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Dienstag, 27. Oktober 2020

Die Sache mit dem Bewußtsein

Ich hatte bereits in meinem letzten Beitrag erwähnt, für wie wichtig ich dieses Thema grundsätzlich halte. Und zwar in jeglicher nur vorstellbaren Hinsicht. Sich bewusst zu sein was man tut, was man unterlässt, wie man isst, denkt, fühlt, konsumiert. Woher Vorlieben und Abneigungen stammen, woraus die eigenen Glaubenssätze und Verhaltensmuster resultieren, ist der Schlüssel zu so gut wie jeder Lebenslage. Angefangen bei den essentiellen Überzeugungen, bis hin zu den sehr persönlichen Belangen, wie beispielsweise der Art unsere Freundschaften und andere Beziehungen zu führen bzw. pflegen.

Das Problem mit dem bewusst-sein heut zu Tage ist, dass wir leider zu häufig im Autopiloten-Modus durch unser Leben hetzen. Wann hast Du das letzte Mal ganz bewusst Deinen Arbeitsweg wahrgenommen? Dich wirklich umgesehen, meine ich. Wann hast Du zuletzt Dein Frühstück richtig geschmeckt? Seine Textur, den Duft, die Temperatur... Klar, vieles blenden wir wie von selbst aus, weil wir sonst regelrecht wahnsinnig werden würden. Angesichts der Reizüberflutung durch die Medien, vom Geräuschpegel des Verkehrs. Der Hintergrundbeschallung, weil es überall dudelt und piepst und rattert und plappert. Hat also auch was mit Selbstschutz zu tun. Aber eben auch nur, wenn Du ganz bewusst die Ohren zusperrst, Scheuklappen aufsetzt und Dich in Deinen Tunnel begibst.

Ich selber schaue seit über zwanzig Jahren keine Nachrichten und lese auch nicht die Tageszeitung. Das hat etwas mit Gedankenhygiene zu tun. Ich mache das, um mein Herz, meine Seele und meinen Verstand zu schonen. Es ist mir nämlich ganz ehrlich alles viel zu viel, was in der Welt so passiert.

Aber ehrlich: Das meiste erscheint heute schnöde und selbstverständlich, alltäglich, unspektakulär. Nichts wird mehr wirklich wahrgenommen und in Folge dessen wertgeschätzt. Diesen Eindruck habe ich gewonnen und bestätigt bekommen. Von der Tsunami-mäßigen Welle an Achtsamkeits-Ratgebern, Apps, Meditations-Kursen und Selbstfürsorge-Helfern, die wir inzwischen beinahe alle brauchen. Um auf den Boden der Tatsachen zurück zu kehren, uns selbst zu finden, uns auf das Wesentliche zu besinnen. 

Jeder schreit nach Freiheit und betont gleichzeitig, wie gut es uns in der heutigen Zeit, dieser hoch technisierten, durchaus wohlhabenden Welt, doch allen geht. Freiheit fängt aber mit einem selbstbestimmten Leben im Kleinen bereits an. Selbstbestimmtes Handeln und die Freiheit, seinen Alltag nach den eigenen, sehr individuellen Bedürfnissen ausrichten zu können. Das ist die Wurzel der Zufriedenheit. Lasst uns erstmal dahin finden, bevor wir nach den Sternen greifen.

Wie oft hast Du das Gefühl, nur noch auf Anforderungen zu reagieren, die von Außen an Dich heran getragen werden? Wann agierst Du jemals aus Dir selbst heraus? Indem Du einem Impuls folgst, einer spontanen Eingebung nachgibst. Vermutlich hast Du "keine Zeit", um kurz entschlossen den Tag im Bett zu verbringen, spazieren zu gehen oder Dir aufwändig einen frischen Eintopf zu kochen.

Ich verstehe das, mir geht es selber häufig nicht anders. Strukturen und feste Regeln finde ich auch an sich sehr wichtig. Sie sind durchaus sinnvoll.  Sie geben Halt und vermitteln ein Gefühl von Sicherheit. Arbeitszeiten, Pausen, Sport, Verabredungen, Termine nach Kalender. Hat alles seine Daseinsberechtigung. Ordnung muss sein. Ehrlicherweise bin ich sogar ein extrem organisierter, aufgeräumter Typ. Ohne geregelten Tagesablauf wäre ich echt aufgeschmissen. Grundsätzlich bin ich also ein Fan von Planmäßigkeit.

Worauf es ankommt - der kleine aber gravierende Unterschied, ist ob Du frei entscheiden kannst, aus Deinem Korsett auch mal auszubrechen (oder ob Du nur denkst, Du könntest es nicht?). Ob Dir überhaupt klar ist, dass Du in einem steckst. Da darf ich persönlich mich wahnsinnig glücklich schätzen: Mir ist das so möglich, wie es in einem festen Arbeitsverhältnis nur geht. Ich sitze jetzt bald schon seit zwei Jahren im Homeoffice und kann mir sogar meine Zeit so einteilen, wie es für mich am besten passt. Dass ich am liebsten jeden Tag um 7.00 Uhr anfange und um 16.00 Uhr Feierabend mache, habe ich mir selbst ausgesucht. Wie viel mehr an Lebensqualität ich dadurch gewonnen habe, kann ich kaum beschreiben. Meine Firma und mein Chef sind da also sehr modern und Mitarbeiter-freundlich eingestellt. Das ist ein echtes Geschenk. Ich weiß, dass so ein Arbeitsmodell leider nicht überall möglich ist oder dem gängigen Standard entspricht. Deshalb bin ich wirklich dankbar und weiß die Bedingungen umso mehr zu schätzen. Seit dem genieße ich den Luxus einer echten Work-Life-Balance.

Berufstätigkeit ist aber auch lang nicht der einzige Punkt auf der Agenda. Viel Zeit im Job zu verbringen und für den eigenen Erfolg zu arbeiten, fleißig zu sein, das ist doch prima. Wenn es uns wichtig ist. Wenn wir das machen, weil wir es möchten. Wenn es unseren Zielen und Vorstellungen von einem erstrebenswerten Leben entspricht. 

Hast Du eigentlich Ziele? Weißt Du, was Dir wirklich wichtig ist? Hast Du jemals definiert, wofür Du das alles machst? Das Bewusstsein über diese drei Punkte, wird nämlich Deine Entscheidungen und somit Dein Verhalten, nachhaltig verändern. Weil Du dann nicht mehr die Erwartungen von irgend jemand anderem stumpf erfüllen wirst. Sondern anfängst zu überlegen ob die überhaupt mit Deinen eigenen übereinstimmen.

Die meisten Menschen sind insgesamt so dermaßen gefangen. Wir haben uns teils selbst eingesponnen und regelrecht verheddert. In einem Kokon aus Verpflichtungen, Zusagen, ehrenamtlichen Tätigkeiten, Familienwahnsinn, Hausarbeit und auch Freizeitstress. Häufig merken wir das erst, wenn wir bereits kurz vom Zusammenbruch stehen. Oder bereits zusammengebrochen sind. Den größten Teil von alle dem machen jedoch die eigenen Erwartungen aus. In der Regel ist uns das nicht klar. 

Alles muss immer unbedingt. (Wer sagt das? Was passiert sonst? Stirbt jemand?) Lockerlassen ist unmöglich, weil ungewohnt. Dafür wäre es nötig, die Komfortzone zu verlassen und das macht Angst. Was die anderen wohl denken könnten, wann soll ich das statt dessen erledigen, das macht man doch nicht, andere schaffen das doch auch... Wir Menschen sind sehr kreativ darin, Ausreden oder Begründungen für unsere eigene Unfähigkeit zur freien Lebensgestaltung zu (er-)finden.

Und schon sitzen wir drin in der Falle, wo wir etwas nicht mehr bewusst oder aus freien Stücken heraus tuen. Sondern weil wir es so gewohnt sind, weil es von uns erwartet wird, weil wir es so vorgelebt bekommen. Wir denken gar nicht mehr darüber nach, sondern machen automatisch. Das ist nicht immer schlecht, wie gesagt. Aber viel öfter mal innehalten und kurz überlegen oder zumindest klar machen, WARUM wir das JETZT so oder so machen, könnte allein schon viel verändern. Weil wir dann nämlich in die Entscheidungsfreiheit kommen, die wir ansonsten gar nicht sehen.

Wenn ich mich bewusst entschließe, heute mein Bad zu putzen, weil es mir nicht mehr sauber genug ist und ich mich ansonsten unwohl fühle. Dann ist das eine ganz andere Ausgangssituation - deutlich  besser und befriedigender, als es nur zu erledigen, weil es auf meiner To-do-Liste steht. Diese Erfahrung habe ich gemacht. Dann habe ICH nämlich diese Entscheidung getroffen. Und plötzlich ergibt die Schrubberei wirklich Sinn. Ich fühle mich nicht mehr so gezwungen. Ich könnte es nämlich auch bleiben lassen. Nur dann muss ich eben mit dem Staub und den Kalkflecken und den nicht mehr frischen Handtüchern leben.

Natürlich hat es viele Jahre gedauert, dies überhaupt zu begreifen und dann auch noch für die Zukunft zu verinnerlichen. Das brauchte körperliche und seelische Erkrankungen, Therapien, viel Übung und vor allem die Bereitschaft, mich zu verändern. Meine Gewohnheiten. Auch mal Nein zu sagen. Was deutlich schwieriger ist als ein braves Ja, aber lohnenswert. Als ich einmal gelernt hatte mich in einem Bereich zu hinterfragen, fiel mir mein Verhalten, die Fixierung auf das Muss, auch in anderen Belangen auf. Mir wurde mein Pflichtbewusstsein und der Hang zum Perfektionismus klar. Disziplin halte ich nichts desto trotz immer noch für eine gute Eigenschaft. Ich bin ordentlich und zuverlässig und erledige meine Pflichten. Aber zum Teil aus anderen Beweggründen als früher.

Und wenn ich mich wieder dabei ertappe, wie ich dies und jenes unbedingt noch muss, dann sage ich mir: "Ich kann machen was ich will". Denn so ist es. Dann grinse ich diebisch und mir wird sofort leichter ums Herz.

Ein weiterer Punkt auf der Bewusstseins-Agenda ist die klare Unterscheidung zwischen Wissen und Tun. Im Idealfall führe ich mir meine Überzeugung vor Augen, die ich mir unter Berücksichtigung aller Fakten gebildet habe - und lasse dann meinen Worten Taten folgen. In einigen Lebensbereichen jedoch kann das ganz schön tricky sein und vor eine echte Herausforderung stellen. Ein gutes Beispiel hierfür ist in meinem Fall die Sache mit der Ernährung. Ich habe in den letzten Jahren viel darüber gelernt und aus verschiedensten Beweggründen angepasst bzw. umgesetzt. Teils, weil ich (sehr bewusst und gewollt) auf meine schlanke Linie achte und andererseits, weil ich 2012 die Diagnose Morbus Crohn gestellt kam. Das hat einiges mit sich gebracht. Beides sind Themen, auf die ich gern zu gegebener Zeit noch näher eingehen möchte. 

Eine Sache, der ich aus meiner Sicht bisher noch nicht ausreichend gerecht werde, ist die fleischfreie Ernährung. Jeder, der vegan oder vegetarisch lebt, hat meines Erachtens nach vollkommen Recht mit seiner Entscheidung. Dennoch reichte es für mich selbst bislang nicht, dieses Vorhaben in die Tat umzusetzen. Ich habe 1000 Ausreden. Die Sache ist die - ich weiß, dass es Einwände sind. Welche, die zwar den Tatsachen entsprechen, aber eigentlich meine Schwäche in diesem Punkt demonstrieren. Auch auf dieses Thema möchte ich später noch in einem eigenen Artikel separat eingehen. Worauf ich hier nur hinaus will: Ich weiß genug, um mir eine objektive Meinung gebildet haben zu können, die meinen moralischen Werten und Vorstellungen von der perfekten Welt entsprechen würde. Das ist wichtig. Mir ist bewusst, dass ich nicht wirklich eine überzeugte Verfechterin des Fleischessens, der Massentierhaltung und all der Grausamkeiten bin. Ich esse nicht deshalb noch tierische Erzeugnisse, weil ich keine Ahnung habe. Ob es das jetzt besser oder schlimmer macht, sei mal dahin gestellt.

Wir Menschen sollten zumindest wissen was wir, durch unser Tun oder auch durch unser Unterlassen, in Kauf nehmen. Was wir unterstützen oder auch nicht und vor allem, aus welchen Gründen. Natürlich ist jede Gewissensfrage dann am härtesten, wenn wir genau informiert sind. Deswegen: Entscheide Dich dafür, entweder alle Tatsachen in ausreichendem Umfang zu kennen. Alternativ triff die bewusste Entscheidung, es aus mindestens einem tief reichenden, persönlichen Grund nicht zu wollen oder können. Aber renne nicht blind durch Dein Leben, den Supermarkt, die Werbeprospekte, zur nächsten Wahl. Entscheide wofür Du einstehen willst und in welchen Bereichen Du das lieber anderen überlassen möchtest. Keiner von uns kann allein die ganze Welt retten. Also suche Dir einen Teilbereich aus, den Du beeinflussen kannst und für den Du die nötige Energie aufzubringen vermagst. Wenn jeder etwas macht, dann sind wir schon einen großen Schritt weiter.

Es gibt genug zu tun da draußen: Wir haben die freie Auswahl zwischen Tierschutz, Nachhaltigkeit, Politik usw. Um mal nur einige prägnante Schlagworte ins Rennen zu schicken. Jeder von uns kann im Großen oder Kleinen etwas bewegen. Je nachdem, welche Möglichkeiten wir haben, welche Plattform wir bespielen, wo unsere persönlichen Fähigkeiten und Prioritäten liegen. Und es gibt ebenso viel zu tun für uns selber. Die oberste und gravierendste Verantwortung tragen wir nämlich zu aller erst für uns allein. Ganz egal jedoch, ob Du etwas für Dich oder die ganze Welt bewegen möchtest: Lasse alles in Deinem eigenen Tempo geschehen. Sonst ist Dein Vorhaben von vorn herein zum Scheitern verurteilt. Jeder Schritt ist besser als nichts. Es spielt keine Rolle, ob es dabei ums Mülltrennen, die Vermeidung von Plastik, Sport oder ein Ehrenamt in Deinem Bürgerverein geht. Einmal pro Woche ist immer ein guter Anfang. 

Lerne zunächst Dich selbst kennen. Schätze ein, was für Dich realistisch und machbar ist. Dann setze um. Und mache Dir klar: Ob Du etwas tust oder unterlässt, in jedem Fall musst Du mit den Konsequenzen leben. Entscheiden kannst Du in erster Linie ohnehin nur für Dich. Du kannst Dich ändern und das wird Reaktionen um Dich herum auslösen. Wirfst Du einen kleinen Kieselstein auf die ruhige Oberfläche eines Sees, wirst Du beobachten, welche Kreise das Wasser zieht. 

Erkenne und gestehe Dir aufrichtig ein, wie Du bist. Was Du bist. Wer Du bist. Was sich nicht unbedingt decken wird damit, wer, was oder wie Du gerne lieber wärest. Darauf kannst Du als nächstes hin arbeiten, wenn Du es willst. Bist Du eine Partylöwin? Oder ein Arbeitstier? Und wieso oder? Können wir nicht alles sein, was wir möchten? Vielleicht nicht. Evtl. sind es Eigenschaften, die Du an anderen zutiefst bewunderst, die allerdings Deinem eigenen Wesen überhaupt nicht entsprechen. Dann ändere entweder Dich selbst oder akzeptiere, dass Du so nicht bist. Klingt sehr einfach. Ich weiß selber, dass es häufig so leicht nicht ist. 

Wisse daher: Die Macht einer klaren Entscheidung ist eine große Kraft. Sie wird viel Energie freisetzen, die Dich auf nie erahnte Weise darin unterstützen wird, das gefasste Ziel zu erreichen. Hand aufs Herz und das Licht nicht länger unter den Scheffel gestellt: Wir alle haben schon oft im Leben Dinge erreicht, an die wir nicht im Traum gedacht hätten. Wir haben es einfach durchgezogen. Weil wir wollten, weil wir mussten, weil wir anders nicht mehr konnten, weil wir keine andere Wahl mehr hatten. Und diese Stärke können wir immer wieder mobilisieren. Es hängt davon ab, ob die Motivation ausreicht. 

Selbstverständlich kann ich hier immer nur von meiner eigenen Weltsicht berichten. Von meinen Erfahrungen, meiner Meinung. Es gibt Dinge, die bringen Dich schier um den Verstand und Du stehst davor, wie vor dem Auge eines Sturms. Und Du hast keinen blassen Schimmer, wie Du dieses Erlebnis überstehen sollst. Ich weiß das. Ich kenne die Schicksalsschläge und die Weggabelungen und die Kraftlosigkeit. Ich habe auch schon ins Nichts geblickt, über den Rand des Abgrunds hinaus. Und vermutlich werde ich es wieder müssen. Man sieht dann einfach nicht mehr klar, kann nicht objektiv denken. Angst lähmt und Verzweiflung legt sich über jede Empfindung, wie ein Leichentuch. Vor allem, wenn es um die eigene Existenz geht oder wenn es um jemanden geht, den Du liebst.

Meist sind wir allerdings gerade im Angesicht der größten Katastrophe in der Lage zu überstehen, was wir für nicht zu überleben hielten. Von dem wir glaubten, es sei einfach nicht auszuhalten. Du wirst wissen wovon ich rede. Denn so traurig es auch sein mag, es ist wahr. Wir alle haben solche Situationen erlebt. Und der Grund, warum Du dies hier trotzdem noch lesen kannst ist der, dass Du es gemeistert hast. Inzwischen hilft mir daher häufig der Gedanke, egal wie erschreckend die Lage auch sein mag, dass ich auch anderes schon durchgestanden habe. Dass auch dies zu schaffen ist. Natürlich lässt man Federn, jedes verfluchte Mal. Aber irgendwo passiert auch ein Update in Deinem Inneren. 

Mein Rat lautet daher stets: Wenn Du es mit Entscheidern oder potenziellen Helfern zu tun hast - sei authentisch. Nur sprechenden Menschen kann geholfen werden, hat meine Schwiegermutter immer gesagt. Zeige, wer Du wirklich bist. Lasse die Welt Deinen Schmerz sehen. Wieviel davon und wen, das entscheidest Du. Aber Menschen merken, wenn Du Dich verstellst. Ganz intuitiv. Umso mehr Lebenserfahrung sie haben, desto eher durchschauen sie, wenn Du nicht wirklich alles preisgibst. Wir lieben Schwächen. Fühlen uns angezogen von verwandten Seelen, die sich blank machen und alles freilegen, was an die eigenen Niederlagen erinnert. An das eigene Scheitern. Das macht uns zu Menschen. So entsteht Nähe. Indem wir uns öffnen und jemandem bewusst gestatten, sich anzulehnen. Emotional anzudocken. Auf diese Art finden wir Verbündete. In jedem Kampf. Sei ehrlich. Dir selbst fällt es leichter, Dich mit jemandem zu identifizieren, der nicht perfekt ist. Genauso wenig, wie Du selbst.

Und nein, ich halte mich nicht etwa für überlegen, weil ich solche geistigen Ergüsse hier raus haue. Ich schaue Fernsehen und mache ganz profane Dinge, wie wir alle. Ich liebe es, mich berieseln und gut unterhalten zu lassen. Für mein Empfinden, gut. Über Geschmack lässt sich ja bekanntlich streiten. Ich lasse die Glotze eben nicht laufen, egal wie stumpf die Ausstrahlung ist. Für mein Empfinden, stumpf. Big Brother und Dschungelcamp werdet Ihr bei mir jedenfalls nicht sehen. Geht gar nicht. Sollte alles meiner Meinung nach wegen Volksverdummung verboten werden. Sorry, falls Ihr Fans sein solltet. Ich entscheide mich halt auch hier ganz bewusst. Ich sage immer gern, dass ich ohne meine Leichen nicht einschlafen kann und das meine ich nicht ganz so scherzhaft, wie man meinen könnte. Wenn es bei Bones, CSI, Criminal Minds & Co. hoch her geht, werde ich ruhig. Spannung ist mein Beruhigungsmittel. Im Gegensatz machen Nachrichtensendungen und Unterhaltungsshows mich verrückt. Dabei kann ich nicht abschalten oder besser gesagt, wühlt mich sowas auf. 

An einem gemütlichen Abend schaue ich Horror-Filme oder führe mir den Familienauftrag der Winchesters zu Gemüte - was für ein Klischee, oder? Ich stehe auf American Horrorstory (so schön krank) und all der Tod in The Walking Dead hat mich seinerzeit irgendwie mehr zurück ins Leben geholt, als ich ziemlich am Boden war. Aber ich bin auch Sex and The City. Ich bin der Desperate-Housewifes-Typ und ich liebe die alten Serien wie Friends oder Gilmore Girls. Je nachdem, wie ich gerade drauf bin. Auch das alles gehört für mich zum Menschsein dazu. Zum Leben, zum Genießen. Ich bin mir einfach im Klaren darüber, dass ich so ticke. Und deshalb finde ich das vollkommen okay. Klatschblätter hingegen sind mir ein Graus. Es interessiert mich nicht, was sie alle in ihrem Privatleben treiben. Ich habe ein eigenes.

Worauf ich hinaus will: Wir alle haben eine bunte Fülle an Facetten und die sollten wir uns auch gestatten. Nehmt so viele Erfahrungen mit, so viel Freude, Lachen, Gruseln, Party, Genuss und Leben, wie Ihr nur könnt. Wir sollten uns bewusst für Vielschichtigkeit entscheiden. Musst Du immer Ernst sein, nur weil Du Mama bist und die Verantwortung trägst? Die Antwort lautet meines Erachtens nach - nein! Du kannst sein wer, wie und was Du willst. Die Entscheidung treffen wir jeden Tag neu. Das sollten wir uns vor Augen führen. 

Mein Wording, wenn ich hier schreibe beispielsweise, unterscheidet sich teilweise extrem von der Art und Weise, wie ich in meinem Privatleben auftrete. Am Fußballplatz oder auf einer Party oder im Job. Ich fülle jede dieser Rollen aus und ich genieße es. Wer sagt, dass ich nur die emsige Assistentin oder die bewusste Spirituelle oder das verrückte Huhn sein muss? Ich bin alle von ihnen und das ist gut so. 

Mein Segen (oder mein Fluch ;-) ist das Geschichtenerzählen. Ich werde immer mal, seit frühester Kindheit, darauf angesprochen. Dass ich wie ein ganz anderer Mensch erscheine, wenn ich schreibe. Ja, ich drücke mich dann anders aus. Ist doch klar, oder? Wenn ich mein Blog in Umgangssprache verfassen würde, klänge es vermutlich etwas seltsam. Und wenn ich ständig bei den Leuten im Dorf so tief schürfend herum schwafeln würde wie jetzt, das wäre doch auch ein wenig komisch. Dennoch bin ich dieselbe Person. Aber ich bin mehr, als meine äußere Erscheinung. Mehr als lackierte Fingernägel, witzige Sprüche und Organisationstalent. 

Was das Reden und das Schreiben anbelangt - ich kann mich irgendwie einfach nicht kurzfassen. Liegt vermutlich in meinen weiblichen Genen, denn ich beobachte dasselbe Phänomen häufiger in meinem Freundinnenkreis. Aber hey, die gute Nachricht ist: Im Marketing beispielsweise ist Storytelling, gekonnt und emotionsgeladen, eine durchaus positive Sache. 

Also mache ich das Beste daraus. Ich versuche es zumindest, was meine positiven Eigenschaften betrifft. So, wie ich sie gerade nutzen kann. Das Beste können wir ohnehin immer nur aus dem JETZT heraus holen. Wir haben quasi auch nur das. Deshalb sage ich: Kauf die zu teuren Schuhe. Iss das Stück Kuchen. Wenn Du es wirklich, wirklich willst. Ja, ich weiß. Diese Einstellung macht mich vermutlich auch zu einer Drama-Queen. Sieht so aus, als würde ich allem eine Bedeutung zumessen. Eine versteckte oder eine ganz eindeutige. Was soll´s - das stimmt!

Und da sind wir wieder beim Bewusstsein angelangt. Ich versuche immer wach zu sein. Jedenfalls dann, wenn es Sinn macht. Mitten in der Nacht wäre es mir lieber, diese Eigenschaft noch besser abstellen zu können. Aber so grundsätzlich, bin ich mir gern der Tragweite alles möglichen bewusst. 

Nehmen wir den Herbst. Diese Zeit bedeutet für mich: Lichterketten, Kerzen, Rotwein, Kürbissuppe, klare Luft und Halloween-Deko. Andersherum aber auch: Ahnengedenken, Unterweltzeit, Hekate, Abrechnung und Ernte, die Ankündigung der wilden Jagd. Im Angesicht des Verfalls findet sich eine große Schönheit. Fast atemberaubender als die Fülle des Sommers, scheint es mir manchmal. Ich versuche dann darin einen übertragenen Sinn für das Leben zu finden. Immerhin bin ich mit meinen 40 Jahren nicht mehr allzu weit vom Herbst des Lebens entfernt. Kann dieser langsame Abschied von straffer, praller Haut schön sein? Findet sich eine Anmut im Vergehen meiner äußerlichen Jugend? Auf die Vorzüge der Gelassenheit und geistigen Reife, die mit dem zunehmenden Alter Einzug halten, bin ich längst aufmerksam geworden.

Sogar meine Katze liebt dieselben Dinge wie ich und ich bemerke das durchaus: Sie liebt den Duft von getrockneten Kräutern, sie beobachtet gern das Spiel der im Wind tanzenden, bunten Blätter vor dem Fenster. Sie liebt Blumen. Bücher, Papier und Gemütlichkeit. Snowhy genießt die Wärme der von unserer Fußbodenheizung aufgeladenen Fliesen, wenn ihr erst die Hitze  vom Sonnenschein geküsster Terrassenplatten gewichen ist. Vermutlich ist sie eine verdammt gute Lehrerin. Denn sie zeigt mir, wie ich jeder Jahreszeit ihre Vorzüge abgewinnen kann. Was ich ohnehin tue, glaube ich. 

Um es mit den Worten von Metallica zu sagen: "Nothing else matters". Heute ist alles, was zählt. Und zwar nicht nur in Bezug auf die Jahreszeiten oder das Älterwerden. Sondern grundsätzlich. In der Spiritualität bedeutet dies für mich, dass ich nicht nur die Asche anbeten, sondern auch die Flamme am Leben halten möchte. Durch den Wandel der Zeiten. Auf meinem eigenen Weg. Ich liebe Traditionen und alte Bräuche. Aber alles verändert nun einmal sein Gesicht. Aus Dörfern wurden Städte und aus Kindern werden Erwachsene. Heute reden wir über die großen Themen des Daseins nicht mehr nur noch hinter vorgehaltener Hand. Wir bloggen und wir twittern, wir sprechen offen. Wir erheben unsere Stimme.  Denn das bedeutet es, lebendig zu sein. Veränderung, Wachstum, Fortschritt. 

Ich bin die Hexe. Ich bin die Liebende. Ich bin das wilde Weib. Die Mutter, die Jungfrau, die Schöne, die Lustige. Die Berufstätige, die Freundin. Diese Liste lässt sich beliebig fortführen und ergänzen. Für alles was ich bin, für jede Rolle, die ich spiele, habe ich mich bewusst entschieden. Manchmal früher, manchmal später. In vieles musste ich erst hinein wachsen. Ich musste lernen zu verstehen, wer ich bin. Was ich kann. Was ich nicht kann. Was ich will und was ich nicht will. Und was ich vielleicht dennoch tue. 

Lerne, die Dinge im übertragenen Sinne zu verstehen. Das hat mir stets sehr geholfen. Nicht erst, seit mir als Mädchen von meinem Vater das Kartenlegen beigebracht wurde. Ich habe es weiter entwickelt. Meine Techniken sind noch anders als seine. Lerne die Dinge zu deuten, besser gesagt. Lies die Zeichen. Lies zwischen den Zeilen. Die Bildersprache ist eine universelle. Genau wie die von Tönen, Düften, Geschmäckern, Farben und Gefühlen. Alles hat einen Symbolgehalt. Entwirre die Fäden Deines Lebens. Sieh das ganze Netz, aus dem es besteht. Fahre mit den Fingern an den Saiten entlang, deren Schwingung Dich mit allem und jedem verbinden. Ein altes Symbol versteht jeder.





Samstag, 3. Oktober 2020

Warum "Hexe"...?

 


"Ich habe mich nicht entschieden, eine Hexe zu sein. Ich erinnerte mich, dass ich bereits eine war..." Das ist die kurze Antwort. Aber sein wir ehrlich, dazu muss ich schon etwas weiter ausholen (und es wird vermutlich SEHR lange dauern). Das Buch, aus dem ich dieses Zitat abfotografiert habe, ist übrigens eine sternenklare Lese-Empfehlung! Ich hätte etliche Bücher-Tipps für Euch. Aber kommt Zeit kommt Rat. Dies hier fürs Erste. Es sprach mir wirklich aus der Seele, als ich es vor drei Jahren las.

Und dieser Beitrag hier wollte eigentlich auch mal ein Buch werden, wenn er groß ist. Entsprechend ist er laaaang. Plant etwas Zeit ein, wenn Ihr das hier jetzt wirklich lesen wollt. Holt Euch einen Kaffee oder macht eine Flasche Wein auf, meinetwegen brüht Euch Tee, lockert Eure Muskeln, setzt Euch bequem und dann... Seid willkommen in meiner Welt!

Lasst mich Euer weißes Kaninchen sein und spielt für eine Weile die Alice. Ich entführe Euch auf einen Abstecher in mein persönliches Wunderland. (Komm mit mir ins Abenteuerland - der Eintritt kostet den Verstand... ;-)

Zurück zum Kern der Frage. Ich hatte schon länger den Gedanken, dass ich meine Beweggründe einmal ausformulieren sollte - nicht nur dafür, warum ich so bin, wie ich bin - sondern vor allem auch, weshalb ich mich genauso nenne. Gerne und stolz. Voll inbrünstiger Liebe (zum Leben, zu meiner Göttin) und in wahrhaftem Vertrauen. 

In der Tat war es so, dass ich nicht erst als Teenie auf den Zug mit aufgesprungen bin, als das Thema Hexen, durch Filme und Serien wie "Der Hexenzirkel" oder "Charmed", zu einem regelrechten Hype wurde. Im Gegenteil war das einfach ein Echo von dem, was ich tief in mir fühlte. Wobei man selbstverständlich dazu sagen muss, dass Filme etc. versuchen etwas zu verbildlichen, das eigentlich  naturgemäß keine materielle Form hat. Geister, als reißerisches Beispiel gern hergenommen, waren für mich z. B. spätestens seit dem Freitod meiner Großmutter absolut real.

Zu jener Zeit waren diese Strömungen in mir schon vertraut, seit ich denken und sprechen konnte. Lediglich ein zusammenfassendes Wort fehlte mir noch. Für all meine Theorien, Erinnerungen, Behauptungen, Diskussionen. Für die festen Glaubenssätze und ernsthafte Beschäftigung mit dem Okkulten, wie auch den religiösen Ausformungen in dieser Welt. Es sollte nicht lange dauern, bis ich es wiederfand.

Seit Jahrhunderten ist diese Bezeichnung mit Schimpf und Schande belegt. Bis zur Unkenntlichkeit dämonisiert und verunglimpft. Aber ich werde jetzt keine schlauen Reden darüber schwingen, wo das Wort Hexe seine Wurzeln hat und weshalb wir schon sehr lange, anders ausgedrückt, als Zaunreiterinnen benannt werden. Das ist wieder eine Geschichte für sich. Ich werde ihr zu gegebener Zeit einen eigenen Beitrag widmen.

Statt dessen versuche ich heute, mich auf meine persönlichen Ansichten zu beschränken. Wieso ich mich nicht schäme, aber auch nicht wild missionierend mit einem Schild durch die Gegend laufe, eine Hexe zu sein.

Bereits in meiner sehr frühen Kindheit hatte ich unter anderem starke, extrem lebendige Träume. Häufig waren sie beängstigend und endeten nicht gut. Nach dem Aufwachen bekam ich keine Luft oder hatte Nasenbluten, aber ich erinnerte mich jedesmal an die Angst und den Schrecken. An Feuer und an Fluten, in denen ich ertrunken war. Ich erzählte meinen Eltern von Atlantis, von Ägypten und vom Taj Mahal, als ich die Worte noch kaum aussprechen bzw. eher brabbeln konnte - geschweige denn, dass ich jemals in diesem Leben davon hätte gehört haben können. Heute weiß ich, dass ich mich an meine eigenen vergangenen Inkarnationen erinnerte.

Wie viele Male habe ich es erlebt, dass ich kleine Rituale oder einfache Dinge immer intuitiv auf eine bestimmte Art getan habe, um später in einem Buch zu lesen, wo dieser Brauch seinen Ursprung hatte. In der Gegenwart kommt wohl das Wort Deja vu diesen Momenten am nächsten.

Und ja, ich verfügte bereits früh über sehr klare Vorstellungen. Die fühlten sich nie an wie Vermutungen oder "etwas nur zu glauben". Es waren regelrechte Überzeugungen. Ich erinnerte mich. An mehr als nur vergangene Leben. Gespeist von etwas, dessen Quelle aus einer deutlich weiter entfernten Tiefe sprudelte. Tiefer und weiter als meine persönliche Existenz. Wenn es um Himmel und Hölle ging, um Leben und Wiedergeburt, Gott oder Götter. Ich hatte eine Meinung. Eine unumstößliche Erklärung, die ich auch nicht scheute zu vertreten. 

Da fällt mir wieder ein, wie ich mit elf Jahren die Konfirmation verweigerte. Das wäre für mich nicht richtig, erklärte ich. Als meine Omi mich damals zu beschwichtigen versuchte, mit der Aussicht auf Geschenke und finanzielle Zuwendungen lockte, teilte ich empört mit, dass ich meinen Glauben ganz sicher nicht verkaufen würde. Damit hatte sich das Thema erledigt. Mein Vater nannte mich fortan "Heide-Marie". Irgendwie hatte er ja Recht: Ich bin eine Heidin, die nicht "den einen Gott" anerkennt. Ich unterscheide zwischen "dem universellen, ewigen Göttlichen" (welches ich als eine Macht betrachte, die absolut ALLES durchdringt) und den Göttern (diversen Entitäten oder archetypischen Gewalten, die in verschiedenen Kulturen und Zeitaltern unter diversen Namen verehrt werden).

Heutzutage lehne ich die katholische oder christliche Kirche nicht kategorisch ab. Ich bin da nur einfach nicht zuhause. Das bin nicht ich. Abgesehen von dem Wahnsinn der Hexenverfolgung, den "gestohlenen Feiertagen" und der Frauen verachtenden Mentalität, tut die Kirche ja auch viel Gutes. Sie spendet Hoffnung. Die Gebäude aus Holz und Stein haben durchaus ihren Charme. Auch wenn sie sicher nicht notwendig wären, um mit (einem) Gott zu kommunizieren. Das geht immer und überall. 

Ich zünde dennoch in Kirchen sogar Kerzen an. Ich kann einen Geist fühlen. Manchmal. Eine Präsenz, die die Mauern durchtränkt und wispert, dass die Menschen unter ihrer Obhut Trost finden können. Einen Sinn. Aber meine Kirche ist es dennoch nicht. Dieser Gott spricht nicht zu mir. Wenn ich auch gegen Jesus rein gar nichts einzuwenden habe, das möchte ich klar stellen. Ich glaube an ihn. Es hat ihn ganz sicher gegeben. Er war ein großer Schamane, Heiler oder Priester seiner Zeit. Vor ihm habe ich Achtung. Der Gedanke an ihn rührt etwas in mir an. Und nein, für mich ist das kein Widerspruch an sich.

Es gibt dennoch viele Gründe, warum ich keine Christin bin. Wie könnte ich auch? Dieser dreifaltigen Konstellation aus Vater, Sohn und heiligem Geist fehlt schlicht die weibliche Identifikationsfigur. Die dreifache Göttin war gemeinhin bekannt und verehrt, bis sie von den alten Männern mit ihren langen Rauschebärten und Keuschheitsgelübden in die Verbannung geschickt wurde. Ihre Geschichten wurden adaptiert, mit neuen Namen etikettiert und genauso verlief es mit den uralten Jahreskreisfesten. Aber gut, wieder eine andere Baustelle.

Ich bezeichne meine Spiritualität in diesem Zusammenhang häufig als gynozentrisch. Weil in meinem Glauben die Göttin vorherrscht und im Mittelpunkt steht. Das bedeutet nicht, dass ich alle männlichen Gottheiten ablehne. Ganz im Gegenteil. Wir leben in einer dualen Welt. Wir sind Körper UND Geist. Neben Nacht und Tag, schwarz und weiß, Sommer und Winter, existiert von einfach allem ein Gegenpol. Eine Ergänzung. Ein Gegenteil. Die andere Seite der Medaille. Ohne das eine könnte es das andere nicht geben. Wenn wir das Böse nicht kannten, wüssten wir gar nicht was gut ist. Ohne erfahrenes Leid gäbe es kein Freude. Bzw. wären wir nicht in der Lage, sie zu erkennen. Und wüssten sie in der Folge nicht zu schätzen. Das ist Spiegelmagie erster Güte. Es liegt insofern für mich auf der Hand, dass auch das Weibliche nicht ohne das Männliche bestehen kann und umgekehrt. Wir unterscheiden uns von den Männern, nicht nur äußerlich. Und es ist gut so.

Aber als Frau ist es in meinen Augen normal, dass ich mich an gleichgeschlechtlichen Vorbildern und Mustern orientiere. Die gibt es  bloß beispielsweise im Christentum nicht. Dort findet sich lediglich die arme Mutter Maria, die angeblich schwanger wurde, ohne jemals in sündiger Fleischeslust gelegen zu haben. Alles andere wäre nämlich schwer verwerflich. Alternativ sei noch Maria Magdalena erwähnt, die angebliche Hure. Wie soll das mir, einer Erwachsenen Frau des 21. Jahrhunderts, ein starkes Vorbild sein? Die ich jeden Tag im Job meinen Mann stehe und dennoch eine Ehefrau bin.

Jedoch bitte nicht verwechseln: Ich bin es, die bei uns daheim kocht und wäscht und putzt. Obwohl ich einen guten Job habe und Vollzeit arbeite. Ich mag einfach die klassische Rollenverteilung. Ich liebe Traditionen und alte Bräuche. Es fühlt sich gut an für mich. Mein Mann und ich ergänzen uns da prima. Schon früher hatte ich ja bereits erwähnt, dass ich durchaus etwas übrig habe für Klischees. Sie kommen vermutlich nicht ganz von ungefähr.

Egal in welcher Farbe ich meine Haare überfärbe, ein Schimmer Rot kommt immer durch. Meine Augen sind so grün wie Frösche, ich liebe meine Katzen mehr als die meisten Menschen und Steine betrachte ich als zweifelsfrei legitime Helferwesen.

Ich bin jedoch die Kämpferin und die Schutzbedürftige. Meine Geschichte hat mir die Chance eingeräumt, beide Seiten kennen zu lernen. Solange ich mir selber aussuchen kann, was für mich passt und was nicht, ist alles in Ordnung. Wenn ich offen einfordern kann, was ich gerade brauche. Das ist der entscheidende Faktor. Bei allem. Die Wahl zu haben. Das ist wichtig. Das macht mich gleichberechtigt. Niemand hat mich gezwungen; weder mein Mann, noch die Familie oder Gesellschaft im Allgemeinen.

Nun, ich will nicht zu sehr ins Detail gehen oder gar abschweifen. Häufig bezeichne ich mich als Natur-Spirituelle. Wenn ich irgendwo zum ersten Mal in eine Diskussion über Glaubensthemen gerate. Oder wenn ich danach gefragt werde und mein Gegenüber noch nicht so recht einzuschätzen vermag. Mit dem fehlenden Hintergrundwissen halten die Leute einen sonst gern für einen übergeschnappten Hippie und nehmen nicht mehr ernst, was man eigentlich sagen möchte. Außerdem ist das Thema durchaus kompliziert und eher nicht in zwei Sätzen abzuhandeln. Wobei das eigentlich schon okay ist. Von mir aus kann jeder herzlich gerne denken, was er möchte. Eine angenehme Gelassenheit, die das Alter so mit sich bringt.

Jedenfalls ist die Antwort durchaus korrekt und sehr ursprünglich. Immerhin ist es die Natur, mit ihrem Werden und Vergehen, den Jahreszeiten, Mondzyklen, ihrer Ebbe und Flut, an der wir Hexen uns permanent orientieren. Die Parallelen zu jedem Tag und jedem Leben sind für uns unübersehbar. Wie im Großen, so im Kleinen sagen wir. Wie oben so auch unten. Mikrokosmos gleicht Makrokosmos, Ursache ergibt Wirkung usw. usf. Wir Menschen sind selber rhythmische und zyklische Wesen. Körperlich, seelisch, allumfassend. Es gibt keine Frage, die unsere Natur nicht beantworten könnte, indem wir sie genau beobachten und als Beispiel oder zum Vorbild nehmen. So einfach ist das. Wir Hexen erachten sie vielleicht nur nicht als so belanglos, sondern widmen ihren Wundern mehr Aufmerksamkeit. Noch eine ganz einfache Tatsache.

Ich bin eine Natur-Spirituelle, das ist also vollkommen korrekt. Aber das ist noch nicht alles. Ich bin eine Frau! Da haben wir es wieder. Ich trage den Titel Hexe mit Stolz, im Gedenken an Tausende von Frauen, die vor mir da waren. Die dahin gemeuchelt, gefoltert, erniedrigt und verteufelt worden sind. Manchmal weil sie einfach nur jemand los werden wollte, manchmal weil sie   Eigenschaften hatten, die uns einfach im Blut liegen. Nichts verwerfliches. Mit Tieren reden, eine enge Verbindung zu Mutter Natur pflegen, Zeichen beobachten. Über ein feines Gespür verfügen, weibliche Intuition. Vielleicht das instinktive oder überlieferte Wissen, um die heilenden oder auch verheerenden Eigenschaften von Pflanzen. Sie taten im Prinzip Dinge, nach denen heute kein Hahn mehr kräht, könnte man sagen. Aber damals mussten wir dafür brennen.

Ich rede von Verbrechen an der Menschlichkeit. Am weiblichen Teil unserer Bevölkerung. Deshalb trage ich dieses Erbe auch zur Andacht und als Mahnmal. Um der Welt zu zeigen, dass wir überlebt haben. Dass wir ein Recht haben, zu leben, was wir sind. "Und schadet es keinem, so tue was Du willst", heißt es unter anderem in der Hexenrede.

Es sei in dem Zusammenhang übrigens angemerkt, dass ich keine Wicca bin. Aber mein Glaube ist dem sehr ähnlich. Nur weniger dogmatisch. Ich persönlich finde in so gut wie jeder Kultur und Religion dieser Welt einen Funken Wahrheit, der uns allen gemein ist. Einen Ursprung oder Kern, der uns verbindet.

Des weiteren bin ich keine fanatische Anhängerin von Homöopathie und Phytotherapie (auch wenn ich beides sehr schätze und natürlich nutze), die vielleicht Schulmedizin und Wissenschaft verpönen würde. Ich bin auch kein "Öko" in dem Sinne, der den Einsatz von Deodorant verweigert und in nichts als Biolatschen umher läuft. Alles quatsch. Solche Stempel lasse ich mir nicht aufdrücken. Herrje, ich rauche sogar! Ich zelebriere es förmlich, mich zu schminken und mich zurecht zu machen. Ich bin gerne ein Mädchen! Ich trinke und lache laut und tanze und feiere und lebe und liebe. Ich bin die Prinzessin und der Bauarbeiter und das wilde Weib - alles in einem. Ebenso bin ich die Jungfrau, die Mutter und die Weise Alte in einer Person. Aber in meinem Herzen wohnt ein kleiner Hippie, da ist schon was dran. Denn das ist der eine Punkt in unserem Glauben, der uns von den allermeisten Religionen unterscheidet: Unsere Göttin sagt "jeder Akt des Lebens ist eine Feier in meinem Namen". Amen Mutter, so soll es sein. 

Wir sind hier geboren, um zu lernen und uns zu entwickeln. Aber möglichst freudvoll. Es ist nichts ungewollt daran, dass wir uns amüsieren. Werde glücklich und mache aus Deinem Leben etwas Gutes. Für Dich und für die anderen. Das ist wahrer Göttinnen-Dienst. Wir verbringen diese Existenz "im Fleisch" und wir dürfen es genießen. In all seinen Facetten. 

Was Magie und Wissenschaft angeht: Sie sind für mich keine Gegensätze. Sondern lediglich zwei Worte in verschiedenen Sprachen, die eigentlich dasselbe bedeuten. Unterschiedliche Betrachtungs- und Herangehensweisen. Mehr nicht. Die Wissenschaft (da von Menschen gemacht und weiter entwickelt) braucht nun einmal ihre Zeit, um zu forschen, zu entdecken und bestätigen. Heute wissen wir auch, dass die Erde keine Scheibe ist. Aber bis zu dieser Erkenntnis hat es ein Weilchen gedauert. Ihr versteht worauf ich hinaus will. Rituale, Zauberformeln, Divination, Symbole und die Ausübung magischer Praktiken existieren seit Menschengedenken. Sie werden von Menschen ausgeführt, enthalten jedoch einen göttlichen Funken. Wie übrigens alles und jeder beseelt ist, meiner Meinung nach. Da wird der Kreis wieder rund.

Allerdings schätze ich den Zauber, das Mystische und Märchenhafte, welches der Magie, wie auch dem Hexentum, anhaftet. Wenn wir jedes Wunder in seine Einzelteile zerlegen, dann verliert es einfach nur seinen Glanz. Sieh den Sonnenaufgang doch einfach, so wie er ist. Spüre in Dich hinein, was der Anblick in Dir auslöst. Ohne zu hinterfragen, wie das physikalisch möglich ist. 

Die Geburt eines Kindes oder die Liebe zu einem anderen Menschen sind nicht weniger magisch, obwohl wir natürlich heut zu Tage die biologischen und chemischen Abläufe kennen, die zu Grunde liegen. Wobei vielleicht die Frage nie ganz geklärt werden wird, was zuerst da war, das Huhn oder das Ei...

Ich bin fest überzeugt (und meine Erfahrungen haben es im Laufe der letzten 40 Jahre fortwährend bestätigt), dass wir Einfluss nehmen können auf unser Leben. Auf unser Schicksal. Woran ich übrigens ebenso felsenfest glaube. Zufälle gibt es für mich nicht. Aber das bedeutet nicht, dass wir machtlos sind. Mit nichten. "Bewusst-sein" ist schon mal ein ganz entscheidender Faktor und Schlüssel zum eigenen Geschick. Was ich klar sehe und objektiv einschätze, damit kann ich auch umgehen. Mir muss also bewusst sein, was ich ändern kann (falls es mich stört), was ich hin nehmen muss (weil ich es nicht ändern kann) und vor allem muss ich das eine vom anderen zu unterscheiden wissen. Das ist eine Grundregel nicht nur in der Magie, sondern auch in der Psychologie und alltäglichen Lebensführung.

Genauso entscheiden wir uns jeden Tag aufs Neue in moralischen Dingen. Das nennen wir Gewissen. Es gibt zwei Dinge, die wir nicht zurück nehmen können: Den geschossenen Pfeil und das gesprochene Wort. Denkt einmal darüber nach. Sind nicht vielleicht, so gesehen, Himmel und Hölle gar nichts anderes als Karma? Wenn Du Dir am Ende des Tages noch im Spiegel in die Augen schauen kannst, ist das schon mal ein gutes Zeichen. Wenn Du am Ende Deines Lebens, danach, auf viele schlimme Dinge zurück zu blicken hast, dann musst Du damit zurecht kommen. Und es beim nächsten Mal am besten wieder gut machen. Aber das gilt auch schon im Leben. 

Die dreifache Regel nehme ich daher sehr ernst. Alles was Du aussendest, kommt dreimal zu Dir zurück, sagen wir. Im Guten wie im Schlechten. Wer arbeitet und aussät, der wird Lohn erhalten, ernten können. Wer lügt und betrügt, verrät und verletzt, wird irgendwann auffliegen bzw. mit den Konsequenzen konfrontiert werden.

Ich sage: Gedanken sind mächtig. Worte haben Kraft. Der Glaube kann Berge versetzen. Der mentale Antrieb, ein Ziel zu erreichen oder auch nicht, versetzt Dich in die Lage, es wirklich zu schaffen - oder auch nicht. Denk immer an die Hummel, die nicht weiß, dass sie eigentlich, rein physikalisch betrachtet, gar nicht fliegen kann. Sie tut es einfach. Sie ist sich der wirkenden Naturgesetze nicht bewusst und setzt sich deshalb darüber hinweg.

Nehmen wir eine rote Rose. Wenn ich sie für einen Zauber verwende, der sich vielleicht mit Liebe oder Herzensgüte befasst, ist die Blüte an sich erstmal nicht mehr oder weniger magisch als ein Laib Brot oder eine Kristallkugel. Meine Assoziationen laden sie mit der Kraft auf, die ihr von Natur aus bereits gegeben ist. Meine Gedanken und Absichten verstärken ihre Natur. Ich sehe ihre Farbe und verbinde damit Liebe, Blut, Leidenschaft. Ich sehe, dass ihr Stiel auch Dornen hat. So wie jede Partnerschaft eben auch. Ich rieche ihren betörenden, verführerischen Duft. Ich weiß, dass sie sich aus einer zarten Knospe immer weiter entfaltet hat. Kein Teil ist in meinem Universum "einfach nur so", wie es auf den ersten Blick erscheint. Ich erfasse es im Ganzen, soweit es mir eben möglich ist. Und dann lege ich all das, was ich damit verbinde, in meine Vorstellung vom gewünschten Ergebnis. Soviel mal in meinem kleinen Exkurs zur Zauberei. 

Auch Kochen ist nichts anderes als Magie. Ein rein transformativer Akt. Wie im Ritual wählen wir die nötigen Zutaten aus. Geben Gewürze hinzu, um dem ganzen etwas Pfiff zu verleihen. Wir überlegen was passt. Und dann wird schlussendlich aus vielen Einzelteilen etwas völlig Neues, ein Ganzes, zusammen geschmolzen. Worin nebenbei bemerkt auch die althergebrachte, nicht zu unterschätzende  "Küchenmagie" ihre Ursprünge hat. Ihr lest also unter anderem gerade ein Plädoyer auf das womöglich wirklich älteste Gewerbe der Welt. Auf eine Kunst, ein Handwerk und eine Wissenschaft. Auf die irgendwie natürlichste Sache, die man sich vorstellen kann.

Die sogenannte "Magie der leeren Hand" funktioniert ebenfalls zweifelsohne. Sie ist nichts anderes, als eine Form von Gebet. An wen oder was auch immer gerichtet. Aber ich wasche weder ohne Weichspüler, noch werde ich ein Ritual ohne etwas Beiwerk ausführen. Das kann alles sein, was für mein Empfinden stimmig erscheint. Kerzen, Schnüre, Öle, Steine, Federn, Kräuter, Püppchen oder Alltagsgegenstände. Der Kreativität sind hier keine Grenzen gesetzt. Denn sie ist der Spielplatz jeglicher Art von Magie. Wir weben sie in der Traumzeit. Wie wir Menschen Kunst erschaffen, sind wir auch die Mitschöpfer unserer Realität.

Diese Tatsache macht uns "nach Gottes Vorbild geschaffen". Indem wir selber an jedem Tag (Mit-)Schöpfer sind. Ob wir nun schreiben, malen, töpfern, backen, gärtnern, Zahlen analysieren, heilen oder zaubern.

Vieles lässt sich also beeinflussen, beschützen, positiv wenden oder einen leichten Schwung in die richtige Richtung verleihen. Gedanken werden Worte, Worte werden Taten und schon ist es wahr. Wir manifestieren unsere Realität permanent. Häufig jedoch ohne uns dessen bewusst zu sein. Mantren sind ein gutes Beispiel. Sage Dir einmal spaßeshalber 30 Tage lang jeden Morgen ins Gesicht, dass Du hübsch und liebenswert bist. Lächle dabei. Du wirst es verinnerlichen, bis Du es selber glaubst. Irgendwann strahlst Du diese Überzeugung automatisch aus und die Menschen, die Dir begegnen, reagieren auch entsprechend auf Dich. Allerdings funktioniert dieses Prinzip auch umgekehrt. Wenn Du Dir ständig sagst, dass Du nicht genug bist, hässlich oder dumm, dann wirst Du das ebenfalls irgendwann selber glauben... Und schon sind wir bei der allseits bekannten "selbst erfüllenden Prophezeigung" angelangt. Wir programmieren. Uns. Die Welt. Die Umstände.

Weshalb lesen wir denn unseren Kindern Märchen vor? Sicherlich, um sie zu unterhalten. Aber sie lernen auch daraus. In allen alten Geschichten sind mächtige Botschaften verborgen. Schätze, die es zu heben gilt. Die den Charakter formen, ermutigen und unterschwellig sogar auf das Leben vorbereiten. Viele dieser alten Gute-Nacht-Geschichten sind objektiv betrachtet regelrecht grausam. Sie erzählen von Initiationsreisen, Visionssuchen, vom zerstückelt und wieder zusammengesetzt werden. Nichts anderes passiert im Laufe eines Lebens jedem Menschen. Wir lieben, leiden, lachen, werden verletzt, wir scheitern. Aber im besten Fall stehen wir auch wieder auf. Richten das Krönchen und begeben uns zu neuen Abenteuern.

Als nichts anderes betrachte ich die Bibel im Prinzip. Sie ist ein großes, wichtiges und durchaus aussagekräftiges Märchenbuch, in meinen Augen. Eine lehrreiche Bildergeschichte über die Menschheit, die Moral und ihrer beider Entstehung. Eine Orientierungshilfe. Die man vielleicht nicht immer unbedingt allzu wörtlich nehmen sollte. Und in der Art und Weise, wie sie formuliert wurde, vermutlich auch einigen eher dienlich als anderen. Aber darum geht es hier nicht.

Wir waren beim Manifestieren stehen geblieben und dabei, wie wir selbst jeden Tag aufs Neue unsere Welt beeinflussen. Wie wir sie formen und verändern können. Womit ich übrigens nicht behaupte, die ewig gültigen Gesetze umgehen zu können. Es gibt Regeln, die lassen sich auch mit massiver Gedankenkraft nicht brechen. Höchstens die Grenze können wir dehnen. Der Tod gehört dazu. Er ist einer der Stützpfeiler in diesem magischen Konstrukt. Alles in der materiellen Welt ist dem Verfallsprozess unterworfen. Menschen, Tiere, Bäume, Blumen, Steine. Sie alle haben zwar verschieden lang währende Lebenszyklen. Aber fest steht, nichts davon lebt ewig. Was geboren wird, muss auch sterben.

Heutzutage träume ich, unter der vollen Mondin um ein Feuer zu tanzen. Im Kreise vertrauter Frauen. Begleitet von den Geister-Rasseln, einem stampfenden Rhythmus und dem Klang von Trommeln, die mich bis ins Mark durchdringen. Ich träume davon, über die Felder meiner Wahlheimat zu fliegen und einen Baum in ihrer Mitte zu umarmen. Ich träume von meinem Wald und von Nebel. Von der atemlosen, befreienden Hetze des Laufens. Solche Erinnerungen vermischen regelmäßig mein aktuelles und längst vergangene Leben miteinander. Diese Sequenzen erinnern mich an die Sehnsucht nach Freiheit, wenn ich es mit den To-do-Listen, Kalendereinträgen, Terminen und dem Drang nach Perfektionismus wieder einmal übertrieben habe. Mein Körper sendet somit einen zuverlässigen Weckruf, wenn ich vom Weg ab zu kommen drohe. 

Jedoch brauchte es viele schmerzhafte Jahre und Erfahrungen, diesen Ruf zu verstehen. Ihn nicht auszublenden. Sondern aufzuschrecken und zu erkennen, das etwas nicht stimmt. Dass die Selbstfürsorge auf den Plan rücken musste. 

Derartige Gedanken-Verknüpfungen sind für mich so selbstverständlich. Warum seht Ihr das nicht? Das frage ich mich manchmal. Wieso versteht Ihr die Wunder nicht? Warum wisst Ihr sie nicht zu schätzen? Bin ich eine Form dessen, was Ihr heut zu Tage als Autisten bezeichnet? Seit wann ist es krank, sich nicht vollkommen an eine ungesunde Gesellschaft anzupassen, die sich selbst nicht mehr kennt oder wertschätzen kann? 

Wenn ich sage "lasst uns die Feste feiern, wie sie fallen und das Leben genießen", dann meine ich JETZT. Weil dies das (d)eine, das entscheidende Leben ist. Du bekommst keine zweite Chance, es zu meistern. Mach das Beste daraus. Jeden Tag aufs Neue. Immer wieder. Jeden Tag besser als zuvor. Wir sind die Alten. Wir sind die Neuen. Stärker als zuvor.

Montag, 4. Mai 2020

So weit, so gut

Ein Stück weit Normalität hat in den Städten wieder Einzug gehalten. Aber ich werde das Gefühl nicht los, dass nichts jemals so ganz werden wird, wie es einmal war. Die Frage ist natürlich, wäre das eigentlich wünschenswert. Wir sollten unsere Lektionen lernen und dann vermutlich ein neues Gefühl von "normal" etablieren. Beim Anblick der leeren Straßen konnte ich mich nie entscheiden, ob ich mich über diesen Frieden und Stillstand nun freuen sollte oder schreiend im Kreis rennen und trauern. Über das, was wir verloren haben. Wieder ein Riss mehr im Vorhang der Illusion von Sicherheit. 

Die Welt sieht so normal aus. Macht es das besser oder schlimmer? Ist dieser Zustand schön oder schrecklich? Kommt wohl auf den Blickwinkel an, aus dem man es betrachtet. Tröstlich ist der Hauch von Beständigkeit, an dem wir uns festhalten können. Meine Baumfreunde hinter dem Haus. Ich sehe sie zu jeder Tageszeit und jeder Jahreszeit. Sie erblühen wie eh und je. Wenn ich mich in ihrem Anblick versenke, steht alles still und ich empfinde pures Glück. Ich lasse mich auf diese Momente des All-ein-seins ein und spüre, ich liebe diese Welt so sehr, dass es weh tut. Sie ist so wunderschön, jeder Blick aus dem Fenster  ein Geschenk. Ich sehe strahlende Sonne, blauen Himmel, bunte Blumen und Grün so weit das Auge reicht. Das macht mich ehrfürchtig. So intensiv, dass mir der Atem stockt. Da soll noch einer sagen, wir kriegten im Leben nichts geschenkt.

Postapokalyptische Szenarien maskierter Menschen, überfüllter Krankenhäuser, von Security an den Eingängen der Geschäfte und die Verschiebungen im Alltag bilden dazu einen harten Kontrast. Mein Hirn kommt mit diesen Gegensätzen manchmal gar nicht klar und im Gesamten wirkt das für mich völlig surreal. Mein Unterbewusstsein hat da ganz schön zu knacken. Ich merke das, an meinen wirren Träumen oder der Tatsache, dass ich seit einer Weile plötzlich wieder zu unkontrollierten Fressattacken neige. Nachts im Halbschlaf den Kühlschrank plündern, wie ein Zombie, der über die Schokolade herfällt. Auf Kleinigkeiten reagiere ich dünnhäutig und häufig beschleicht mich dieser Tage der Verdacht, dass die Depression hinter der nächsten Ecke lauert. Womit ich längst nicht allein dastehe, wenn ich mich in meinem Freundeskreis so umschaue. Vieles bringt mich leicht aus dem Konzept. Dann schleiche ich vor Unsicherheit wie die Katze um den heißen Brei herum. Die Anspannung wiederum und die schlechte Ernährung sind nicht gut für meinen Darm. Bei der letzten Spiegelung im März hatte man mir noch mitgeteilt, dass der Crohn komplett ruhte. Wenn das so weiter geht, schlägt er wieder Alarm und dadurch werde ich dann anfälliger. Ein Teufelskreis.

Andererseits bin ich etwas weniger hektisch oder sagen wir mal, ein bisschen gelassener im Umgang mit mir. Sogar die Geduld ist mir begegnet. Dieses Wort und meinen Namen hätte man bislang wohl die ganzen vierzig Jahre meines Lebens nicht in einem Satz genannt. Platzt der Nagellack halt ab und die Fenster bleiben fleckig. Was soll´s. Außer im Supermarkt begegne ich niemandem und zu Besuch kommt soweit auch keiner. Musste die Welt dafür erst untergehen? Um zu realisieren, dass es nicht darauf ankommt was wir für Klamotten anziehen, wenn wir uns mit unseren Leuten treffen? Sondern darauf, sie zu treffen? Mit sich selbst so nachsichtig zu sein tut wirklich gut. Ich bin gespannt, ob  mir diese Einsicht auch erhalten bleibt, wenn wirklich alles irgendwann wieder seinen gewohnten Gang gehen sollte.

An die Stelle von Verabredungen zum Frühstück, für Parties, zu Fußballspielen und anderen Events sind vorerst Video-Meetings, Facetime-Calls und lustige WhatsApp-Challenges getreten. Wofür ich dann aber doch wieder in die Maske gehe. Manche Dinge ändern sich einfach nie. Wie rührend es plötzlich sein kann, wenn Deine Freundin ihre Kartenlegung per Videoaufzeichnung mit Dir teilt. Ihr liebes Gesicht zu sehen und Dir für einen Augenblick so vorzukommen, als stünde sie vor Dir. Da muss ich unwillkürlich selber auch lächeln. Oder aber sich gegenseitig zu zu prosten und   ein paar Minuten lang dem Irrglauben hinzugeben, man säße tatsächlich gemeinsam am Tisch. Schön, dass wir diese technischen Möglichkeiten haben. Auch wenn am Ende des Videos oder Calls kurz eine kleine, schmerzliche Sehnsucht aufsteigt.

Ich denke der Tag wird schon kommen, wo wir wirklich wieder gemeinsam Zeit verbringen. Wie auch immer dann die Rahmenbedingungen ausschauen mögen. Ganz in Echt, Face to Face. Ohne unsere Trinkspiele und die geselligen Runden im Schmetterzirkel wird ja sonst noch ein ganz vernünftiges Mädchen aus mir. Die Göttin bewahre mich davor! Was wären die Wochenenden auf Dauer ohne die dreckigen Witze von F., die Männergeschichten von C. oder die tiefgründigen Unterhaltungen mit J., die so ganz anders ist als ich und trotzdem so verdammt gleich?! Ich vermisse Euch wirklich. Die fette Lache von K., Gott-und-die-Welt-Gespräche mit D. So viele tolle Menschen in meinem Leben. So ein fabelhaftes gallisches Dorf, in dem wir leben. So endlos viele Mosaik-Steinchen, die mein Dasein zu einem erfüllten machen. Und aus unserem Wohnort ein Zuhause. Zu wissen, dass ich angekommen bin, wo ich hingehöre. Unbezahlbar. Und wert darauf zu warten, um es zu beschützen.



Was macht jemanden eigentlich zu einem tollen Menschen? Was macht einen Ort zu einer Heimat? Ich glaube da muss schon ganz viel zusammen kommen. Echt soll es sein. Ungekünstelt. Und für meinen Teil kann ich sagen, solche Formen der Verbindung entstehen aus Gefühlen. Seit meinem 16. Lebensjahr war ich ohne Familie und so verzweifelt auf der Suche nach einem Nest, einem richtigen Zuhause. Nach Geborgenheit. Ich liebe Dinge, die bleiben, müsst Ihr wissen. Als Mädchen damals oder junge Frau war ich einfach schon zu oft gezwungen gewesen, von vorn anzufangen. Stetiger Wandel, mal hier hin und mal dort hin, sind mir seit dem ein Graus. Leben bedeutet natürlich Entwicklung, Wachstum und Veränderung. Das gehört dazu, ob wir wollen oder nicht. Manchmal ist es schön und wünschenswert. Dann wieder erwischt es uns eiskalt. 

Am 6. Januar, wenn die Rauhnächte enden, ziehe ich immer meine neue Jahreskarte. Diesmal war es eine, die mich mit einem Schlag in Aufruhr versetzte. Kein gutes Blatt, ganz und gar nicht. Wenn die Bilder aus diesem Deck nicht bereits seit Jahren immer wieder so verdammt zutreffend und wortwörtlich zu nehmen gewesen wären, hätte ich vielleicht mit mehr Deutungsspielraum an die Sache heran gehen können. So wusste ich bereits vorab, es würde nicht einfach werden. Zwar hatte ich keine Ahnung, was genau geschehen würde. Aber inzwischen sehe ich da auf Grund der aktuellen Entwicklungen schon klarer. Auch wenn ich keine Negativität verbreiten möchte, wir sollten diese Sache schon ernst nehmen. Was das angeht, stehen wir glaube ich wirklich noch am Anfang einer sehr besonderen Zeit. Womit ich leider nicht nur die positiven Sinneswandel anspreche, die hier bei vielen Menschen entstehen.

Wenn man so will, wurde ich auf die Situation bestens vorbereitet. Seit über einem Jahr arbeite ich nun schon Vollzeit von Zuhause aus. In der Digitalisierungs-Branche. Durch meinen kurzen Ausflug in den Einzelhandel vor zwei oder drei Jahren konnte bzw. musste ich damals meine immunsuppressive Behandlung abbrechen. Sicherlich in Zeiten von Corona nicht die schlechteste Ausgangslage. Nachdem ich die dauerhafte Stressbelastung, Depression und  Schicksalsschläge der Vergangenheit hinter mir gelassen und abgearbeitet hatte, ging es mir auch gesundheitlich immer besser. Der Darm kam wie gesagt  zur Ruhe. Kein Bluthochdruck, keine Rhythmusstörungen, keine Panikattacken,  keine ständigen Infektionskrankheiten, kein Übergewicht, keine Betablocker und anderen täglichen Pillencocktails mehr. Ich habe meine Ernährung umgestellt und sogar im letzten Sommer mit dem Joggen angefangen. Anfang diesen Jahres haben wir mir daheim einen ergonomischen Arbeitsplatz eingerichtet, weil ich die permanente Verspannungsmigräne einfach nicht mehr ertrug. Insofern kann ich eine Weile ohne meine Physio-Therapeutin auskommen. Denkbar beste Voraussetzungen in dieser Krise, würde ich sagen. Zufall? Daran habe ich noch nie geglaubt. Ich nenne das Schicksal.

Als T. neulich meinen letzten Blog-Beitrag gelesen hatte, kommentierte sie ihn auf facebook. Sie meinte, dass sie die ganze Zeit über Artemis als sehr deutlich präsent empfunden hätte. Es ging um meine neue Liebe zum Laufen, das sich für mich wie fliegen anfühlt, meine alte Liebe zum Wald, der mir ein Gefühl von Freiheit vermittelt und meine immer währende Liebe zu den Tieren, mit denen ich mich verbunden fühle.  Womit wir zu einer weiteren, sehr spannenden und betrachtenswerten Synchronizität kommen. Im Jahr 2017 nämlich war Artemis, aus eben jenem Deck, dessen ich mich schon ewig für meine Jahreskarten bediene, meine persönliche Jahresbegleitung. Und dieses Jahr war für mich ein ganz besonderes, ein großartiges, sehr wichtiges. Ein wirklich gutes. In 2017 habe ich unter Artemis Führung und Motto "Selbstbestimmtheit" wieder zu mir gefunden. Ich habe mich selbst zurück erobert und bin nach all dem Elend der voraus gegangenen Jahre endlich wieder aufgestanden. Dieser Einfluss hat mich seither nie ganz verlassen. Denn mit jedem darauf folgenden Jahr wurde ich wieder ein Stück weit mehr zu mir. Ich erfand mich neu. Entdeckte alte Talente, erschuf eine stärkere, bessere und schönere Version von mir, als ich es zuvor gewesen war.

Wir Menschen lernen ja von Geschichten. In meiner tiefen Verzweiflung über das Leid und den Schmerz, die mir für 2020 als Hauptthema prophezeit worden waren, wendete ich mich natürlich an meine Seelen-Schwestern. A., P., S. und A. legten ihrerseits Karten, um die Bedeutung von meiner zu hinterfragen und tiefer ins Detail sehen zu können. Ihre Erklärungen erschienen mir einleuchtend und machten durchaus Sinn. Tatsächlich kann ich zum jetzigen Stand meines Wissens sagen, dass sie richtig gelegen haben. Mal losgelöst betrachtet von den Ereignissen, die sich seither parallel in der Welt um uns herum abspielen. Beides steht nämlich, wie immer, in direktem Zusammenhang. Jede Ursache hat ihre Wirkung. Alles ist verbunden. Ein loser Faden kann das gesamte Netz instabil machen. Der Impact, den Corona aktuell auf mein persönliches Leben und Empfinden hat, spiegelt sich in den einzelnen Teilbereichen, die meine Freundinnen angesprochen hatten. 

Es geht um Themen, Glaubenssätze, Verhaltensmuster und Ängste dabei, die ich dachte bereits für immer hinter mir gelassen zu haben.  Doch wer ist schon gefeit, wenn so etwas riesenhaftes geschieht? Eine globale Sache, die sich eben nicht nur auf mich auswirkt, sondern wirklich jeden betrifft. Da können schon mal alte Wunden wieder aufbrechen. Bisher ist es mir gelungen, sämtliche Angelegenheiten in den Griff zu kriegen, die sich zeigten. Bis heute ist jede dieser Konfrontationen für mich gut ausgegangen. Ich trete ihnen jetzt gegenüber, ohne zu zittern. In meinem Inneren steht Athena aufrecht da, mit ihrem Schild und ihrem Speer. Und sie wartet erst einmal ab. Denn sie weiß um ihre Stärke. Aber wir haben auch gerade erst Anfang Mai. Man soll den Tag bekanntlich nicht vor dem Abend loben. Der Großteil des Jahres steht noch bevor und was noch auf uns zukommt, wissen wir nicht. Ich werde einen Teufel tun, das noch gezielter zu hinterfragen. Darüber hinaus ist, wie ich bereits eingeräumt habe, definitiv nicht alles daran schlecht. Heilung kann bekanntlich nur geschehen, wenn wir uns der Verletzung wirklich hinwenden. Dazu müssen wir sie anschauen und sie versorgen. Auch wenn es weh tut.

Klar, dass mir die Karte jedenfalls nicht aus dem Kopf gehen wollte und ich mich mit so wenig Information anfangs nicht zufrieden gab. In einer ruhigen Minute zog ich selber also noch zwei weitere Karten hinzu, wieder aus dem Göttinnengeflüster. Ich wollte wissen, was das Jahr mir persönlichen bringen würde und bekam zur Antwort Lilith. Eine weitere alte Bekannte. In 2012 war sie lauthals und schäumend vor Wut in mein Leben getreten. Unter Hekates Anleitung und mit ihr an meiner Seite wagte ich einen großen Schritt. Beendete alt hergebrachtes, das nicht mehr gut für mich war und stellte mich neuen Herausforderungen. Ich stand auf. Es war genug. Voller Angst zwar und tief verzweifelt damals noch, aber ich tat es.

Ich verstehe Lilith heute und sie zeigte sich gleich von Anfang an deutlich. Sie macht mich stark, wild und frei. Als hinzutretender Impuls und dritte im Bunde, erschien Inanna. Wie lang und alt und schier endlos meine Geschichte mit ihr doch zu sein scheint. Da waren wir wieder. Sie und ich. War ich wirklich so naiv? Immer noch? Geglaubt haben zu können, ich hätte alle Schatten schon durchlaufen und endgültig hinter mir gelassen? Natürlich sind sie mir jeder für sich bereits begegnet. Aber wie es ausschaut, ist ein finales Gegenübertreten nötig, um tatsächlich abzuschließen. Um mich zu beweisen.

Die Geschichte von Inannas Abstieg in die Unterwelt las ich zum ersten Mal, einen richtig dicken Wälzer, als ich zwölf oder vierzehn gewesen sein muss. Was soll ich sagen. Eine Story, die nie aus der Mode kommen wird. Die jede Frau im Laufe ihres Lebens erlebt. Mehrfach sogar womöglich. Immer dann, wenn wir uns verfranst haben und von unserem Weg abgekommen sind. Dann werden wir gezwungen, unsere Route zu korrigieren. Müssen Stück für Stück ablegen, wovon wir dachten, dass es uns ausmachen würde. Bar und nackt und bloß und verletzlich unserer Schöpferin gegenüber treten. Uns selbst. Was dann bleibt, darauf kannst Du neu aufbauen. Sollte jede mindestens ansatzweise einmal gelesen haben. Ebenso wie "die Wolfsfrau", mal so am Rande gesagt. Insgesamt jedenfalls ergibt es unter dem Strich ein ziemlich rundes Bild. Athena, die auszog, um das Fürchten zu lernen. Und was sie letztlich fand, als sie alle Prüfungen bestanden hatte, den Schatz, am Ende des Regenbogens oder in einer Höhle von einer wunderschönen Drachin bewacht, war sie selbst.

Fortsetzung folgt...

Samstag, 30. Januar 2016

Sei die Hexe, die du sein willst!

Unter dem Motto ruft die liebe > Liath < in ihrem neuesten Post gerade dazu auf, Dich selbst zu erkennen und Dich ggf. in Deinem Blog als Hexe zu erklären. Wie arbeitest Du? Was macht Dein Hexendasein aus? Wie gehst Du Deinen ureigenen Weg und was unterscheidet Dich womöglich gerade auch von anderen Hexen?

Ich denke zunächst mal ist es ja ein Grundprinzip im Leben einer jeden (freifliegenden) Hexe, dass wir eben gerade keinem Dogma folgen. Sondern uns in allen Glaubens- und Religionssystemen belesen und recherchieren, die uns in irgendeiner Art interessieren. So habe ich es für meinen Teil gemacht und damit habe ich schon als ziemlich junges Mädchen angefangen.  Was mich dazu führte, die von meinen Eltern und den Lehrern in der Schule beispielhaft zitierte Bibel als eine Ansammlung von symbolträchtigen Geschichten zu betrachten. So sehe ich das heute auch noch. Abgesehen davon dass ich inzwischen heraus gefunden habe wieviel von deren Inhalt tatsächlich aus weitaus älteren Kulturen herausgepickt und adaptiert worden ist. Nichtmal die Geschichte von Noah und seiner Arche ist tatsächlich biblisch, sondern sumerischen Ursprungs. Aber ich schweife ab.

Heut zu Tage erkenne ich somit die Wichtigkeit der überlieferten Botschaften über Initiationswege, Abstiege in die Unterwelt u.ä. aus volkstümlichen Werken oder altertümlicher Mythologie für mich an und arbeite teilweise damit. Wenn ich einem Pantheon oder System Wesen oder "Praktiken" bzw. Überlieferungen entdecke, die sich für mich richtig anfühlen, stimmig - dann übernehme ich sie für mich. Zunächst taste ich mich langsam heran. Lerne kennen, probiere aus, fühle mich rein. Dann merkt frau würde ich sagen relativ schnell ob sie in dieser Sache ein Stück weit zuhause ist oder auch nicht.

Generell würde ich sagen die Götter und Göttinnen Deines Lebens kommen schon auf Dich zu. Da brauchst Du im ersten Schritt mal nicht viel dazu zu tun. Lediglich die Augen und Sinne offen halten. Bereit sein, die Zeichen zu erkennen und die Stimmen nicht auszublenden. Der Rest wird sich beinahe wie von selbst entwickeln. Und dann wirst Du wirklich wach...

Vom Prinzip her würde ich mich ehrlich gesagt nicht als rein weiße Hexe bezeichnen. Natürlich verstehe ich mich auf verschiedene Möglichkeiten der Heilkunst und versuche mit meinen Künsten immer das Beste für mich und meine Lieben im Leben zu erreichen. Dennoch hat die Welt auch Schattenseiten. Für mich gibt es nicht nur schwarz und weiß, sondern auch etliche Grauabstufungen und vor Allem noch so viele andere Farben mehr. Das bedeutet beispielsweise dass Gerechtigkeit bei meinen Idealen einen hohen Stellenwert einnimmt. Muss wohl auch so sein, wenn ich mich mit Athena identifiziere. Die war schließlich auch nie zimperlich. 

Darum kümmere ich mich jedenfalls zur Not auch mal selbst. Weil ich nämlich nicht nur der Meinung bin dass Loslassen und Verzeihen immer die einzig richtigen Methoden sind, mittels derer wir heil werden und heilen können. Manchmal ist ein Ausgleich - den andere womöglich als Racheakt bezeichnen würden - die einzige Möglichkeit, sich Genugtuung zu verschaffen und Abstand zu bekommen. Somit stehe ich hier ganz offen dazu dass ich auch schon zu Methoden gegriffen habe, die nicht wirklich etwas Gutes zur Absicht hatten. Jedenfalls nicht aus der Sicht meines Gegenübers. Sondern einen Denkzettel verpassen sollten, Gleiches mit Gleichem vergelten. Das habe ich offen gestanden bis heute nie bereut. Wohl aber vorher lange abgewartet und die Konsequenzen durchdacht. Denn leichtfertig mit unseren Gaben umgehen sollten wir trotz allem nie. 

Viele, die hier mitlesen, würden vielleicht auch nie meinen dass bei meinen Zaubersprüchen oder Handwerkszeugen auch mal Körperflüssigkeiten wie Blut zum Einsatz kommen. Dem ist allerdings schon so. Nicht alles was ich mache schildere ich hier haarklein und das hat natürlich seine Gründe. Denkt jetzt aber bitte nicht gleich das Schlimmste. Ich bin ein lieber Mensch und lasse mir viel gefallen. Aber ich habe gelernt definitv nicht die andere Wange auch noch hin zu halten. Das sollte man respektieren. Allerdings muß es schon knüppeldicke kommen, um mich aus der Reserve zu locken. Und wenn ich von Blut oder Haaren und sonstigem spreche, dann geht es dabei auch nicht unbedingt um Verwünschungen. Sondern vor Allem auch um meine eigene Kraft, die ich bündele und einzusetzen vermag.

Weibliche Spiritualität ist für mich das große Schlagwort. Ein Kreis von gleichgesinnten Frauen hat große Macht, die ich würdige, anerkenne und genieße. Luisa Francia ist mir ein großes Idol. Voodoo und Santeria interessieren mich sehr. Ich lese da und probiere mich wiederum aus, taste mich heran, lerne kennen. Stelle mich vor. Ebenso ergeht es mir mit der germanischen Mythologie oder eben dem griechischen Pantheon, aus dem meine große Muttergöttin Hekate stammt. Zur ihr insbesondere unterhalte ich ein sehr persönliches und wirklich inniges Verhältnis, könnte man sagen. Ich fühle mich als und bin ihre Tochter, in allen Facetten, die das mit sich bringt. Dabei geht es aber nicht nur um Magie, Kräuterkunde und Giftmischerei oder Divination. Sondern allem voran um die großen Irrungen und Wirrungen, Weggabelungen und Entscheidungen des Lebens. Eines Tages ergriff sie meine Hand und war fortan an meiner Seite. Seit dem bin ich keine Stunde mehr ohne sie gewesen. Vor ihr knie ich auch, selbst wenn sie das nicht verlangt, sondern eher sogar ungern sieht in bestimmten Lebenslagen.

Meine Magie könnte man vermutlich als sehr bodenständig, alltagstauglich und möglicher Weise sogar volkstümlich bezeichnen. Spirit für die Spirits eben ;) Kerzen, Tabak, Muscheln, eine Trommel, eingefrorener Schnee, Sigillen, Knoten, Hühngergötter, Kräuter, Räucherharze, Lebensmittel, Nadel und Faden - vor Allem aber das gesprochene oder auch geschriebene Wort; ich bin der Meinung dass Magie das Netz ist, welches Alles mit Allem verbindet und wir können es zu jeder Zeit auf jegliche Art beeinflussen. 

Meine Erfahrung hat mich gelehrt dass es grund gütige Dämonen genauso gibt wie absolute Arschloch-Engel. Pardon für den Ausdruck, aber es stimmt. An der Sache mit den Archetypen ist was dran, aber ansonten kann frau einfach nicht jeden über einen Kamm scheren. Götter, Naturgeister, Ahnen, Engel, Dämonen und sonstige Wesen haben eigene Charaktäre und Wesenszüge, wie wir Menschen auch. Sie besitzen ihre Vorlieben, Ablehnung wie eigene Geschichte.

Reinkarnation - die Zyklen von Leben, Tod und Wiedergeburt - sind für mich der einzig denkbare Weg von Gerechtigkeit und davon, wie es überhaupt funktionieren kann. Daran glaube ich schon so lange ich denken kann. Ich erzählte meinen Eltern von meinen vergangen Leben als ich noch längst nicht zur Schule ging. Atlantis hat in meinen Augen wirklich einmal existiert. Das war eine Hochkultur, die sich zu Grunde gerichtet hat, wie unsere heutige ungefähr auch. Überlebt haben viele ihrer Zeugnisse im Alten Ägypten, so sehe ich das. Orte wie Avalon sind statt dessen meiner Meinung nach nicht in der materiellen Welt anzutreffen. Wir können sie erreichen, aber nicht in dem unser fleischlicher Körper dort hin reist.

Eine Sünde wäre es unser Leben nicht zu leben. Verzichten, sich selbst beschränken und geisseln, das ist nichts was die Göttinnenkultur von uns verlangt oder uns jemals lehren würde. Akte der Liebe, Freude, des Feierns, der Extase und von Genuß - das ist Leben. Höhen und Tiefen, Auf- und Abstieg, jegliche Art von Erfahrung gehört dazu. Denn schließlich sind wir hier um zu lernen. Auf einer materillen Ebene. Wo wir Schmerz, körperliche Liebe, die Eindrücke unserer Sinne erleben. Das ist etwas anderes als die bloße Existenz einer Seele.

Dazu haben wir hier jegliche Hilfsmittel, die wir uns nur vorstellen können. Insofern verstehe ich mich auf Kräuter für Tees, Räucherungen oder Einreibungen, um kleinere oder größere Zipperlein zu lindern oder gleich ganz zu heilen. Auf bestimmte Sprüche, Symbole oder Handlungen. Und wenn mir nichts bekannt ist, dann schaffe ich mein eigenes. Denn das ist die Kraft unseres Geistes, der Magie, des Lebens und der göttlichen Macht, die alles durchströmt.

Zu gewissen Zeiten fertige oder nutze ich Amulette und Talismane. Um etwas anzuziehen, manchmal auch um etwas von mir fernzuhalten. Vieles davon hat mir der eigenen Einstellung, der Entwicklung zu tun. Nicht zuletzt fordern die Götter, die Spirits, die Ahnen - wen auch immer wir zu Rate ziehen - ihre Opfer von uns, wenn sie uns hilfreich zur Seite stehen. Diese sind häufig nichtmal materieller Natur. Das kann ein schöner Stein sein, eine Kerze, eine Blume. Womöglich sogar ein Schmuckstück. Denn wenn Du Dir wirklich, so richtig etwas wünschst, dann mußt Du auch bereit sein etwas dafür zu geben. Häufig jedoch ist es ein Akt der Überwindung. Wo Du Deine Komfortzone verlassen und selbst Federn lassen mußt. Bei mir haben die "Prüfungen" häufig mit Vertrauen zu tun. Denn das ist ein "Wort", ein Akt, der mir im Halse stecken bleibt. Die Konditionierung der Vergangenheit macht es mir schwer damit. Es tut weh, macht mir Angst. Meine Göttin erwartet es von mir. Nicht nur ihrer selbst gegenüber, oh nein.

Was wir alle gemeinsam haben ist glaube ich, dass die Hexen auf Ausgleich bestrebt sind. Im eigenen Dasein ebenso wie in der Welt da draußen. Deshalb agieren wir alle in unserem eigenen Rahmen. In einem großen Kreis die eine, die andere im ganz kleinen Rahmen. Sicherlich haben die meisten von uns eine Ader, anderen zu helfen. Sie sprechen sich beispielsweise gern bei mir aus, fragen um meine Meinung, um Rat. Das ist mir schon seit jeher so gegangen. Und es ist schön. 

Diese große, zauberhafte, wunderschöne Welt spricht ihre eigene Sprache, das glaube ich. Melodien, Düfte, Zahlen, Farben, Symbole, Tiere mit ihren eigenen Botschaften, Begegnungen - das alles korrespondiert miteinander und läßt sich "lesen". Wenn wir bereit dazu sind, dann sind wir auch in der Lage zu verstehen. Was für mich im Umkehrschluß bedeutet dass wir unser eigenes Dasein entschlüsseln können, wenn wir in der Lage sind den Jahreskreis anzuerkennen, in seinen Rhythmen zu leben, mit dem Lauf der Sterne, der Sonne und des Mondes zu gehen. Denn nichts ist wirklich von einander getrennt. In Wirklichkeit sind wir eine große, pulsierende, lebendige Einheit. Voll von Energie. Die liebevoll sein kann, aber auch verzehrend, manches Mal zerstörerisch. Weil wir Menschen sind. Weil uns der freie Wille gegeben ist. Weil wir die Macht haben und die Wahl, eigene Entscheidungen zu treffen.

Daher immer wieder mein Leit- und Wahlspruch, der im Leben große Zuversicht spenden kann: Es geht um den Mut, Dinge zu ändern, die wir ändern können. Die Kraft Dinge hin zu nehmen, die wir nicht ändern können. Und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.

Mittwoch, 11. November 2015

Traditionen


"Tradition bedeutet nicht die Asche anzubeten,
sondern die Flamme lebendig zu halten."

So und nicht anders. Ich habe hier übrigens nicht das Wasser mit dem Feuer verwechselt, was das Fotomotiv angeht. Ich will damit sagen: Alles befindet sich im Fluß. Aus Nomaden sind irgendwann Ackerbauern geworden, aus Stämmen wurden erst Dörfer, dann im Laufe der Zeit Städte. Wie wir Menschen, mit unserer Technologie, Medizin, Raumfahrt und Forschung, so verändert sich auch das Gesicht der Spiritualität, wie wir sie leben. Nichts bleibt wie es war, das ist ein Naturgesetz. Alles befindet sich im stetigen Wandel. Leben in seiner reinsten Form verläuft in Wellen, Spiralen, Zyklen, Rhythmen. Nur leider sind es häufig genau diejenigen, die solche Mantren gebestsmühlenartig predigen (sie stimmen ja auch), die an ihre Grenzen geraten, wenn es um die Weiterentwicklung von Ritualen und Göttinnenverehrung geht. 

Getreu dem obigen Motto lebe ich meine Magie, das Hexentum, wie ich auch meinen Alltag lebe. Ich gehe mit der Zeit. In einem Rahmen natürlich, der mir paßt und mit dem ich zurecht komme. Ich nutze also mein Smartphone, das Internet, nehme moderne Medikamente ein, wenn es nötig ist, fahre im Auto mit usw. usf. 

Wieso sollte es dann nicht auch möglich sein, eine Göttin in der Stadt zu verehren oder Nagellack zu tragen, lustig zu sein, das Leben in vollem Umfang auszukosten und zu gestalten? Meint Ihr etwa, die Göttin Hekate hätte noch nie etwas von Flaschenbier, E-Zigaretten und Haarfärbemitteln gehört? Das mögen zwar irrwitzig wild heraus gegriffene Beispiele sein, aber es ist Fakt. Die Götter sind doch keine Hinterwäldler. Die sehen unsere Lebensumstände. Es interessiert sie nicht ob eine in einer wallenden Kutte zum Ritual daher kommt oder in Jeans und mit anrasierten Haaren. Solange es real ist und gut für diejenige, kräht überhaupt kein Hahn da nach. So jedenfalls meine Erfahrung.

Ich finde es wunderbar und stimmungsvoll eine Dreiwegskreuzung aufzusuchen und Hekate dort einen Granatapfel oder auch Räucherwerk und Gemüse zu opfern. Doch wenn zuviel los ist abends in der Gegend, dann mache ich das genauso auf der heimischen Terrasse oder meinem Altar im Esszimmer. Das Gefühl und die Absicht spielen dabei eine Rolle, nicht wo es passiert. Ist es Dir ernst? Kannst Du Dich fokussieren, egal wo Du gerade bist und was für Klammotten Du trägst? Wunderbar, Du hast das Geheimnis IN DIR gefunden. Denn nirgends sonst wirst Du es finden können. Lasst Euch nichts einreden. Traditionen, Bräuche und Überlieferungen sind wichtig, sonst gäbe es ja überhaupt keine Kultur. Aber Dogma ist das genau Gegenteil von dem, was ich unter Hexenkunst verstehe. Hexen fliegen frei. Sie lassen sich nichts aufdrängen, nichtmal von sich selbst ;) Es gibt keine Regeln, vergiß das nicht. Außer Du machst sie. Dann lenkst Du Energie und sie nimmt Gestalt an. Bravo, Du hast etwas manifestiert!

Wobei ich vorsichtshalber bemerken sollte, dass man sicherlich, wenn man sich als naturspirituell bezeichnet, dem Jahreskreis etwas abgewinnen können sollte und der Natur an sich. Wenn ich den Wechsel, den Wandel und die Qualität der Zeit nicht sehe und in mir spüre oder in einem Wald so rein gar nichts wahrnehme, dann habe ich mich evtl. nicht so ganz richtig spirituell angesiedelt. Das dürte auf der Hand liegen. In irgendeiner Form fühlen sich alle Hexen den Naturphänomenen, Tieren und der Umwelt zugetan. Sonne, Mond, Steine, Wasser, Erde, Feuer, Wind, Bäume, Katzen, Hunde, Vögel, whatever. Irgendeine Resonanz wirst Du sicherlich fühlen. Aber keine Sorge, Du mußt nicht gleich die ganze Welt lieben, denn es liebt Dich sicher auch nicht jedes einzelne Individuum in ihr ;)

Natürlich sollten wir lernen und uns ernsthaft mit den Wurzeln unseres Pantheons auseinander setzen. Das verbuche ich aber unter Respekt, Verehrung und Interesse, nicht unter "Du mußt das so tun und nicht anders, sonst funktioniert das nicht". Staubtrocken und todernst sind die allermeisten Götter übrigens auch nicht. Die haben eine gute Portion Humor parat, da kann sich manch einer noch eine Scheibe von abschneiden. Lachen ist gesund! Aus dem Feiern ist jegliche Art von Fest und Ritual überhaupt erst entstanden. Auch in einer Zeremonie darf gelacht werden, sogar mal etwas schief laufen. Dass man sich nicht lustig machen oder mit mangelnder Ernsthaftigkeit an die Sache heran gehen sollte, das versteht sich wohl von selbst.

Was glaubt Ihr wer uns den Funken freien Willens und Verstandes eingehaucht hat, wenn nicht die Götter? Nicht ohne Grund kommen sie mit vielen ach so menschlichen Wesenszügen und Eigenschaften daher. Denn sie sind doch die Schöpfer und haben uns wohl nach ihrem eigenen Vorbild geschaffen, oder nicht? Dann dürfte man auch davon ausgehen, sie wollen, dass wir eigenständig denken, handeln, gestalten und machen und tun. 

Wie gesagt, Tradition, Überlieferung und Hintergründe sind mir sehr sehr wichtig, wenn ich mich mit jemandem beschäftige. Aber alles hat seinen Zeitgeist und mit dem gehen auch die Götter, davon gehe ich ganz fest aus. Also bei mir hat sich jedenfalls noch nie jemand beschwert, weil ich am heimischen Tisch orakelt habe, oder auf der Kommode meine Opfer dargebracht. 

Man muß sich einfach mal überlegen dass die Götter, wie wir sie heute kennen, vor Jahrtausenden oder Jahrhunderten von Menschen definiert worden sind.Ihre Abbilder und Kulte entstanden zu verschiedenen, längst vergangenen Zeiten. Ihre Attribute und Aufgabenbereiche nahmen im Laufe der Jahre zu, also muß und darf man wohl getrost davon ausgehen, dass auch sie selbst sich mit der Zeitrechnung entwickelt haben. Niemand erwartet heut zu Tage dass für ein Vollmondritual jemand zu Fuß einen Dreitagemarsch in Kauf nimmt, um eine entsprechende Kultstelle zu erreichen. Früher ging es nur oftmals gar nicht anders, das war der Punkt. Ich glaube was ich sagen will ist klar. Luisa hat mal geschrieben "wenn Du Deine Magie nicht zwischen Kartoffelschälen und Suppe kochen machen kannst, dann taugt sie nichts". So ungefähr jedenfalls. Und da bin ich voll bei ihr. Will nämlich heißen: Du machst die Umstände, nicht die Umstände bestimmen über Dich und Deine inneren Kräfte oder Glaubenssätze. Es gibt keine Regeln, nochmal. Was Du zur Verfügung hast und wo Du gerade bist, daraus kannst Du jederzeit etwas machen, Dein Süppchen kochen. Spiritualität muß alltagstauglich sein, für jedermann zugänglich, ohne Gatekeeper. Sonst könnte ich ja auch gleich in die Kirche gehen, hehe. Entweder Dur spürst etwas oder nicht. Das läßt sich nicht wie mit einem Schalter an- und aus- knipsen. Und vor Allem von niemand anderem, außer von Dir selbst.

Diese Gedanken begleiten mich schon ewig und ich weiß gar nicht ob ich sie jemals so niedergebracht habe, bisher. Aber heute hatte ich eine angeregte Diskussion mit einer ganz lieben "Schwester im Geiste", wo das Thema so in der Richtung mal angeschnitten worden ist. Von daher, hier habt Ihr mein Pamphlet! :D

Dienstag, 24. Februar 2015

Mein magischer Alltag: Von der Natur der Dinge

Warum muß Alles immer so kompliziert sein? So huschi-buschi? Ich mag es ja klischeehaft, das gebe ich zu. Hexenhüte, geringelte Strumpfhosen, Glaskugel, Glöckchenvorhänge, Nebel und Rauch... Find ich total klasse. Aber das heißt erstens nicht, daß ich nur weil ich mich als Hexe betrachte und danach lebe, auch "so rumlaufe", wie Leute es aus dem Fernsehen kennen bzw. es erwarten würden. Zweitens bin ich keinem Märchen entsprungen und auch keiner meiner geliebten Fernseh-Serien, wo Energiebälle geschleudert und Zeitsprünge gemacht werden, was das Zeug hält... Über die Bedeutung des Hexenglaubens an sich hatte ich glaube ich früher schon öfter mal was geschrieben und mache das ganz sicher auch immer mal wieder so nebenher.

Heute wollte ich eher mal was dazu sagen, wie mein Leben mit der Magie und dem Hexentum eigentlich so aussieht. Abgesehen von dem eben, was ich hier in Wort und Bild so festhalte. Ich berichte ja, wenn es nichts zu Persönliches ist, ab und an immer mal über ein spezielles Ritual, eine Kräutermischung oder Dinge in der Art. Wie die meisten von uns eben. Was natürlich auch, neben Trends und Hypes und Modeerscheinungen, dazu geführt hat, wie "wir" in Film und Fernsehen dargestellt werden. Dämonen, Geister, Energien, Resulate von Zaubereien müssen dort in irgendeiner Form visuell dargestellt werden. Sonst gäbe  es A) keine Action und B) würde der Zuschauer quasi völlig im Dunkeln tappen um was es überhaupt geht, was gerade passiert.

Nicht an jedem Tag oder zu jeder Gelegenheit wälze ich (m)ein Buch der Schatten, reime große Sprüche und mache dann ein Wahnsinns-Ritual mit Anrufung der Himmelsrichtungen, Elemente und all meiner Schutzgeister oder sonstigen Helferwesen. Zu besonderen Gelegenheiten sicherlich, da darf es dann auch schon mal großes Kino sein. Wenn die Zeit reif ist, wenn sie ausreicht, wenn der Anlaß es gebietet, wenn ich den Kopf dafür frei habe. Zu den Jahreskreisfesten beispielsweise vielleicht oder bei bedeutenden Schritten im Leben, etwas in der Art. Ich brauche kein Kopftuch mit klingenden Münzen dran zu tragen oder einen Schleier, keine Robe oder evtl. auf bestimmte Lebensmittel zu verzichten, um "meinen Weg" zu gehen. Denn mein Weg ist mein Weg. Wenn ich mit meiner Göttin in Kontakt treten möchte (man kann das gerne Beten nennen und es paßt auch teilweise, aber es ist nicht zwangsläufig eine einseitige Konversation), dann kann ich dies zu jeder Zeit und an jedem Ort. Es braucht für mich keine Kirche oder einen Priester. Ich habe meinen eigenen Altar, die Natur um mich herum, die Wesen darin und vor Allem - meine inneren Welten. Einen unendlichen Raum, der permanent zur Verfügung steht.

Mein Alltag unterscheidet sich daher vermutlich nicht allzu sehr von dem anderer Frauen. Ich gehe zur Arbeit, schminke mich, liebe hübsche Kleinigkeiten, quatsche und tratsche, schicke WhatsApp-Nachrichten mit Freundinnen, gehe einkaufen usw. usf. Während all dieser Gelegenheiten bin ich doch Ich und somit "die Naturspirituelle". Womöglich bedeutet das "nur" schlicht und einfach, daß ich die Welt mit ein wenig anderen Augen sehe. Offener vielleicht, mit Gefühl. Was mich nicht automatisch zu einem fehlerfreien, ernsten Moralapostel macht. Ich habe Ups and Downs wie jede(r) andere, gute und schlechte Tage. Aber an Allen weiß ich das Leben in mir und um mich herum sehr zu schätzen. Es ist für mich eine natürliche Einstellung, was ich glaube. Nichts Ausgefallenes, Modernes, Besonderes, Exklusives. Es ist mir einfach nur bewußt. Dementsprechend gestalte ich meinen Alltag und nach Möglichkeit eben mein Leben.

Der Wandel in mir und meiner Umwelt im Zuge der Jahreszeiten ist mir bewußt und etwas vollkommen(es) Normales. Ich gestehe mir selbst zu und kann anerkennen, daß mein Leben nicht geradlinig verläuft, sondern in Wellen, Spiralen und Rhythmen, die nicht gleich bleibend sind. Auch wenn das sicher bequemer und in manchen Phasen einfacher wäre. Wenigstens verstehe ich für mich auf diese Weise, warum ich im Winter - wie die meisten Menschen unserer Breitengrade - mit dunklen Stimmungen hadere. Es fehlt mir schlicht und einfach die Sonne, so ist das. Das stelle ich mal so als eines von 1.000 Beispielen dahin.

In unserer Wohnung kann man immer an der Dekoration ablesen welche Jahreszeit gerade herrscht. Insbesondere auf meinem Altar lassen sich natürlich noch Rückschlüsse auf das jeweilige Jahreskreisfest ziehen, das aktuell bevor steht oder dessen Energien noch nachschwingen. Genauso wie ich im Hochsommer in der Regel keine dicken Strickpullis tragen werde, finden sich in dieser Saison auch keine Tannenzweige oder Zapfen in der Tischdeko ect. Ganz normal halt, oder? Wird vermutlich bei den meisten Leuten so sein. Evtl. ist es mir lediglich ein wenig bewußter. Eventuell. 

Wenn in meinem Leben ein bestimmtes Vorhaben, eine Angelegenheit absolute Priorität hat, vielleicht sogar sorgenvolle Gedanken mit sich bringt oder auch Vorfreude, dann werde ich vermutlich hinsichtlich dessen eine Kerze besprechen, einen  Talisman fertigen oder ein kleines Opfer in Form von Lebensmitteln an eine bestimmte Gottheit richten. Ob jetzt Knoten weben, Rauch in den Wind schicken, Asche verstreuen, es läuft Alles auf dasselbe hinaus - ich setze ein bewußtes und klares Zeichen an die Göttin, das Universum, das Göttliche, wie auch immer man das nennen mag. Zur Folge hat meine Handlung dann zum Einen den psychologischen Effekt einer getroffenen Entscheidung -> klare Zielsetzung. Zum Anderen setze ich "unsichtbare" / nicht messbare  Prozesse in Gang, die rein durch die Kraft der Gedanken beeinflußbar sind. Der Spruch daß der Glaube Berge versetzen könne, stammt nicht von ungefähr. Jeder Mensch geht anders um mit den Begebenheiten und Herausforderungen seines Daseins, solche Gesten gehören zu meinem.

Aber es gibt vor Allem auch noch die "kleinen" Dinge im Alltag, um die es hier gehen sollte. Selbstverständliche Gedanken und Handlungen, die in Fleisch und Blut übergegangen sind, wie man so schön sagt. Viele davon geschehen rein intuitiv, aus dem Moment heraus. Erst Jahre später manchmal wird meine Herangehensweise mir in Büchern oder anderweitigen Berichten "bestätigt", weil andere genauso fühlen oder in ähnlichen Momenten das Gleiche tun. Generell höre ich sehr viel auf mein Bauchgefühl, horche in mich hinein. Sei es nun in körperlich-gesundheitlichen Belangen, genauso wie in Entscheidungsfragen. Wobei dabei gesagt sein sollte daß es manchmal nicht einfach ist die innere Stimme oder Führung von Helferwesen zu unterscheiden von angstvollen Gedanken. 

Um die Genesung oder wichtigen Wünschen von Menschen oder Tieren die ich liebe zu unterstützen, zünde ich eine Kerze an. Sie sendet ihr Licht in die kleinsten Winkel und überwindet die weitesten Entfernungen. Der  Brauch ist uralt und hat seine Berechtigung. Ich schicke mein Licht. Meine Liebe. Meine Gedanken und Gebete der Heilung. Positive Energie in ihrem reinsten Sinne und den besten Absichten. Wenn ich runter gehe und mich eine Weile im Wohnzimmer aufhalte, dann zünde ich die Kerzen auf meinem Ahnenaltar an. Für die Katzen und Verwandten, die schon gegangen sind und von der anderen Seite über meine Lieben und mich wachen. Es ist eine Anerkennung und meine Ehrerbietung. Hekate hat immer ihre eigene Kerze. Ebenso habe ich mir vor einigen Wochen erst angewöhnt dem Geist unseres Heims, des Hauses, kleine Opfer darzubringen. Für ihn zu räuchern, etwas Leckeres zu teilen, mal auch was Hochprozentiges oder Süßes. Um ihn bei Laune zu halten, könnte man sagen ;-) Ihn ab und zu besänftigen und friedlich zu halten, so wie ich die Stimmung in den eigenen vier Wänden eben gerne hätte.

Genauso halte ich es eigentlich auch wenn ich morgens ins Büro komme und habe das auch schon die letzten Jahre gemacht, sogar noch beim alten Arbeitgeber. Hier jetzt habe ich eine Kerze zu Ehren der Göttin Nemesis, eine Duftkerze und sicherheitshalber auch einen Ableger meiner Wetterkerze von daheim. Man weiß ja nie wann das nächste Gewitter sich ankündigt, hehe. Blumen, Pflanzen und Naturmaterialien gehören für mich zu einem Altar oder Schrein unbedingt dazu. Sie spiegeln die Kräfte der Jahreszeit und der Elemente für mich wieder, das muß einfach sein. Duftkerzen beispielsweise sind ja Boten von Feuer und Luft, sie bereiten ein angenehmes Raumklima und können die Umgebung je nach Färbung des Aromas beeinflussen. Schon seit Jahren zünde ich uns abends vor dem Schlafengehen ein Duftlämpchen mit ätherischem Lavendelöl an. Ich liebe den Duft einfach und es entspannt so herrlich, da werden wir gleich ruhiger. Das ist ein festes, sehr lieb gewonnenes Ritual geworden, auf das wir beide nicht verzichten möchten. Im Winter lasse ich auch nachts das Fenster nicht auf, lüfte nur beim Fernsehen nochmal durch, so daß ich mit dem Lavendel gleich auch das Gefühl einer besseren Luft im Raum bekomme.

So wie man seine Wohnung regelmäßig putzt, damit das Inventar schick und hygienisch bleibt, werden auch die Räume zu bestimmten Gelegenheiten durchgeräuchert. Zum Jahresanfang beispielsweise, um das alte Jahr zu verabschieden, mit all seinen Höhen und Tiefen. Oder nach Krankheiten - seien es nur Erkältungen. Wir sagen dann, daß wir die Krankheitsdämonen austreiben. Man kann im Prinzip sagen daß man die Umgebung wieder steril und rein macht, die Luft säubert, also quasi desinfiziert. Rauch aus verschiedenen Kräutern, Harzen oder Blüten und Blättern kann für mich Trost sein, Unterstützung bei der Heilung, einfach Balsam für die Seele. Er kann auch einfach dabei behilflich sein den Bewußtseinszustand in Richtung Ritual oder Divination zu verändern, je nachdem. Im Büro zünde ich einfach dann und wann mal ein Räucherstäbchen an. Wenn besondere Herausforderungen bevorstehen oder ich einfach mal das Klima durchpusten möchte. Sei es nur mein eigener Kopf. Von Tee mal ganz abgesehen. Gegen jedes Wehwehchen ist ein Kraut gewachsen. Was für mich im Umkehrschluß bedeutet daß ich gerne was zusammen mische, wenn´s bei mir selbst mal zwackt oder jemand im Bekanntenkreis es nötig hat.

Ich weiß und spüre wie die Mondstände meinen Gemütszustand oder die "Wasser" / Gefühle in meinem Körper beeinflussen. Es liegt mir auf der Hand daß abnehmen bei abnehmendem Mond auch leichter fällt, oder daß Fettes an Tagen des zunehmenden Mondes noch eher ansetzt. Das gilt für Rauschmittel (Medikamente, Alkohol, Nikotin, Koffeein) ebenso wie für Körperflege, Wässern der Zimmerpflanzen usw. usf. Das Thema ist schier unerschöpflich. Irgendwie kennen wir es doch Alle, es ist uns nah. Ich träume anders an den Tagen VOR dem Vollmond. Sehr intensiv, voller Bilder und beängstigend real, verschreckend teilweise. In den Nächten dann wo meine Mutter groß und satt und rund am Himmel prangt, da fällt mir - klischeeemäßig - das Schlafen etwas schwerer. Und ich bin damit längst nicht allein in meinem (ganz nüchternen und gar nicht hexischen) Umfeld.

Wenn ich in die Badewanne gehe weiß ich daß das warme Wasser nicht nur meine Haut reinigt und die Muskeln entspannt, sondern auch negative oder einfach anstrengende Schwingungen von den Erlebnissen des Tages mit wegspült. Je nach Lust und Laune oder Sinn und Zweck wähle ich meine Badezusätze dementsprechend aus. Ebenso weiß ich um die unterschwellige Wirkungsweise  gewisser Kräuter und Gewürze beim Essen oder an Getränken. Jede Handlung kann "magisch" sein, sprich einen tieferen Sinn haben, als lediglich den offensichtlichen. So grüße ich jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit einen bestimmten Baum, an dem wir vorbei fahren. Er ist durch einen Zaun und die Straße von mir getrennt, ich werde ihn vielleicht nie berühren können. Aber er berührt mich und ich fühle mich ihm verbunden. Der Baumgeist dieser Kopfweide scheint mir wohl gesonnen und ich besuche ihn dafür häufiger in meinen Träumen.

Vom Zusammensein mit meinen Katzen, die nicht nur meine Kinder, Freunde und Vertraute sind, sondern auch Boten, Krafttiere und Familare, brauche ich glaube ich an dieser Stelle gar nicht erst anzufangen. Ihr wißt wieviel sie mir bedeuten, wenn Ihr hier häufiger lest und könnt vielleicht die extrem enge Verbundenheit, die tiefe Liebe, auch nachvollziehen. Sie sind genauso Teil der Schutzbefohlenen meiner Familienkerze, meiner Ahnengeister und Götter / Göttinnen, wie mein Mann und ich. Und das Alles, wo ich doch so ein nüchterner, bodenständiger Steinbock im Tierkreiszeichen bin. Und ein ziemlich typischer sogar. Wobei ich den Begriff Steinziege vorziehe, er paßt einfach zu gut zu mir ;-) Generell stelle ich fest daß die Menschen in meinem Umfeld in groben Zügen tatsächlich den Zuordnungen ihrer Horoskope entsprechen. Womit ich mich jetzt ganz sicher nicht auf Tageszeitungen und Schundblättchen beziehe, pardon. Sondern eben auf die Grundzüge ihrer Persönlichkeiten. Ob jemand temperamentvoll ist beispielsweise oder zielstrebig. Feurig oder wässrig... Ich bin eine erdige Steinziege mit ganz viel wässrigen Gefühlen, weil mein Aszendent  Krebs so nah am Wasser gebaut ist. Das trifft auch auf mich zu.

Nicht zuletzt nutze ich Orakel (hauptsächlich Karten oder Tarot) als Entscheidungshilfen. Manchmal morgens eine Karte, um die Schwingung des Tages zu erkennen. Oder vor wichtigen Terminen, bei quälenden Fragen und in außergewöhnlichen Situationen. Die Bilder sprechen nicht nur durch die Wörter in ihren Deutungsbüchern zu mir, sondern durch Farben, Symbolik oder ihre Namen. Wobei ein Song im Radio oder "zufällig" aufgeschlagener, dicker Überschriftbalken in einer Zeitschrift den gleichen Zweck erfüllen kann. Je nachdem wie man sich ausrichtet. Ich achte auf Synchronitäten und wenn sie sich in irgendeiner Richtung häufen, dann sollte ich mein Augenmerk dahin lenken. 

All diese Kleinigkeiten im Alltag, aber auch noch 1.000 Dinge mehr, gehören zur Natur, zur Magie, zum Hexentum für mich mit dazu. Unter anderem. Das sind alles sehr persönliche Vorstellungen, die jeder für sich festlegt. Vor Allem finde ich sie ziemlich normal und gar nicht abgehoben. Manch einer mag das anders sehen. Jedenfalls sind das Vorgänge, die für mich in Fleisch und Blut übergegangen sind. So selbstverständlich wie duschen, frische Kleidung anzhiehen oder etwas Schmackhaftes zu essen. Ich wähle bewußt keine Vergleiche mit eher lästigen Verpflichtungen, denn das sind sie für mich nicht. Sie passieren automatisch, ich finde sie ganz normal und keine "großen Akte". Wobei es die auch gibt. Aber das ist wieder eine andere Sache...