Freitag, 27. März 2015

Flug 4U9525

Ich habe eine Weile mit mir gehadert... Ob ich hier wirklich darüber schreiben möchte oder nicht. Was habe ich überhaupt darüber zu sagen? Darf ich eigentlich etwas dazu sagen? Wenn ich nicht persönlich betroffen bin? Und sind wir nicht irgendwie alle betroffen...? Einerseits finde ich daß schon viel zu viel berichtet, getagged und gepostet wird. Andererseits geht mir so einiges dazu im Kopf herum. Und ein Blog sollte ja dazu genutzt werden die eigenen Eindrücke, Gefühle und Gedanken zu teilen. Gerade vielleicht auch in Hinblick auf aktuelle Ereignisse. In einer Art möchte ich damit ein Stück meiner Anteilnahme zeigen. Denn selbstverständlich empfinde ich Mitleid mit den Hinterbliebenen und den Opfern. Irgendwo bin ich auch bestürzt. 

Ich sollte dazu sagen daß Haltern unsere Nachbarstadt ist, direkt nebenan quasi. Wir selbst kannten niemanden, der in der Maschine saß. Dennoch haben wir inzwischen mit einigen Bekannten gesprochen, die Insassen des Fluges persönlich kannten. Vom Babysitten z.B., weil sie früher noch auf die Schülerin aufgepaßt hatten und sie die Eltern kennen. Oder weil man zusammen gearbeitet, gekellnert hat... Ist ja auch nicht so wichtig woher. Fakt ist, daß man doch irgendwie ziemlich nah dran ist am Geschehen. Wenn auch viele Leute jemanden "nur" um zwei Ecken kennen. Die Bekannte der Schwägerin halt oder sowas. Aber darauf kommt es auch nicht an. Natürlich macht so ein Ereignis betroffen und führt immer wieder die eigene Sterblichkeit vor Augen. Wie schnell alles vorbei sein kann. 

Da werden Stimmen laut und kommen Gedanken auf, wieviele Menschen ansonsten tag-täglich sterben.... Verhungern, durch Krieg umkommen oder schreckliche Krankheiten erleiden. Es ist ja so viel los in der Welt. Wenn wir uns da nicht irgendwie schützen würden, indem wir auch ausblenden (ohne dabei gefühlskalt zu werden), dann ginge man selbst sicherlich früher oder später buchstäblich ein. Niemand kann all die grauen-erregenden Ereignisse eines Tages ertragen, wenn er sich zu inteniv rein kniet. Aber darum geht es ja auch gar nicht. Ich bin sicher daß jeder weiß was ich meine und sagen möchte. Man versucht sich also ggf. der Berichterstattung und dem regelrechten Medien-Hype zu entziehen. Geht aber gar nicht.

Zum Einen natürlich weil permanent berichtet wird. Zum Anderen weil es eben doch kein alltägliches Unglück gewesen ist. Und weil es eben doch so nah dran ist, wie gesagt. Das hat rein gar nichts damit zu tun ob ein Menschenleben mehr oder weniger wert wäre als ein anderes. Je nachdem woher man kommt z.B. oder sowas. Selbstverständlich nicht. Aber umso näher man dran ist an der Sache... So ist das halt. So ist der Mensch. Das ist glaub ich ganz normal.

Jetzt stehen wir da alle fassungslos angesichts dieser Tragödie und leiden mit, wenn wir uns schon rein nur vorstellen was in den Eltern und anderen Hinterbliebenen vorgehen mag. Wir wissen es nicht. Aber jeder von uns kann es sich denke ich lebhaft vorstellen, fühlt auch irgendwo mit. Davon gehe ich aus. Nun kommen die ganzen Gerüchte. Meist sag ich ja daß wir vermutlich die ganze Wahrheit nie erfahren werden. Entweder womöglich weil jemand das aus irgendwelchen Gründen verhindern will, oder eben weil sie niemals vollkommen klar sein wird. Das ist alles so zwiespältig irgendwie. Zuerst hab ich gedacht es kann unmöglich sein, daß jemand sein eigenes Leben beenden möchte und dabei so viele andere Seelen mitnimmt. Inzwischen bin ich da nicht mehr so sicher. Wer weiß was in den letzten Augenblicken durch den Kopf des Co-Piloten gegangen ist. Aber ich will ihn hier nicht verurteilen. Ich weiß es nicht und somit steht es mir nicht zu. Insbesondere seine Eltern und die Angehörigen tun mir sehr leid. Die werden quasi dazu verdammt um das eigene Kind nicht trauern zu dürfen, weil es unter diesem unglaublichen Verdacht steht. Wobei sie doch gar nichts dafür können, egal was passiert ist. Und sicher trauern sie ebenso um all die anderen Menschen, die zu Opfer geworden sind. Von wem auch immer. Fakt ist lediglich daß der Berg sich die Maschine geholt hat. Die Natur war wieder einmal stärker. Unvermeidlich in diesem Zusammenhang, klar.

Worauf ich hier eigentlich hinaus wollte weiß ich gar nicht. Es ist halt so schlimm. Und die Nachrichten sind voll davon. Wir horchen ja hier selbst nach jedem neuen Informations-Fitzelchen, sind hell-hörig und spekulieren mit. Aber doch nicht aus Sensationslust, Leute. Es ist einfach so unfaßbar, daß man sich damit auseinander setzen muß. Was ich allerdings absolut entsetzlich finde, ist die Belagerung und das Wort-im-Mund-verdrehen der Presse-Leute. Sie sind über unser Nachbar-Örtchen hergefallen wie die Heuschrecken. Flutlichter und Strahler verwandeln dunkle Abendstunden in eine taghelle Leinwand für sich überschlagende Sensations-Meldungen. Auf weinende Menschen, die jemanden verloren haben oder aus reiner Anteilnahme eine Kerze aufstellen vor der Schule, dem besagten Gymnasium, werden die Cameras wie Waffen gerichtet - sie werden regelrecht bedrängt - überfallen! Was ich übrigens aus erster Hand weiß, nicht nur durch entsprechende Bekundungen in den sozialen Netzwerken. Laßt die Menschen in Ruhe, sie haben schon genug durchgemacht und sie haben noch soviel vor sich. Man mag sich gar nicht vorstellen wie das Leben sich von einer Minute auf die andere verändert hat, in sich zusammen gefallen ist... Für die Eltern dieser Schüler beispielsweise... Sie wollten ihre Kinder doch nur von dem Schulaustausch abholen... Jetzt sind ihre Zimmer leer und werden es auch bleiben. Nicht einmal den Körper zum Beerdigung haben sie, wie furchtbar. Es klingt so makaber, aber sie werden doch nur Einzelteile bestatten können. Und das Alles wird ihnen pausenlos durch Fernsehen, Radio, Internet und Zeitungen immer wieder vor Augen geführt... Nein, ein gewisses Mitgefühl ist hier nicht fehl am Platz. 

Ich werde weiterhin die aktuellen Meldungen verfolgen, wenn ich irgendwo was mitbekomme. Fürchte jedoch daß nichts davon für die Angehörigen etwas besser machen wird. Höchstens noch schlimmer. Ob nun offizielle Pressekonferenzen von der Staatsanwaltschaft oder was-wäre-wenn von Anonymous. Wir erfahren es ja doch. Nur der Wahrheitsgehalt bleibt fraglich. Whatever, es ist und bleibt bewegend. Dieses Ereignis wird sicher nicht so schnell in Vergessenheit geraten. Das Mißtrauen und die Angst vor der Möglichkeit des Terrorismus wird bestehen bleiben, ebenso wie die Gedanken an die Übermacht von Depressionen. Ich fürchte nur eines ist erneut sehr stark deutlich geworden: Daß wir zu keiner Zeit in der Lage sind alles zu kontrollieren...

Kommentare:

  1. Danke für diesen Text, er spricht sicherlich nicht nur mir aus der Seele und dem Herzen....

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    1. Das ist "schön" zu hören... Wenn das auch an dieser Stelle irgendwie unpassend klingen mag, aber ich denke Du weißt schon was ich meine...

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  2. Schließe mich an. Danke für diese Worte. Auch und gerade zu dem, was die Presse da veranstaltet. Ich habe mich gestern fremdgeschämt, als ich die Tagesschau sah und dort eben, wie das Gymnasium belagert wurde. Unfassbar. Beschämend. Armselig. Auf Nachrichten, die so entstanden sind, pfeife ich...

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    1. Sogar Geld geboten wurde einigen Schülern, wenn sie bloß das sagen was die Presseleute vor der Kamera gern hören wollten... o.O
      Unfaßbar sowas, oder?! Da fragt man sich schon was man im Fernsehen / den Zeitungen überhaupt noch glauben soll bzw. kann...

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  3. Ja - was Anna sagt. Berichterstattung ist das eine, aber Leute nicht irgendwann in Ruhe trauern lassen zu können, ist schon furchtbar. Auch die Skandalesucher im Heimatort dieses Piloten. :(

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    1. Find ich auch, da tun mir die Leute extrem leid. Niemand von denen kann etwas dafür...

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  4. Hallo ... Betroffen bin ich ... betroffen als Mutter, die schon so oft auf ihre Kinder gewartet hat, weil sie auf Klassenfahrt oder Jugendfahrt waren.
    Betroffen bin ich ...wenn ich Kinder sehe, denen etwas schreckliches zustösst, egal auf welchem Kontinent ... weil ich Mutter bin.
    Betroffen bin ich weil ich Mutter bin und darum denke ich auch an die Eltern der Crew. Auch an die Eltern desjenigen der "vermutlich" den Unfall verursacht hat. Denn wir, die wir nicht dabei waren, werden nie wissen ! wie es dort oben in der Luft war.
    Betroffen bin ich, weil ich Mensch bin. Denn wer will schon seine Liebsten verlieren.
    Was die Medien daraus machen ...furchtbar. Das hat für mich nichts mehr mit Informationspflicht zu tun.
    Ich brauche keine Fotos von Trauernden, Opfern, Tätern. Und schon gar nicht brauche ich Schlagzeilen, die Stunden später geändert werden müssen, weil sie den Tatsachen nicht entsprechend.

    Danke für Deinen Text.

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    1. Vielen Dank auch für Deine bewegenden Worte...! Genau das meinte ich, als ich sagte in einer Art seien wir doch irgendwie alle betroffen... Und was die Medien angeht kann ich auch Dir nur zustimmen. Da sind Bilder von abgerissenen Beinen zu sehen... ich hab gedacht ich hör nicht richtig, als mein Mann mir das sagte. Es hätte sich mir fast der Magen umgedreht! Geht´s noch sensationslüsterner und respektloser den Opfern UND Angehörigen gegenüber...?!

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  5. All eure Worte und Gedanken teile ich mit Herzen zu 100% , die Katastrophe in der Katastrophe , was kommt noch ??!!! Danke, dass du das Geschehen angesprochen hast.

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    1. Ich glaube die Menschen sind irgendwo alle erschüttert - außer natürlich die, die jetzt Geld dran verdienen...! :-(

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