Montag, 4. Mai 2020

So weit, so gut

Ein Stück weit Normalität hat in den Städten wieder Einzug gehalten. Aber ich werde das Gefühl nicht los, dass nichts jemals so ganz werden wird, wie es einmal war. Die Frage ist natürlich, wäre das eigentlich wünschenswert. Wir sollten unsere Lektionen lernen und dann vermutlich ein neues Gefühl von "normal" etablieren. Beim Anblick der leeren Straßen konnte ich mich nie entscheiden, ob ich mich über diesen Frieden und Stillstand nun freuen sollte oder schreiend im Kreis rennen und trauern. Über das, was wir verloren haben. Wieder ein Riss mehr im Vorhang der Illusion von Sicherheit. 

Die Welt sieht so normal aus. Macht es das besser oder schlimmer? Ist dieser Zustand schön oder schrecklich? Kommt wohl auf den Blickwinkel an, aus dem man es betrachtet. Tröstlich ist der Hauch von Beständigkeit, an dem wir uns festhalten können. Meine Baumfreunde hinter dem Haus. Ich sehe sie zu jeder Tageszeit und jeder Jahreszeit. Sie erblühen wie eh und je. Wenn ich mich in ihrem Anblick versenke, steht alles still und ich empfinde pures Glück. Ich lasse mich auf diese Momente des All-ein-seins ein und spüre, ich liebe diese Welt so sehr, dass es weh tut. Sie ist so wunderschön, jeder Blick aus dem Fenster  ein Geschenk. Ich sehe strahlende Sonne, blauen Himmel, bunte Blumen und Grün so weit das Auge reicht. Das macht mich ehrfürchtig. So intensiv, dass mir der Atem stockt. Da soll noch einer sagen, wir kriegten im Leben nichts geschenkt.

Postapokalyptische Szenarien maskierter Menschen, überfüllter Krankenhäuser, von Security an den Eingängen der Geschäfte und die Verschiebungen im Alltag bilden dazu einen harten Kontrast. Mein Hirn kommt mit diesen Gegensätzen manchmal gar nicht klar und im Gesamten wirkt das für mich völlig surreal. Mein Unterbewusstsein hat da ganz schön zu knacken. Ich merke das, an meinen wirren Träumen oder der Tatsache, dass ich seit einer Weile plötzlich wieder zu unkontrollierten Fressattacken neige. Nachts im Halbschlaf den Kühlschrank plündern, wie ein Zombie, der über die Schokolade herfällt. Auf Kleinigkeiten reagiere ich dünnhäutig und häufig beschleicht mich dieser Tage der Verdacht, dass die Depression hinter der nächsten Ecke lauert. Womit ich längst nicht allein dastehe, wenn ich mich in meinem Freundeskreis so umschaue. Vieles bringt mich leicht aus dem Konzept. Dann schleiche ich vor Unsicherheit wie die Katze um den heißen Brei herum. Die Anspannung wiederum und die schlechte Ernährung sind nicht gut für meinen Darm. Bei der letzten Spiegelung im März hatte man mir noch mitgeteilt, dass der Crohn komplett ruhte. Wenn das so weiter geht, schlägt er wieder Alarm und dadurch werde ich dann anfälliger. Ein Teufelskreis.

Andererseits bin ich etwas weniger hektisch oder sagen wir mal, ein bisschen gelassener im Umgang mit mir. Sogar die Geduld ist mir begegnet. Dieses Wort und meinen Namen hätte man bislang wohl die ganzen vierzig Jahre meines Lebens nicht in einem Satz genannt. Platzt der Nagellack halt ab und die Fenster bleiben fleckig. Was soll´s. Außer im Supermarkt begegne ich niemandem und zu Besuch kommt soweit auch keiner. Musste die Welt dafür erst untergehen? Um zu realisieren, dass es nicht darauf ankommt was wir für Klamotten anziehen, wenn wir uns mit unseren Leuten treffen? Sondern darauf, sie zu treffen? Mit sich selbst so nachsichtig zu sein tut wirklich gut. Ich bin gespannt, ob  mir diese Einsicht auch erhalten bleibt, wenn wirklich alles irgendwann wieder seinen gewohnten Gang gehen sollte.

An die Stelle von Verabredungen zum Frühstück, für Parties, zu Fußballspielen und anderen Events sind vorerst Video-Meetings, Facetime-Calls und lustige WhatsApp-Challenges getreten. Wofür ich dann aber doch wieder in die Maske gehe. Manche Dinge ändern sich einfach nie. Wie rührend es plötzlich sein kann, wenn Deine Freundin ihre Kartenlegung per Videoaufzeichnung mit Dir teilt. Ihr liebes Gesicht zu sehen und Dir für einen Augenblick so vorzukommen, als stünde sie vor Dir. Da muss ich unwillkürlich selber auch lächeln. Oder aber sich gegenseitig zu zu prosten und   ein paar Minuten lang dem Irrglauben hinzugeben, man säße tatsächlich gemeinsam am Tisch. Schön, dass wir diese technischen Möglichkeiten haben. Auch wenn am Ende des Videos oder Calls kurz eine kleine, schmerzliche Sehnsucht aufsteigt.

Ich denke der Tag wird schon kommen, wo wir wirklich wieder gemeinsam Zeit verbringen. Wie auch immer dann die Rahmenbedingungen ausschauen mögen. Ganz in Echt, Face to Face. Ohne unsere Trinkspiele und die geselligen Runden im Schmetterzirkel wird ja sonst noch ein ganz vernünftiges Mädchen aus mir. Die Göttin bewahre mich davor! Was wären die Wochenenden auf Dauer ohne die dreckigen Witze von F., die Männergeschichten von C. oder die tiefgründigen Unterhaltungen mit J., die so ganz anders ist als ich und trotzdem so verdammt gleich?! Ich vermisse Euch wirklich. Die fette Lache von K., Gott-und-die-Welt-Gespräche mit D. So viele tolle Menschen in meinem Leben. So ein fabelhaftes gallisches Dorf, in dem wir leben. So endlos viele Mosaik-Steinchen, die mein Dasein zu einem erfüllten machen. Und aus unserem Wohnort ein Zuhause. Zu wissen, dass ich angekommen bin, wo ich hingehöre. Unbezahlbar. Und wert darauf zu warten, um es zu beschützen.



Was macht jemanden eigentlich zu einem tollen Menschen? Was macht einen Ort zu einer Heimat? Ich glaube da muss schon ganz viel zusammen kommen. Echt soll es sein. Ungekünstelt. Und für meinen Teil kann ich sagen, solche Formen der Verbindung entstehen aus Gefühlen. Seit meinem 16. Lebensjahr war ich ohne Familie und so verzweifelt auf der Suche nach einem Nest, einem richtigen Zuhause. Nach Geborgenheit. Ich liebe Dinge, die bleiben, müsst Ihr wissen. Als Mädchen damals oder junge Frau war ich einfach schon zu oft gezwungen gewesen, von vorn anzufangen. Stetiger Wandel, mal hier hin und mal dort hin, sind mir seit dem ein Graus. Leben bedeutet natürlich Entwicklung, Wachstum und Veränderung. Das gehört dazu, ob wir wollen oder nicht. Manchmal ist es schön und wünschenswert. Dann wieder erwischt es uns eiskalt. 

Am 6. Januar, wenn die Rauhnächte enden, ziehe ich immer meine neue Jahreskarte. Diesmal war es eine, die mich mit einem Schlag in Aufruhr versetzte. Kein gutes Blatt, ganz und gar nicht. Wenn die Bilder aus diesem Deck nicht bereits seit Jahren immer wieder so verdammt zutreffend und wortwörtlich zu nehmen gewesen wären, hätte ich vielleicht mit mehr Deutungsspielraum an die Sache heran gehen können. So wusste ich bereits vorab, es würde nicht einfach werden. Zwar hatte ich keine Ahnung, was genau geschehen würde. Aber inzwischen sehe ich da auf Grund der aktuellen Entwicklungen schon klarer. Auch wenn ich keine Negativität verbreiten möchte, wir sollten diese Sache schon ernst nehmen. Was das angeht, stehen wir glaube ich wirklich noch am Anfang einer sehr besonderen Zeit. Womit ich leider nicht nur die positiven Sinneswandel anspreche, die hier bei vielen Menschen entstehen.

Wenn man so will, wurde ich auf die Situation bestens vorbereitet. Seit über einem Jahr arbeite ich nun schon Vollzeit von Zuhause aus. In der Digitalisierungs-Branche. Durch meinen kurzen Ausflug in den Einzelhandel vor zwei oder drei Jahren konnte bzw. musste ich damals meine immunsuppressive Behandlung abbrechen. Sicherlich in Zeiten von Corona nicht die schlechteste Ausgangslage. Nachdem ich die dauerhafte Stressbelastung, Depression und  Schicksalsschläge der Vergangenheit hinter mir gelassen und abgearbeitet hatte, ging es mir auch gesundheitlich immer besser. Der Darm kam wie gesagt  zur Ruhe. Kein Bluthochdruck, keine Rhythmusstörungen, keine Panikattacken,  keine ständigen Infektionskrankheiten, kein Übergewicht, keine Betablocker und anderen täglichen Pillencocktails mehr. Ich habe meine Ernährung umgestellt und sogar im letzten Sommer mit dem Joggen angefangen. Anfang diesen Jahres haben wir mir daheim einen ergonomischen Arbeitsplatz eingerichtet, weil ich die permanente Verspannungsmigräne einfach nicht mehr ertrug. Insofern kann ich eine Weile ohne meine Physio-Therapeutin auskommen. Denkbar beste Voraussetzungen in dieser Krise, würde ich sagen. Zufall? Daran habe ich noch nie geglaubt. Ich nenne das Schicksal.

Als T. neulich meinen letzten Blog-Beitrag gelesen hatte, kommentierte sie ihn auf facebook. Sie meinte, dass sie die ganze Zeit über Artemis als sehr deutlich präsent empfunden hätte. Es ging um meine neue Liebe zum Laufen, das sich für mich wie fliegen anfühlt, meine alte Liebe zum Wald, der mir ein Gefühl von Freiheit vermittelt und meine immer währende Liebe zu den Tieren, mit denen ich mich verbunden fühle.  Womit wir zu einer weiteren, sehr spannenden und betrachtenswerten Synchronizität kommen. Im Jahr 2017 nämlich war Artemis, aus eben jenem Deck, dessen ich mich schon ewig für meine Jahreskarten bediene, meine persönliche Jahresbegleitung. Und dieses Jahr war für mich ein ganz besonderes, ein großartiges, sehr wichtiges. Ein wirklich gutes. In 2017 habe ich unter Artemis Führung und Motto "Selbstbestimmtheit" wieder zu mir gefunden. Ich habe mich selbst zurück erobert und bin nach all dem Elend der voraus gegangenen Jahre endlich wieder aufgestanden. Dieser Einfluss hat mich seither nie ganz verlassen. Denn mit jedem darauf folgenden Jahr wurde ich wieder ein Stück weit mehr zu mir. Ich erfand mich neu. Entdeckte alte Talente, erschuf eine stärkere, bessere und schönere Version von mir, als ich es zuvor gewesen war.

Wir Menschen lernen ja von Geschichten. In meiner tiefen Verzweiflung über das Leid und den Schmerz, die mir für 2020 als Hauptthema prophezeit worden waren, wendete ich mich natürlich an meine Seelen-Schwestern. A., P., S. und A. legten ihrerseits Karten, um die Bedeutung von meiner zu hinterfragen und tiefer ins Detail sehen zu können. Ihre Erklärungen erschienen mir einleuchtend und machten durchaus Sinn. Tatsächlich kann ich zum jetzigen Stand meines Wissens sagen, dass sie richtig gelegen haben. Mal losgelöst betrachtet von den Ereignissen, die sich seither parallel in der Welt um uns herum abspielen. Beides steht nämlich, wie immer, in direktem Zusammenhang. Jede Ursache hat ihre Wirkung. Alles ist verbunden. Ein loser Faden kann das gesamte Netz instabil machen. Der Impact, den Corona aktuell auf mein persönliches Leben und Empfinden hat, spiegelt sich in den einzelnen Teilbereichen, die meine Freundinnen angesprochen hatten. 

Es geht um Themen, Glaubenssätze, Verhaltensmuster und Ängste dabei, die ich dachte bereits für immer hinter mir gelassen zu haben.  Doch wer ist schon gefeit, wenn so etwas riesenhaftes geschieht? Eine globale Sache, die sich eben nicht nur auf mich auswirkt, sondern wirklich jeden betrifft. Da können schon mal alte Wunden wieder aufbrechen. Bisher ist es mir gelungen, sämtliche Angelegenheiten in den Griff zu kriegen, die sich zeigten. Bis heute ist jede dieser Konfrontationen für mich gut ausgegangen. Ich trete ihnen jetzt gegenüber, ohne zu zittern. In meinem Inneren steht Athena aufrecht da, mit ihrem Schild und ihrem Speer. Und sie wartet erst einmal ab. Denn sie weiß um ihre Stärke. Aber wir haben auch gerade erst Anfang Mai. Man soll den Tag bekanntlich nicht vor dem Abend loben. Der Großteil des Jahres steht noch bevor und was noch auf uns zukommt, wissen wir nicht. Ich werde einen Teufel tun, das noch gezielter zu hinterfragen. Darüber hinaus ist, wie ich bereits eingeräumt habe, definitiv nicht alles daran schlecht. Heilung kann bekanntlich nur geschehen, wenn wir uns der Verletzung wirklich hinwenden. Dazu müssen wir sie anschauen und sie versorgen. Auch wenn es weh tut.

Klar, dass mir die Karte jedenfalls nicht aus dem Kopf gehen wollte und ich mich mit so wenig Information anfangs nicht zufrieden gab. In einer ruhigen Minute zog ich selber also noch zwei weitere Karten hinzu, wieder aus dem Göttinnengeflüster. Ich wollte wissen, was das Jahr mir persönlichen bringen würde und bekam zur Antwort Lilith. Eine weitere alte Bekannte. In 2012 war sie lauthals und schäumend vor Wut in mein Leben getreten. Unter Hekates Anleitung und mit ihr an meiner Seite wagte ich einen großen Schritt. Beendete alt hergebrachtes, das nicht mehr gut für mich war und stellte mich neuen Herausforderungen. Ich stand auf. Es war genug. Voller Angst zwar und tief verzweifelt damals noch, aber ich tat es.

Ich verstehe Lilith heute und sie zeigte sich gleich von Anfang an deutlich. Sie macht mich stark, wild und frei. Als hinzutretender Impuls und dritte im Bunde, erschien Inanna. Wie lang und alt und schier endlos meine Geschichte mit ihr doch zu sein scheint. Da waren wir wieder. Sie und ich. War ich wirklich so naiv? Immer noch? Geglaubt haben zu können, ich hätte alle Schatten schon durchlaufen und endgültig hinter mir gelassen? Natürlich sind sie mir jeder für sich bereits begegnet. Aber wie es ausschaut, ist ein finales Gegenübertreten nötig, um tatsächlich abzuschließen. Um mich zu beweisen.

Die Geschichte von Inannas Abstieg in die Unterwelt las ich zum ersten Mal, einen richtig dicken Wälzer, als ich zwölf oder vierzehn gewesen sein muss. Was soll ich sagen. Eine Story, die nie aus der Mode kommen wird. Die jede Frau im Laufe ihres Lebens erlebt. Mehrfach sogar womöglich. Immer dann, wenn wir uns verfranst haben und von unserem Weg abgekommen sind. Dann werden wir gezwungen, unsere Route zu korrigieren. Müssen Stück für Stück ablegen, wovon wir dachten, dass es uns ausmachen würde. Bar und nackt und bloß und verletzlich unserer Schöpferin gegenüber treten. Uns selbst. Was dann bleibt, darauf kannst Du neu aufbauen. Sollte jede mindestens ansatzweise einmal gelesen haben. Ebenso wie "die Wolfsfrau", mal so am Rande gesagt. Insgesamt jedenfalls ergibt es unter dem Strich ein ziemlich rundes Bild. Athena, die auszog, um das Fürchten zu lernen. Und was sie letztlich fand, als sie alle Prüfungen bestanden hatte, den Schatz, am Ende des Regenbogens oder in einer Höhle von einer wunderschönen Drachin bewacht, war sie selbst.

Fortsetzung folgt...

Keine Kommentare:

Kommentar posten