Dienstag, 24. März 2020

Ausnahmezustand

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen. In den vergangenen Jahren sind die Rufe der Menschen nach Entschleunigung, Ruhe, Auszeiten und Umweltschutz immer lauter geworden. Nichts Neues also. Nun aber befinden wir uns mitten in einem Szenario, das uns genau all dies, quasi als Nebenwirkung, mit sich bringt. Auch nicht gut. Ganz im Gegenteil: Richtig schlimm! 

Das ist durchaus nicht sarkastisch gemeint und ich schließe mich auch keineswegs davon aus. Es ist schlimm! Die Lage ist ernst. Ich wünschte alle Menschen würden sie auch ernst nehmen. 

Natürlich hat sich vermutlich keiner DAS als Lösung gegen zu viele Termine, für mehr Lesezeit oder um den CO2-Ausstoß zu minimieren, gewünscht. Aber wir können es uns nicht aussuchen. Und wir können es auch nicht ändern. Wir können Einfluss nehmen, das wohl. Indem wir zuhause bleiben, uns vernünftig und solidarisch verhalten.

Irgendwer hat das für uns entschieden. Oder auch zu eigenen Gunsten. Vielleicht die Welt. Wenn es jemanden entlastet, dann jedenfalls Mutter Natur. Gönnen wir ihr diese kleine Verschnaufpause, so lange wir warten, beten und kämpfen, wieder in unser gewohntes Leben zurück kehren zu können.

Wobei wir hier eine Lektion lernen könnten und auch nachhaltig etwas zum Positiven wenden. Aber das steht auch wieder auf einem anderen Blatt Papier. Jetzt ist es für den Moment so und wir müssen damit klar kommen. Das ist leicht dahin gesagt, fühlt sich allerdings überhaupt nicht danach an.

Ich persönlich muss gestehen, dass sich in meinem Alltag eigentlich kaum etwas verändert hat. Natürlich ist alles anders. Aber ich brauche bisher auf nichts zu verzichten. Da kann ich mich glücklich schätzen und ich weiß das auch. Ich arbeite seit Anfang letzten Jahres beispielsweise Vollzeit für eine Firma mit Sitz in Berlin, im Homeoffice. Was derzeit für viele Menschen eine echte Herausforderung darstellt, ist für mich längst Gewohnheit. Eine, die ich sehr schätze, übrigens. 

Seit etwas über einem halben Jahr habe ich das Joggen für mich (wieder-) entdeckt. Was ursprünglich gedacht war, meine Figur zu halten und mir einen Ausgleich zu der ganztägig sitzenden Tätigkeit zu verschaffen, ist nun ein großer Eckpfeiler in Sachen "geistiger Gesundheit" für mich geworden. So sage ich das immer, in den letzten Tagen.

Auch hier darf ich dankbar sein. Wir leben in unserem Dörfchen umgeben von ziemlich viel Grün. Echte Natur, Felder und Wälder, in welche Richtung man sich auch dreht. Gegen Stress gibt es für mich nichts besseres, als die Laufschuhe anzuziehen und einfach raus zu rennen. Und Stress ist da, er ist überwältigend.

Morgens stehe ich auf und erwache für einen seligen Augenblick in der Illusion, dass alles in bester Ordnung sei. Mein Leben ist wunderschön, ich bin gesegnet. Das ist nach wie vor so und dessen bin ich mir stets bewusst. Allerspätestens wenn ich dann das Radio einschalte, die Katzen füttere und den ersten Kaffee anstelle, wird mir klar, dass dennoch nichts mehr so ist wie vorher.

Corona, dieses große böse Ungetüm, liegt über allem wie ein Schleier. Keiner kann zum jetzigen Zeitpunkt sagen wie es wirklich weiter gehen wird. Wie sich diese Krise entwickelt. Wie wird unsere Welt in einem Monat aussehen, in sechs, in einem Jahr? 

Ich versuche nicht darüber nachzudenken und glaube, das ist auch ganz wichtig. Wer sich den ganzen Tag lang über diese gewaltigen Fragen den Kopf zerbricht, der wird daran zerbrechen. Dann lässt die Depression schön grüßen und steht schneller Gewehr bei Fuß, als man sich vorstellen könnte. Kann somit nicht der richtige Weg sein.

Also müssen gesündere Strategien her. Ich versuche genauso weiter zu leben wie bisher. Bzw. tue ich das eigentlich tatsächlich beinahe auch. Wenn da nicht diese innere Unruhe wäre. Das Damoklesschwert einer latenten Bedrohung, die permanent vibrierend über unseren Köpfen schwebt.

Ich spüre meine Angst. Nervliche Anspannung, flache Atmung, schneller Herzschlag, Fahrigkeit. Und vor allem kann ich mich so gut wie gar nicht konzentrieren. Mehrmals täglich durchlebe ich verschiedene Phasen von Gefühlszuständen. Glückliche Momente, in denen ich mir keine Sorgen mache. Ein leckeres Frühstück mit meinem Mann, ein paar Seiten lesen, fernsehen, alles gut und normal. 

Anfangs ging es mir nur dann richtig schlecht, wenn ich konkret mit Fakten oder News konfrontiert wurde. Beunruhigende Nachrichten in WhatsApp-Gruppen, Berichte über Hamsterkäufe im TV oder einfach die neuesten Zahlen Infizierter. Sowas ließ mich in Tränen ausbrechen und überforderte mich emotional einfach vollständig. 

Der ultimative Kontrollverlust und das auch noch im Kollektiv. Ist es nicht so? Wir Leute von heute sind ja sehr aufgeklärt. Nehmen wir die Achtsamkeit: Wir wissen um die Kraft des Lebens im Augenblick. Weder festzuhängen in Verzweiflung über die vergossene Milch der Vergangenheit, noch in Grübeleien und Sorgen betreffend eine ungewisse Zukunft. Darin sollten wir uns üben, denn nichts davon ist unnützes Eso-Geschwafel. Aber es ist nicht so einfach, angesichts einer Situation mit der Tragweite von Corona.

Wo man sich zu Beginn dieser Riesen-Welle, die auf uns zurollte, zunächst "nur" über die eigene Gesundheit und das blanke Überleben ängstigte, geht es jetzt um darüber hinaus weit reichende Auswirkungen und Folgen, die womöglich noch viel länger anhalten werden, als die eigentliche Virusinfektion. 

Existenzängste im ganz großen Stil. Ob Gastronomie-Betriebe, Fitness-Studios, Reisebranche, Veranstalter oder kleine Boutiquen. Alle haben zu Recht Angst. Es kann jeden treffen. Behalten wir unsere Jobs? Ist das eigene Einkommen gesichert? Was passiert mit der Welt-Wirtschaft, das dann auch direkten Einfluss auf jeden von uns haben wird? Größere Unternehmen können eine Weile länger durchhalten, aber Garantien gibt es irgendwie keine mehr.

Eines unserer größten und essentiell wichtigsten Grundbedürfnisse wird gerade nicht nur berührt, sondern massiv angegriffen: Das nach Sicherheit. Dass die eine Illusion ist, erkennt gerade nicht nur einer alleine, sondern im Prinzip wirklich alle. Wie schnell das jetzt alles ging. Es war und es ist unaufhaltbar. Wie eine Naturgewalt, der die Menschen sich beinahe nackt und ungeschützt gegenüber sehen. 

Wir wissen es nicht. Keiner kann es uns sagen, niemand wird versprechen, dass alles gut wird. Da hilft nur Glauben und Vertrauen. Wobei nichts natürlich gerade schwerer fällt. Zündet Kerzen an, betet zu allen Göttern und Engeln, an die Ihr Euch wenden könnt und möchtet. Bleibt zuhause, trefft Euch nicht unnötigen mit anderen Menschen. Aber bleibt in Kontakt. Redet. Sprecht über Eure Gefühle, Ängste und Nöte. Schreibt sie auf. Tauscht Euch mit Euren Freundinnen aus, geht auf Eure Partner ein. Kuschelt mit Euren Haustieren. Bewegt Euch an der frischen Luft, macht den Frühjahrsputz und nutzt die "geschenkte Zeit", für die Projekte, die bisher liegen geblieben sind.

Es wird vorüber gehen. Wir müssen jetzt dafür sorgen, dass die Ausbreitung sich verlangsamt. Das geht uns alle an. Es betrifft die ganze, große, weite Welt. Aber das wisst Ihr ja, hoffe ich. Ihr habt verstanden, dass es nicht nur um Euch selber geht. Darum, dass die Ansteckung mit dem Virus für Euch selber vielleicht nicht mehr als ein wenig "Erklältung" bedeuten würde. Aber für andere ist es lebensbedrohlich. Für die alten und die Vor-Erkrankten. 

By the way möchte ich erwähnen, dass ich wegen Morbus Crohn selber jahrelang immunsuppressiv behandelt worden bin. Für mich ist das eine ernst zu nehmende Sache. Zwar gehe ich regelmäßig joggen, bekomme Vitamin-B12-Spritzen (weil mein Körper das auf Grund der Erkrankung schon seit Jahren nicht mehr eigenständig aus der Nahrung aufnehmen kann) und habe seit Anfang 2017 meine Ernährung sehr bewusst umgestellt. Aber ich muss trotzdem aufpassen.

Insofern bin ich froh und dankbar, dass man versucht die Risikogruppen nach Kräften zu schützen. Nicht nur für mich. Nichts könnte den Niedergang dieser Gesellschaft mehr verdeutlichen, als wenn wir jetzt nicht zusammenhalten und versuchen würden, Leben zu retten. Jedermanns Leben. Das von Krebspatienten z. B., die aktuell Bestrahlung oder Chemo bekommen. Jeder Eurer Nachbarn, Freunde und Vereins-Kameraden kann eine chronische Vor-Erkrankung haben, die im Falle einer Infektion mit Covid19 das Zünglein an der Waage bedeuten würde.

Aber ich sehe und verstehe dennoch sehr gut, was diese massiven Einschnitte in unser gesellschaftliches Leben mit einem machen können. Ohne Sportvereine oder wenigstens den geregelten, gewohnten Arbeitsalltag kann einen schon mal der Lager-Koller überkommen. Kein Friseurbesuch mehr, keine Fußballspiele, kein Kaffeeklatsch mit Freundinnen, keine Parties. Das sind natürlich alles Dinge, die jetzt keine Priorität haben dürfen. Trotzdem macht das was mit jedem von uns.

Verschwörungs-Theoretiker haben in diesem Jahr selbstverständlich Hochkonjunktur. Was für ein gefundenes Fressen eine solche Pandemie aber auch ist. Ganz ehrlich Leute, ich habe keine Ahnung "wer Schuld ist". Ob irgendein verrückter Professor das Virus auf uns losgelassen hat, um die Überbevölkerung einzudämmen, dies eine Form von kaltem Krieg darstellen soll oder tatsächlich eine göttliche Strafe. Dafür wie wir mit diesem Planeten, uns gegenseitig und den Tieren umgegangen sind. Mit unseren eigenen Leben. An Zufälle glaube ich nicht. Alles hat meiner Meinung nach einen Sinn. Bloß spielt es in meinen Augen grad gar keine Rolle, woher das Übel gekommen ist. Wir müssen damit fertig werden, das ist der Punkt. 

Was mit der Moral von Menschen passiert, die sich nach einer globalen Katastrophe vom Aussterben bedroht fühlen, dürfte nicht erst seit The Walking Dead oder apokalyptischer Literatur bekannt sein. Ich möchte wirklich nie erleben, was die Generationen vor uns am eigenen Leib erfahren mussten. Krieg, Tod und Massensterben. Wenn man allerdings mitbekommt, dass brave Bürger sich schon wegen Toilettenpapier an den Kragen gehen, drängen sich einem ganz von selbst irgendwann Befürchtungen hinsichtlich Ausschreitungen und bürgerkriegsähnlichen Zuständen auf.

Doch das Ganze hat, wie alles im Leben, auch seine lichten Seiten. Plötzlich erkennt auch der Letzte, wer die Helden des Alltags in dieser Gesellschaft sind. Unterbezahltes Personal wie Krankenschwestern, Supermarkt-Kassiererinnen & Co. werden ganz besonders gefordert. Plötzlich fällt es jedem auf. Digitalisierung ist nicht mehr  etwas zweifelhaftes, das Arbeitsplätze gefährdet. Momentan sichert sie eher welche, macht für viele ihre Arbeit überhaupt noch möglich und erleichtert es darüber hinaus, miteinander vernetzt zu bleiben. Wir begreifen uns außerdem wieder viel deutlicher als die sozialen Wesen, die wir von Natur aus sind. Bringen eine größere Wertschätzung auf für die "selbstverständlichen Gegebenheiten", die von heute auf morgen gar nicht mehr als solche erschienen. Aus der Sicht einer bedrohten Spezies, die plötzlich eingestehen muss wie fragil ihr solide geglaubtes Fundament in Wirklichkeit ist, hat vieles einen neuen, höheren Stellenwert.

In diesem Sinne, passt auf Euch auf. Auch gegenseitig. Bleibt gesund, tut etwas für Euch, das Euch glücklich macht. Glaubt an das Gute und tragt selbst die Hoffnung in die Welt, die Ihr Euch wünscht und die wir alle so sehr brauchen.

Please guide me, please lead me, please show me the way



Sonntag, 25. November 2018

Einstimmen auf die Rauhnächte

Die dunkle, kalte, stille Zeit hat begonnen. Wobei es mit der Ruhe vor und im Advent ja leider nicht soweit her ist. Die meisten Menschen hetzen nur so durch die Vorweihnachtszeit und der Stress gipfelt dann an den Feiertagen. Letztes Jahr war ich selber beruflich so stark in Beschlag genommen, dass ich ab dem ersten Weihnachtsfeiertag krank wurde und richtig flach gelegen habe. 

Rückblickend habe ich verstanden, dass diese Art zu arbeiten völlig gegen meine Natur geht und gegen die eigenen Traditionen, die wir uns über Jahre erschaffen hatten. Für mich war es früher schon immer möglich gewesen die gesamte Zeit der Rauhnächte über in Urlaub zu gehen. Also frei zu machen und diese Tage zwischen den Jahren daheim zu verbringen, mit Mann und Mäusen. Wir waren dadurch relativ frei zu entscheiden, wann und wie wir was machen wollten. Letztes Jahr lief das völlig anders ab. Ich glaube auf lange Sicht wäre es schon allein deshalb nicht gut für meine geistige und körperliche Gesundheit gewesen, das durch zu ziehen. Es ist einfach meine Überzeugung, dass zum Jahresende die Mühlräder still stehen und nicht auch noch künstlich hochgefahren werden sollten. 

Einerseits lebt die Natur uns das schon vor. Die Welt liegt um Jul im tiefsten Winterschlaf. Es gibt glaube ich nicht umsonst die alten Regeln und Überlieferungen davon, dass an diesen 12 oder 13 Tagen und Nächten nicht gearbeitet werden soll. Andererseits macht auch meine innere Uhr das deutlich. Ich will nur noch schlemmen, kuscheln, Kerzenschein und Düfte genießen. Brauche diese Phase, das alte Jahr ausklingen zu lassen. Bilanz zu ziehen. Mich auf mich und unser Leben zu besinnen. Was geschehen ist, was als nächstes kommt, wie es weiter gehen soll. Räuchern, träumen, planen, zwischen den Zeiten und Welten treiben. Kräfte aufladen und sinn-voll nutzen.

Verpflichtungen oder Erledigungen gibt es auch so schon reichlich. Kochen, backen, einkaufen, sauber machen, Gemütlichkeit und einen festlichen Rahmen schaffen. Weihnachtsfeiern, Feste, Märkte, Treffen mit den Lieben. Aber darüber möchte ich selbst entscheiden können. Nur dann kann ich es als sinnlich und schön empfinden. Ein Gefühl aufkommen lassen. Das ist als sehr natürlicher Impuls in uns allen ganz tief verankert. Selbstverständlich hat jeder seine eigenen Zyklen und Rhythmen. Aber diese uralten haben für mich sowas wie eine allgemeingültige Berechtigung.

Insofern darf ich einmal tief durchatmen und froh sein, dass es in diesem Jahr für mich wieder wirklich Rauhnächte gibt. So wie ich sie halt gerne begehe und das für mich zu einem Ritual gemacht habe. Mit einem neuen  Buch zum Thema diesmal wieder, das ich zum letzten Geburtstag geschenkt bekommen habe. Ich bin ja selbst auch ein Rauhnächtle, wie man das so schön nennt. Innerhalb der  12 magischen Nächte das Licht der Welt erblickt.  Vielleicht ist auch deshalb diese Tendenz bei mir besonders ausgeprägt, sie zu zelebrieren. Wobei ich das auch bei den anderen Menschen beobachte. Wenn man sie gewähren lässt und sie keinen äußeren Begrenzungen ausgeliefert sind, dann haben sie alle den Drang um Weihnachten herum zur Ruhe zu kommen. Eine Maschinerie, die genau das Gegenteil verlangt, kann auf Dauer nicht gesund sein. Wie heißt es doch so schön und wahr? Es ist kein Zeichen geistiger Gesundheit angepasst zu sein, an eine kranke Gesellschaft. Punkt.

Aber hier wehen ja nun jetzt auch wieder andere Winde. Letztes Jahr war das alles schon gut und richtig so. Wie soll man sich sonst auf seine Wurzeln besinnen? Erkennen was falsch läuft, was man wirklich braucht? Das merken wir häufig nur dann, wenn wir es anders herum erleben und daraus unsere Schlüsse ziehen können. Letztes Jahr war eine Zeit, wieder ins Außen zu gehen, zurück in die Aktivität. Und das war wirklich wichtig für mich. Jeder Zyklus muss erlebt und durchlaufen werden. So finden wir uns. Im Erleben.

Heute sind die Räuchervorräte wieder aufgefüllt. Ich bediene mich da aus meiner Altar-Kommode und dem Tee-Schrank gleichermaßen. Entscheide nach Themen, Stimmungen, Zielen. Das Büchlein über Rauhnacht-Rituale für Frauen liegt bereit.  In der Nikolaus-Woche will ich mit meiner Freundin Ana Kekse backen, endlich wieder! Das habe ich früher immer so richtig gefeiert. Einen ganzen Tag lang im Marathon, mit Sektchen, voller Kreativität, Freude, Ideen. Geknetet, genascht, verziert, verschenkt. Herrlich. Ich freue mich so sehr darauf! Sicher werde ich auch noch einen Tag bei uns daheim finden.

Aber in der kommenden Woche ist erstmal die Winter- bzw. Weihnachtsdeko dran. Schließlich haben wir am nächsten Sonntag schon den 1. Advent und gleichzeitig auch den Geburtstag meines Mannes. Dafür möchte ich alles fertig haben.  Wie jedes Jahr. Und die ganz weltlichen Pflichten nicht zu vergessen. Arzttermine, Papierkram, Haushalt, Einkäufe. 

Versucht nicht in Stress und Hektik zu geraten, nehmt Euch Zeit. Fühlt in Euch hinein. Was braucht Ihr gerade? Wonach sehnt Ihr Euch? Tee oder Kaffee? Kuchen oder Obst und Nüsse? Meditieren oder spazieren? Buch oder Film? Badewanne oder Couch? Habt Ihr genug Freizeit, um Euch frei zu fühlen? Worauf verwendet Ihr Eure vermeintlich freie Zeit? Mit wem verbringt Ihr sie? Wie würdet Ihr das zukünftig gerne ändern? Was könnt Ihr aktiv dafür tun, Euch wohl zu fühlen?