Montag, 2. Juni 2014

Schwarzer Mond und neuer Morgen

Es ist früher Abend, die Sonne noch nicht untergegangen. Blass hängt sie am Himmel, von Wolken bedeckt. Bald schon werden sie ihre Fracht entlassen, erfrischende Tropfen treffen auf hellen, trockenen Stein.
Drinnen ist es plötzlich still geworden. Ruhe im Kopf, Ruhe im Haus. Kein Hauch von Geschäftigkeit. Der Moment ist richtig, alles fließt. Ein Streichholz flackert auf, entzündet Dochte. Kerzen verströmen ihr eigenes, warmes und beruhigendes Aroma. Kräuter brennen, Wachs schmilzt, Blüten und Hölzer verglimmen knisternd.
Ein Griff in die unterste Schublade der alten Kommode, die Kerze ist gefunden. Es ist eine von den grünen mit einem lila-farbenen Kleeblatt und dem keltischen Muster darauf. Für eine gute Reise waren die bestimmt und dafür wurden sie aufgehoben. Die Seelenfreundin hatte weise gewählt. Klirrend hüpft erst ein Kristall, dann das Kiefernharz in ein Glas, die Kerze gesellt sich hinzu. Die große Mutter weiß worum es geht. Im Sinn sind auf einmal die vielen winzigen Muscheln, aufbewahrt im Bad. Auch sie springen eine nach dem anderen in das Gefäß, die Kraft wächst. Sie sind das Opfer und der Dank, die Bitte und das Geschenk. Worte an die  Göttin werden gesprochen, Blicke getauscht. Blutrote Erdbeeren stehen für sie bereit mit einem Büschel von sattgrüner Kresse, keine Blumen heute. Scharfe und süße Geschenke des Frühlings. In einem Schälchen auf dem Altar. Wieder zischt ein Docht, die Flamme wandert weiter. Bastet wünscht sich eine Zimtrinde. Sie bekommt wonach sie ruft.
Eine der kleinen Muscheln, dunkel ist sie, findet ihren Platz neben dem Familienlicht für dieses Jahr.
Die Kerze für eine kurze Reise, aber einen langen Weg geht nun raus. Wandert in einen leeren Topf vor dem Fenster. Die Regentropfen erreichen ihn nicht. Bis in die Nacht hinein tut sie ihr Werk.
Am nächsten Tag wird die Familienzusammenführung glücklich verlaufen. Mit dem Auto geht es gut voran, der Flieger landet pünktlich. Das Baby kann gesund und munter in die Arme geschlossen werden. Zurück daheim wird es abermals freundlich begrüßt werden und sich schnell einleben. Die Bande sind geknüpft. Erde, Wasser, Feuer und Luft halten sie zusammen, haben Brücken geschlagen und unsichtbare Schilde errichtet. Hail Hekate )o(
 
 
Tags darauf brauchen die Pflanzen wieder ihr Wasser. Ein  Sturm hatte die Decke vom Tisch auf dem Balkon geweht. Das Rütteln scheucht sie auf, die Wespen. Wieder haben sie ihren Weg  gefunden. Mal sitzen sie unter dem Dach der Küche, ein anderes Mal bauen sie ihr Nest in den Dachritzen beim Schlafzimmer. Dieses Jahr haben sie ihr kugelförmiges Heim unter den Waben des Tisches vor dem Wohnzimmer gebaut. Sogar in der Erde vor dem Bürogebäude haben sie sich schon niedergelassen. Was sagen sie? Warum kommen sie immer wieder? Kehren zurück, obwohl Ihresgleichen bereits sein Leben lassen mußte?
Eine Botschaf haben sie, wollen in Erinnerung rufen, was nicht in Vergessenheit geraten darf. Mahnen mit ihrem giftigen Stachel vor den Stichen, die nicht mehr zugefügt werden sollen. Vor Schmerz, vor unbedachtem Handeln, vor zu schnellen Bewegungen. Wofür fürchtet man sie? Wegen der Aggressivität, der Unberechenbarkeit. Unsichtbar, allgegenwärtig, schnell und leise... Eine Schwester weiß Rat. Gut vernetzt hat sie ihr Wissen weitergegeben. Gehen müssen sie dennoch. Die Nachricht ist angekommen, Zeit weiter zu ziehen. Einige geben erneut ihr Leben. Furchtlos, beobachtend, achtsam. Wild und ohne zu zögern. Die Bande sind ja geknüpft. Ein Nicken noch... verstanden.
 
 


Kommentare:

  1. Ich habe beim Nachforschen damals, wieso mir überall Hornissen folgen und sich in meine Haare setzen, auch was über Wespen gefunden.
    Da hieß es, sie rufen auch zu Selbstbewusstsein und -behauptung auf, für das Verfolgen seiner Träume einzustehen und beharrlich zu sein.
    Beharrlich sind ja schonmal sie selber, wenn sie jedes Jahr wiederkommen. :)
    Sie mahnen nicht nur vor Stichen - sie erinnern Dich auch an Deinen eigenen Stachel, den Du einsetzen kannst. Wenn Dir wer ans Leder will, kannst Du Dich verteidigen.

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    1. Das klingt zwar verschieden von dem, was in dem Buch über Tierboten von Andrea Kämper steht, ist jedoch in meiner Situation fast das Gleiche. Also es führt auf dasselbe hinaus. Ich hatte das schon richtig verstanden und jetzt paßt noch ein Puzzlestückchen mehr darein. Danke ;-*

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  2. So was finde ich immer spannend. Bei mir sind es meist Pflanzen die sich nicht aus dem Garten vertreiben lassen. Immer wieder steche ich mich an einer neuen Brombeerranke beim Entkrauten meines Heilpflanzenbeetes.
    Liebe Grüße von Alruna

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    1. Das klingt wirklich auch mega interessant. Ich vermute mal sie bringen genauso Botschaften wie andere halt aus dem Tierreich. Hast Du schon mal nachgeforscht?
      Eine schöne Woche noch für Dich und Alles Liebe!

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    2. Ja, ich soll wohl auch mal mehr meine Stacheln aufstellen :-)

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  3. Die Kerze hätte echt nicht schöner eingesetzt werden können. <3

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